Klimawandel

Wetter ist nicht Klima: Über ein grundlegendes Missverständnis in der Klimawandel-Debatte

Panorama / Lesedauer: 5 min

Wetterexperte Sven Plöger erklärt den Unterschied von Klima und Wetter. Dabei werden beliebte „Argumente“ von Leugnern des Klimawandels mit Fakten demaskiert.
Veröffentlicht:19.07.2022, 10:30
Aktualisiert:19.07.2022, 11:25

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Das Wetter ist ein wechselhafter Zeitgenosse. Erst regnet es, dann scheint wieder die Sonne. Mal gibt es eine längere Periode mit dem gleichen Wetter, manchmal ändert es sich Schlag auf Schlag. Beim Klima sieht das anders aus.

Heiße Sommer habe es doch immer schon gegeben, betonen Klimawandel-Leugner gerne. Hitze gehöre nun mal zum Sommer dazu. Und außerdem gebe es auch hin und wieder kalte Winter mit viel Schnee: Wo also ist denn diese Erderwärmung?

Diese "Argumente" unterliegen - bewusst oder unbewusst - Denkfehlern. Wetter wird mit Klima gleichgesetzt, dabei sind das zwei verschiedene Dinge.

Kurzfristiges Ereignis und langfristige Statistik

Wetter ist nicht gleich Klima. Trotzdem werden die beiden Begriffe und ihre Bedeutungen häufig verwechselt oder sogar analog verwendet.

Was wir täglich erleben, weshalb wir mal einen Regenschirm brauchen und manchmal nicht oder ob wir in der einen Woche ständig schwitzen und in der nächsten wieder frieren – das ist das Wetter . Es ist ein kurzfristiges Ereignis. Wissenschaftlich formuliert: der physikalische Zustand der Atmosphäre zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort.

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urn_newsml_dpa (1) (Foto: Henning Kaiser/dpa)

Das Klima ist dagegen die Statistik des Wetters. Dort beobachten Forscher über eine lange Zeit hinweg, wie sich das Wetter entwickelt. Zwei oder auch zehn Jahre reichen dafür nicht aus, es müssen mindestens 30 Jahre analysiert werden.

Laut dem Ulmer Meteorologen und ARD-Wetter-Moderator Sven Plöger ist es wichtig, diesen Unterschied zu verstehen. "Wetter ist das tägliche, für unsere Sinnesorgane fühlbare Geschehen mit all seinem ständigen Hin und Her", sagt Plöger mit Gespräch mit Schwäbische.de. Klima hingegen sei das gemittelte Wetter, sprich: die "Statistik des Wetters".

"Hier werden langjährige Trends betrachtet. Steckt mehr Energie in der Atmosphäre, was durch unseren Ausstoß der Treibhausgase der Fall ist, so steigen die Temperaturen weltweit an", so Plöger.

Klimaforscher beobachten zum Beispiel, wie sich die durchschnittliche Jahrestemperatur über einen langen Zeitraum verändert. Wie viel Regen im Schnitt über viele Jahre hinweg gefallen ist. Damit wollen sie voraussagen können, wie das Wetter sich in der Zukunft entwickeln wird.

Wie Klima und Wetter zusammenhängen

"Wir werden zunehmend Wetterextreme erleben", sagte Experte Roland Roth von der Wetterwarte Süd bei einem Vortrag in Wangen über die Veränderungen in Oberschwaben durch den Klimawandel. "Starkregen, Hagel, Stürme und mitunter auch knackige Frostperioden mit starkem Schneefall sind zu erwarten und selbst Tornados und Wasserhosen werden wir beobachten können."

Vernünftiger Klimaschutz sorgt dafür, dass die derzeitige Entwicklung nicht immer weiter geht. Schaffen wir das nicht, werden menschliches Leid und Kosten ins Unendliche wachsen.

Sven Plöger

Zu spüren war auch die langanhaltende Trockenheit im März dieses Jahres, als es wochenlang nicht regnete. Im Vergleich dazu brachten die Unwetter im vergangenen Jahr im Süden besonders viel Niederschlag und Überschwemmungen. Wenn es aber einmal vier Wochen lang nicht regnet, ist das noch einmal etwas anderes: die Witterung . Damit werden mehrere Wettervorgänge hintereinander bezeichnet.

Die Klimaforscher gehen aber schon davon aus, dass sich der Klimawandel in Form von extremen Wetterereignissen erkennen lässt. Ein Hitzesommer belegt das noch nicht, denn diesem könnten ja auch mehrere kühle, nasse Sommer folgen. Wenn sich innerhalb eines längeren Zeitraums aber viele Dürre- und Trockenperioden häufen, ist das ein Hinweis auf einen Klimawandel.

Sven Plöger beschreibt den Zusammenhang von Wetter und Klima als natürliche Konsequenz: "Weil Wetter und Klima eng zusammenhängen, ist es völlig logisch, dass eine Erwärmung die Wetterabläufe verändert. Ist mehr Energie in der Atmosphäre, kann eben auch mehr freigesetzt werden in Form von Hitze oder Starkregen."

Die vor 30 Jahren von der Klimaforschung bereits gezeigten und heute sichtbaren Signale der Klimaveränderungen zu leugnen, ist sinnlose Zeitverschwendung (...).

Sven Plöger

Die Erderwärmung verändert die Abläufe in der Atmosphäre: "Weil sich der Globus unterschiedlich erwärmt – die Arktis und die Landmassen viel stärker als das Wasser, das viel Energie aufnehmen kann und so den atmosphärischen Temperaturanstieg puffert – strömen die Luftmassen anders als früher. Und das bedeutet anderes Wetter."

Den Leugnern des Klimawandels sagt Plöger: "Die vor 30 Jahren von der Klimaforschung bereits gezeigten und heute sichtbaren Signale der Klimaveränderungen zu leugnen, ist sinnlose Zeitverschwendung bei der wichtigen Aufgabe, die Welt ‚enkelfähig‘ zu machen."

Grafik: Zunahmen an Hitzetage in Baden-Württemberg im Lauf der Zeit

Knappe Wasserressourcen an einigen Orten, stärkere Niederschläge in anderen Teilen der Welt: Der Klimawandel macht aufgrund der Erderwärmung das Klima unausgeglichener und extremer, sagt eine Studie, die 2021 im wissenschaftlichen Magazin "Science Advances" veröffentlicht wurde. Demnach wird unter anderem Nordeuropa zukünftig mit mehr Starkniederschlägen rechnen müssen.

Klimawandel bringt längere Wetterphänomene

Sven Plöger schreibt darüber auch in seinem Buch "Die Alpen und wie sie unser Wetter beeinflussen" in Bezug auf den Jetstream. Das sind Winde in großer Höhe, die Hoch- und Tiefdruckgebiete beeinflussen.

Wir müssen Realitäten anerkennen und entsprechend handeln.

Sven Plöger

"Die Temperaturunterschiede zwischen Äquator und Pol werden geringer, weil das Eis der Arktis so schnell verschwindet. Damit muss die Atmosphäre im Mittel weniger Temperaturunterschiede ausgleichen. Das schwächt den Jetstream auf rund 10 Kilometern Höhe, der bestimmt, wie die Hochs und Tiefs ziehen. Werden sie langsamer, sind sie länger bei uns. Ein andauerndes Sommerhoch führt so zu Dürre und Hitze, ein Tief zu Starkregen und Überschwemmungen."

Auch der Weltklimarat hat 2021 veröffentlicht, dass durch die Erderwärmung Hitzewellen an Intensität und Häufigkeit zunehmen werden, Starkniederschlagsereignisse intensiver werden und es vermehrt zu schweren landwirtschaftlichen und ökologischen Dürren in einigen Regionen der Erde kommen wird.

Klimaschutzmaßnahmen sind laut Sven Plöger gerade aufgrund des voranschreitenden Klimawandels notwendig. "Vernünftiger Klimaschutz sorgt dafür, dass die derzeitige Entwicklung nicht immer weiter geht. Schaffen wir das nicht, werden menschliches Leid und Kosten ins Unendliche wachsen – die Flut der Ahr war ein Vorgeschmack dafür. Daran kann man sich nicht gewöhnen. Wir müssen Realitäten anerkennen und entsprechend handeln."

VIDEO-Umfrage: Wie sehr machen Ihnen Hitze und Trockenheit Sorgen?