StartseitePanoramaFall Jasmin M.: Rätsel mit verstörenden Details - das ist dazu bekannt

Spurlos verschwunden

Fall Jasmin M.: Rätsel mit verstörenden Details - das ist dazu bekannt

Eigeltingen-Heudorf / Lesedauer: 7 min

Seit fast einem Jahr fehlt von der jungen Frau jede Spur. Es gibt keine Leiche - aber einen Verdacht. Und was die Ermittler zutage fördern, ist teils sehr befremdlich.
Veröffentlicht:26.01.2024, 05:00

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Seit dem 18. Februar 2023 ist Jasmin M. aus dieser Welt verschwunden. Es gibt keine sterblichen Überreste, kein Grab, aber auch keinen Hinweis, der auf ein absichtliches Abtauchen hindeutet, keinen auf einen Suizid.

Jasmin M. ist wie vom Erdboden verschluckt. Vielleicht liegt ihre Leiche in einem Wald verscharrt, im Bodensee versenkt. Ihre Wohnung im Hegau-Örtchen Heudorf ist wieder vermietet. Niemand weiß, wo sie ist. Oder weiß Robert S. es?

Seit November verhandelt das Landgericht Konstanz gegen den 43-Jährigen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, Jasmin M., seine Ex-Freundin, getötet und, wie es herzlos heißt, „entsorgt“ zu haben.

Ein reiner Indizienprozess, denn Robert S. schweigt konsequent, und das Opfer fehlt. Die Anklage stützt sich vor allem auf digitale Daten, die die Polizei aus M.s Smartphone ausgelesen hat.

Seine beiden Verteidiger machen geltend, dass niemand weiß, was genau geschehen ist. Es gilt die Unschuldsvermutung. Der Staat muss stets einem Angeklagten nachweisen, dass er schuldig ist. Die Anklage fordert zwölfeinhalb Jahre Haft, die Verteidigung Freispruch. Am kommenden Dienstag soll das Urteil gefällt werden.

Die letzte Nachricht ihrer Mutter liest Jasmin nicht mehr

Fastnacht 2023. Karen M., Jasmins Mutter, meldet ihre Tochter als vermisst. Die 21-Jährige hat sich längere Zeit, entgegen ihren Gewohnheiten, nicht mehr gemeldet. Anrufe bleiben unbeantwortet, Whatsapp-Nachrichten ebenfalls - bei einer letzten der Mutter an ihre Tochter erscheinen die zwei blauen Haken, Symbol für „Nachricht gelesen“ nicht mehr.

Karen M. schaltet die Polizei ein. Schnell wird Robert S. verhört, zunächst als Zeuge, dann schon bald als Beschuldigter. Er verwickelt sich in Widersprüche, macht sich verdächtig, sodass er in Untersuchungshaft genommen wird. Und er schweigt seitdem.

Parallel dazu läuft eine der größten Suchaktionen an, die es in Baden-Württemberg je gegeben hat. Hundertschaften der Polizei durchkämmen Wälder, steigen in Abwasserrohre, suchen in landwirtschaftlichen Silos und Scheunen. Freiwillige helfen mit, es kommen Drohnen zum Einsatz, man vermutet die Leiche im Bodensee bei Radolfzell oder im Hochrhein, überall, wo Robert S. in der fraglichen Zeit nachweislich war.

Nichts. Leichenspürhunde finden nur schwache Spuren in ihrer Wohnung, in einem VW Bus des Angeklagten gibt es ein paar wenige Fasern einer Decke, in die er die tote Jasmin eingewickelt haben soll. Alles eher dünne Hinweise.

„On-Off-Beziehung“ zwischen Opfer und Angeklagtem

Das Handy ist ergiebiger. Obwohl Robert S. viele Daten gelöscht hat, können IT-Forensiker sie rekonstruieren. Und stoßen auf Abgründe. Robert S. war ein Stalker. Er war eine Zeitlang mit Jasmin ein Paar, bevor sie sich von ihm trennte. Letzter Auslöser war vielleicht ein Streit, in dem er sie ins Gesicht schlug.

Sie verzichtet auf eine Anzeige, weil er ihr die Zahnarzt-Rechnung zahlt und sich entschuldigt. Mit etwas Abstand aber macht sie Schluss, stellt ihr Profil in den sozialen Medien wieder auf „Single“, verliebt sich bald in einen anderen, jüngeren Mann aus Mengen.

Doch gleichzeitig bleibt Robert S. in ihrem Leben. Beide können nicht voneinander lassen. Sie treffen sich regelmäßig, klar, sie sind ja auch Arbeitskollegen. Doch auch privat hält man Kontakt, bis hin zu gelegentlichem Sex. Mal lässt sie sich von ihm die Füße massieren, mal wirft sie ihn kurzerhand raus. Eine „On-Off-Beziehung“, für Außenstehende schwer nachvollziehen. Es ist kompliziert.

Denn gleichzeitig behelligt der doppelt so alte Mann, der zudem noch verheiratet ist und Kinder aus dieser Ehe hat, seine junge Freundin. Ruft permanent an, und viele Whatsapp-Telefonate spürt die Polizei in der Cloud auf. Der Soko-Leiter spielt sie im Prozess vor, für alle Zuhörer eine extrem unangenehme Erfahrung, wie Robert S. da mit gepresstem Stoß-Atmen Jasmin bedroht, umschmeichelt, beleidigt.

Die Indizien bleiben schwammig

Panik, Wut, Verzweiflung, Sätze wie „Ich beende das!“ Und er belässt es nicht dabei. Er kauft einen GPS-Tracker, montiert ihn heimlich in ihr Auto und ruft mehrfach am Tag ihren Standort ab. Baut sich einen fast vier Meter langen Selfie-Stick, um sie in ihrer Wohnung im ersten Stock durchs Wohnzimmerfenster zu filmen, ja, auch im Schlafzimmer beim Sex mit dem neuen Freund.

Die Ermittler finden mehr und mehr belastende Details. So hat der Beschuldigte in der Nacht vom 18. auf den 19. Februar, wohl ihrem Todestag, Fotos von Jasmin M. gemacht, über mehrere Stunden hinweg. Sie zeigen die Frau schlafend oder tot; ein Sachverständiger kann die Bilder nicht zweifelsfrei interpretieren. Auf den Fotos manipuliert Robert S. ihren Unterleib; ähnliche Motive hatte er aber auch vorher schon einmal gemacht, vermutlich mit ihrem Einverständnis.

Doch sind sie jetzt ein Beweis dafür, dass er sie getötet hat? Und was bedeutet es, dass er die Bilder gelöscht hat, während er seine getrennt von ihm lebende Ehefrau in Küssaberg (Landkreis Waldshut) besucht? Mit ihr hatte er über das fragliche Wochenende viel Kontakt, immer wieder telefoniert, sie dann auch aufgesucht. Weiß sie mehr? Sie erklärt sich nicht zur Sache, tritt im Prozess nicht in Erscheinung.

Mehr als 30 Zeugen sagen im Prozess aus, Ermittler, Ärzte, Freundinnen und Arbeitskollegen, der neue Partner, der ehemalige Arbeitgeber. Sie alle zeichnen das Bild einer jungen, ehrgeizigen Frau, die gerne ihren Job in einem Autohaus ausübt, in ihren kleinen Hund Molly vernarrt ist, sich rührend um die kranke Großmutter in Singen kümmert.

Mutter des Opfers appeliert an Angeklagten

Beeindruckend die Aussage der Mutter, die kontrolliert und reflektiert die Tage des Verschwindens und der Suche schildert. Sie hatte Zweifel an dieser Beziehung: War Robert S. mit seinen 43 Jahren, einer gescheiterten Ehe und in unsteten Verhältnissen lebend der Richtige für ihre Tochter? Doch eingemischt hat sie sich nicht, wusste sie doch, dass ihre Tochter von „der großen Liebe“ gesprochen hatte.

Einmal richtet sie im Verhandlungssaal das Wort direkt an ihn: „Wenn Du sie liebst, dann sage doch, wo sie ist!“ Karen M. fleht ihn an, reinen Tisch zu machen; sie wolle einen Ort für ihre Trauer haben, will abschließen können. Robert S. hört sich den Appell bewegungslos an, äußert sich auch dazu nicht.

Der Prozess findet vor der 4. Strafkammer des Landgerichts Konstanz statt. Der Vorsitzende Richter Arno Hornstein führt mit ruhiger Hand durch die Verhandlung, glättet gelegentliche Spitzen schnell. In den Plädoyers bleibt Oberstaatsanwalt Ulrich Gerlach bei seiner Anklage und fordert, zwei kleinere Delikte eingezogen, zwölfeinhalb Jahre Haft.

Nachstellung, auf Neudeutsch: Stalking, ist ein vergleichsweise neues Delikt, erst sein 2007 im Strafgesetzbuch verankert. „Todesfolge“ kann demnach ein Suizid sein, aber auch eine Tötung durch den Stalker. Für die Anklage sind die Indizien so stark, dass es nicht anders gewesen sein kann: Nach einem Streit habe Robert S. die junge Frau in deren Wohnung durch eine „gewaltsame Handlung“ zu Tode gebracht, ihren Leichnam versteckt, um Spuren zu verwischen.

Gericht ermittelt nicht wegen Mord

Die Nebenklägerin und Opfer-Vertreterin, Rechtsanwältin Johanna Braun, nennt die Tat einen „Femizid“, also die Tat eines Mannes, der vor allem Macht über Frauen ausüben will. Sie geht sogar von Mord aus, weil Robert S. aus „niedrigen Beweggründen“ gehandelt habe und Jasmin M. wehrlos gewesen sei.

Ihre Forderung nach einem „lebenslänglich“ dürfte aber nicht durchkommen, weil das Gericht vorab darauf hingewiesen hat, nicht von Mord auszugehen. Die Kammer hält aber einen Totschlag statt Nachstellung mit Todesfolge für diskutabel.

Die beiden Verteidiger von Robert S. heben vor allem darauf ab, dass es keine unmittelbaren Beweise für Robert S.‘ Schuld gibt. „Wir wissen nichts, gar nichts“, unterstreicht Anwältin Kristina Müller. Sie relativiert sogar das Nachstellen: Jasmin habe sich ja kaum gegen die Aufdringlichkeit ihres Ex-Freundes gewehrt, habe bis zum Schluss freiwillig sogar intimen Kontakt mit ihm gehabt - also just mit demjenigen, der sie getrackt und bedroht habe.

Und letztlich wisse niemand, was das „Kerngeschehen“, die Tötung also, angeht, „was zur fraglichen Zeit passiert ist.“ Und so fordert sie, gemeinsam mit ihrem Kollegen Nicolas Doubleday für ihren Mandanten Freispruch. Das Urteil soll am Dienstag gesprochen werden, fast genau ein Jahr nach der Tat. Jasmin M. bleibt seit Fastnacht 2023 von dieser Welt verschwunden.