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Vom Reiz der Verschwörungstheorien

Panorama / Lesedauer: 6 min

Vom Reiz der Verschwörungstheorien
Veröffentlicht:03.02.2016, 07:00

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Sie waren immer da. Verschwörungstheorien gibt es, seit Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben wurden. Weil Menschen Schuldige suchten, wurden früher Hexen verbrannt. Weil das Unerklärliche verstörend war, sperrte man im Mittelalter Behinderte und Geisteskranke in Kellerlöcher. Am eigenen Schicksal war mal der Nachbar schuld, mal das Nachbardorf. Dann wieder wurde das „Weltjudentum“ gebrandmarkt, der schwarze Mann, der amerikanische Imperialist oder der russische Bolschewik.

Durch die unbegrenzten Vervielfältigungsmöglichkeiten im Internet , durch die Schnelligkeit der Digitalisierung und durch den vom Gesetzgeber lange unbeachteten regelfreien Raum im World Wide Web, werden Verschwörungstheorien immer mehr, immer populärer und immer abstruser. Vom Gift im Gemüse über Erklärungen zur Bankenkrise bis zur Ursache von Aids, findet sich für nahezu jede düstere Frage eine Erklärung im Internet. Je einfacher sie ist, umso besser passt sie in die Argumentationsketten der Verschwörungstheoretiker.

Theorien schießen ins Kraut

Die Erklärungen für das Unerklärliche bieten einen Blick in menschliche Abgründe: So hielt sich lange die Überzeugung, Aids sei in amerikanischen Labors entwickelt worden, um die Schwarzen auszulöschen. Das Verschwinden von Flug MH370 auf dem Weg von Jakarta nach Peking wurde mal düsteren Mächten, dann Geheimagenten und der Mafia angelastet. Da das Wrack bis heute nicht gefunden ist, schießen immer mehr Theorien ins Kraut. Außerdem sollen die Terroranschläge auf das World Trade Center in New York im Jahr 2001 das Werk des israelischen Auslandgeheimdienstes Mossad und der CIA gewesen sein. Diese Theorie ist in arabischen Ländern so populär wie die Überzeugung, der Holocaust sei eine jüdische Erfindung, um das schlechte Gewissen der Welt zu bespielen.

Ein selbstreferentielles System

Giovanni di Lorenzo , Chefredakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“, erklärte jüngst bei einem Vortrag in München, die Verschwörungstheoretiker bewegten sich „in einem selbstreferentiellen System“. Man glaubt nur das, was man glauben will, man liest nur das, was einen bestätigt, den eigenen Standpunkt zu hinterfagen, käme einer Niederlage gleich.

Die Redaktionen seriöser Medien sehen sich zunehmendem Druck aus den sozialen Medien ausgesetzt: bei Facebook und bei Twitter werden Verschwörungstheorien ausgebreitet, Journalisten, Politiker und Wissenschaftler angefeindet. Der Austausch von Meinungen oder der Vorschlag, den gesunden Menschenverstand zu gebrauchen, werden abgelehnt, weil sie von „den Medien“, „der Politik“ oder „der Wissenschaft“ stammen und als Teil des Herrschaftssystems gelten. Es geht nicht um Auseinandersetzung, sondern darum, sich die komplizierte Welt so hinzubiegen, dass das eigene Vorurteil passt. Wenn Angela Merkels Flüchtlingspolitik damit erklärt wird, dass die Bundeskanzlerin Jüdin sei und im Auftrag des „Weltjudentums“ die vielen fremden Menschen ins Land lasse, endet die Debatte, bevor sie überhaupt begonnen hat.

Psychologische Entlastungsfunktion

Dass Journalisten und Politiker bei ihrer Arbeit Fehler machen, dass sie sich im Austausch der Meinungen auch mal verhauen, um sich dann zu korrigieren, verstärkt bei Verschwörungstheoretikern den Eindruck, man werde von düsteren Mächten beherrscht. „Zeit“-Mann di Lorenzo sagt, dass die Art des Umgangs mit Fehlern entscheidend sei: Die selbstkritischen Diskussionen nach der Silvesternacht von Köln zeigten, dass die Medien und die Politik ein „sich selbst korrigierendes System“ seien. Doch die Fokussierung auf die Fehler, wie sie Verschwörungstheoretiker betreiben, habe auch eine psychologische Entlastungsfunktion: Man halte sich am Fehler fest, ohne den Korrekturprozess zu würdigen.

Flüchtlingskrise vom Westen angestachelt?

Verschwörungstheoretiker gibt es links wie rechts, aber nur sehr selten in der politischen Mitte. Die aber ist verunsichert, weil sie sich in der Flüchtlingsdebatte weder von Frau Merkel vertreten sieht noch von der hetzerischen Alternative für Deutschland ( AfD ). Seit dem Ende des klassischen Konflikts zwischen Kommunismus und Kapitalismus finden links und rechts grenzüberschreitend zueinander, um die Verschwörung zu enttarnen. Intelligenz oder Bildung schützen dabei nicht vor Irrtum. Vergangene Woche bekam ich eine E-Mail von einem Freund aus Damaskus. Der war früher einmal Kommunist und hat sich lange vor allen Dingen für die Literatur der DDR interessiert. In dieser E-Mail aus Damaskus befand sich ein Link auf eine Facebook Seite, die auf den Film eines französischen Fernsehsenders führte. Allen Ernstes wurde darin beschrieben, dass die Flüchtlingskrise einzig und allein dafür gemacht worden sei, den Staat Syrien, das syrische Regime zu schädigen. Steigbügelhalter dieser Entwicklung seien das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen oder auch böse westliche Mächte.

Der Freund in Damaskus, der ein kluger, gebildeter Mann ist, ist ein Säkularer, der mit Religion wenig am Hute hat. Als ich ihn wegen der Weiterverbreitung dieses Machwerks kritisierte, bemühte er auch noch einen der berüchtigten deutschen Verschwörungstheoretiker: Udo Ulfkotte, ehemaliger Redakteur der FAZ, heute strammer AfD-Parteigänger und ausgewiesen xenophob.

Besondere Ironie

Wie sehr Menschen gerade in einer Krise an eine große Verschwörung zu glauben bereit sind, zeigt sich besonders in Russland. Wo die Bürger während der Herrschaft der KPdSU mit Unwahrheiten über den moralischen Verfall des Westens, in den sie selbst nicht reisen durften, gefüttert wurden, fällt die einfache Erklärung auf fruchtbaren Boden. Russische Medien verbreiten Propaganda über das Leben im Westen, wie im Falle des angeblich entführten und vergewaltigten russischstämmigen Mädchens aus Berlin. Diese wird begierig aufgegriffen von Russlanddeutschen oder auch der AfD. Russlands Außenminister Sergej Lawrow, der eigentlich als besonnen gilt, machte den Fall der 13-Jährigen zur diplomatischen Affäre und hielt Deutschland einen Vortrag über Rechtsstaatlichkeit. Er begab sich damit auf eine Stufe, auf der russische Minister sich für gewöhnlich nicht bewegen, weil individuelle Schicksale auch in der postsowjetischen Denke nur wenig Platz haben. Dass Russlanddeutsche, deren Eltern vor Russlands Herrschern nach Deutschland flohen, sich von ebenjenen Herrschern instrumentalisieren lassen, ist eine besondere Ironie.

Dass die AfD sich das Thema zu eigen macht und es als Beweis für die Verdorbenheit Deutschlands zitiert, zeigt, wes Geistes Kind sie ist. Sie zieht ihre Popularität vor allem aus den sozialen Medien und aus der Überzeugung, dass alles in der Welt auf eine große, feindliche Verschwörung zurückzuführen sei: die Banken, die Medien, die Flüchtlinge.

Die Mitte nicht vernachlässigen

Wenn Politik und Medien zu viel Aufmerksamkeit auf Verschwörungstheorien und eine Angst-Partei vergeben, wird die politische Mitte in Deutschland vernachlässigt. Diese Mitte aber macht die Mehrheit der Menschen in diesem Land aus. Sie ist immun gegen Extremismus, aufgeklärt, gefeit gegen Verschwörungstheorien. Aber sie ist zutiefst verunsichert. Sich um diese Mitte zu bemühen, ist die große Herausforderung für die Politik und für die Medien.