Krankenhauspersonal

Forscher arbeiten an Maschinen, die Menschen versorgen können – Das Krankenhauspersonal ablösen sollen die Assistenten nicht.

Panorama / Lesedauer: 6 min

Forscher arbeiten an Maschinen, die Menschen versorgen können – Das Krankenhauspersonal ablösen sollen die Assistenten nicht
Veröffentlicht:25.05.2019, 17:00
Aktualisiert:22.10.2019, 10:00

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Getränke bringen, Betten aufschütteln oder Medikamente aushändigen – dass solche Arbeiten Roboter erledigen, könnte in einigen Jahren Krankenhaus-Realität sein. Der Fachkräftemangel und der demografische Wandel forcieren die Weiterentwicklung digital basierter Lösungen im Pflegebereich. Bis 2030 wird die Anzahl der Pflegebedürftigen um 50 Prozent gestiegen sein, und allein in Deutschland werden eine halbe Million Vollzeitkräfte fehlen.

Die Versorgungslücke könnten Assistenten wie Justin schließen. Der 200 Kilo schwere Roboter, den Wissenschaftler im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt ( DLR ) entwickelt haben, hat die Kraft eines Erwachsenen. Seine Arme sind so stark, dass er problemlos ein Kind tragen könnte, auf seiner rollenden Plattform hält er im Gehtempo mit.

„SMiLE“ heißt das Pilotprojekt, bei dem das DLR mit der Caritas die Tauglichkeit von Weltraum-Robotern in der Pflege testet. Der Begriff steht für „Servicerobotik für Menschen in Lebenssituationen mit Einschränkungen“. Involviert ist auch EDAN, ein rollstuhlbasierter Roboter aus einem Arm mit Hand. Gesteuert über feine Muskelimpulse, hilft er Patienten mit motorischen Einschränkungen bei alltäglichen Dingen wie essen oder trinken. „EDAN nutzt sein Wissen über die Welt, um vorherzusehen, worauf der Patient hinauswill“, erklärt Alexander Dietrich, der am DLR in Oberpfaffenhofen bei München das SMiLE-Projekt leitet. Versteht der Roboter, dass der Patient ein Wasserglas greifen möchte, passt er seine Bewegung eigenständig an, um den Griff zu präzisieren.

Komplexe Vorgänge

Dass EDANS Kollege Justin in der Lage ist, einem Patienten die Medikamente zu bringen, erscheint nicht als technische Meisterleistung. Für Maschinen ist der einfache Vorgang aber hochkomplex, erklärt Ingenieur Dietrich: „Justin benötigt dafür eine Karte des Raums, in dem er sich befindet. Außerdem braucht er eine Objektdatenbank, um zu wissen, wie die Tabletten aussehen. Dann erfasst er seine Umgebung mit seinen Kameras, fährt zum richtigen Schrank, plant die benötigten Kräfte und greift die Tablettenpackung, ohne sie zu zerdrücken.“

Justin kann Patienten nicht waschen oder umbetten. Doch in nicht allzu ferner Zukunft könnten er und seine Roboterkollegen in Krankenhäusern wichtige Assistenten sein. Aufgrund der Alterung der Gesellschaft ist in den kommenden Jahrzehnten ein Anstieg der Krankenhausbehandlungen zu erwarten – um zwölf Prozent auf 19 Millionen Fälle pro Jahr. Glaubt man der Gewerkschaft verdi, reicht das Personal in deutschen Kliniken aber schon jetzt nicht mehr für eine gute Versorgung.

Die Japaner erkannten schon in den 1980er-Jahren, dass Robotertechnik den Fachkräftemangel in der Pflege kompensieren könnte. So stammen die meisten Assistenzsysteme für die Kranken- und Altenpflege von asiatischen Ingenieuren. Die Deutschen scheinen sich beim Gedanken an Roboter in der Pflege weniger wohl zu fühlen. Nur 56 Prozent beantworteten die Frage, ob später ein Roboter sie pflegen dürfte, mit Ja – sofern es keine Alternative gibt oder wenn sie dank des Assistenten weiter zu Hause wohnen oder rund um die Uhr betreut werden könnten.

Ob Patienten Roboter vertrauen, hängt davon ab, wie menschlich diese wirken. Deshalb arbeiten Wissenschaftler auch an deren Persönlichkeitsmodell, erforschen Stimme, Satzbau, Blickrichtung, Ansprache und Gestik. Sie wissen inzwischen, dass Roboter mit leicht geneigtem Kopf freundlicher erscheinen – und glaubwürdiger, wenn ihre Gestik zum Gesagten passt.

Wie Menschen auf Roboter reagieren, erforschen Dietrich Stoevesandt und Patrick Jahn am Universitätsklinikum Halle. Gemeinsam leiten der Facharzt für Radiologie und der Pflegeforscher das Projekt FORMAT, für das sie Roboter im Pflegebereich testen. Eine wichtige Arbeit, denn fast nirgendwo sonst sind Kli-nikalltag, Pflegeforschung und Technologie so eng vernetzt.

Niedliche Erscheinung

Für ihr Projekt beschafften die Wissenschaftler den Roboter Pepper. „Wir haben uns bewusst für ein Modell entschieden, das man kaufen kann“, sagt Jahn . „Denn mit Prototypen kann man auf Krankenhausstationen noch nicht viel anfangen.“ Pepper, den in Halle in Anlehnung an das ansässige „Dorothea Erxleben Lernzentrum“ alle „Thea“ nennen, kostet gut 20 300 Euro. Der Roboter erfüllt die Merkmale des Kindchenschemas: rundes Gesicht, große Augen, kleine Nase, kleines Kinn. Am Universitätsklinikum Halle fänden den 1,20 Meter kleinen Assistenten alle niedlich, sagt Radiologe Stoevesandt. „Nun müssen wir herausfinden, ob Thea auch in einem ernsthaften medizinischen Kontext stehen kann.“

Dafür hat die Maschine zum Beispiel das Informationsgespräch vor einer MRT-Untersuchung übernommen. „Wir wollen herausfinden, wie die Patienten reagieren, ob sie verstehen, was Thea sagt, und ob sie sich das Gesagte gut merken können“, erklärt Projektleiter Stoevesandt. Schon jetzt scheint klar: „Was Thea sagt, sollte sie durch Gestik unterstützen“, so Jahn. Der Forscher war selbst einmal Pfleger und findet es „wichtig, wenn Roboter Hilfsarbeiten übernehmen könnten“.

Aus Stoevesandts Sicht müssen sich Pflegekräfte aber keine Sorgen machen, dass ihnen Roboter die Arbeitsplätze wegnehmen. Dennoch wird sich einiges tun. „Die Revolution durch Robotik wird der industriellen Revolution ähnlich sein“, sagt der Arzt. „Doch gerade die Pflege basiert auf Interaktion mit Menschen, die nicht einfach ersetzbar ist. Der Einsatz von Robotern auf einer Krankenhausstation muss in enger Abstimmung mit den Ethikkommissionen erfolgen.“

Hier kommt Oliver Bendel ins Spiel. Der Wirtschaftsinformatiker der Fachhochschule Nordwestschweiz ist kein Robotergegner, aber er weiß um ihre Tücken. „Mit Servicerobotern handeln wir uns Spione ein, die uns ausschnüffeln könnten.“ Roboter, die Pflegekräfte unterstützen, könnten zwar manchen Bandscheibenvorfall verhindern. Gleichzeitig bestehe das Risiko, dass Geräte gehackt würden und die Beteiligten nicht mehr Herr ihrer Daten seien.

Bendel setzt voraus, dass die Patienten selbst beurteilen, ob die Chancen die Risiken überwiegen. „Außerdem brauchen wir roboterfreie Räume und Gesetze gegen Missbrauch.“ Da die bisherigen Richtlinien die Robotik nicht abdecken, fordert auch das EU-Parlament neue Vorschriften mit klaren ethischen Prinzipien. Neben dem heiklen Thema Datensicherheit beschäftigt sich die Ethik mit der Menschlichkeit. „Berührungen von Robotern vermitteln weder Wärme noch Geborgenheit. Auch der Geruch fehlt“, sagt Bendel, Autor des Buchs „Pflegeroboter“. Echten sozialen Kontakt könne kein Roboter herstellen.

Ersetzen sollen Roboter die Pflegekräfte deshalb nicht, da sind sich die Experten einig. „Technisch wäre es vielleicht in 30 Jahren möglich, dass Krankenhauspatienten morgens zuerst durch eine Waschstraße laufen und dann von Robotern gefüttert werden“, so Bendel. „Doch das wäre ein Horrorszenario, das wir auf keinen Fall zulassen dürfen.“