Hautkrebs

Dem schwarzen Hautkrebs auf der Spur

Essen / Lesedauer: 6 min

Neue Hoffnung für Patienten mit schlechter Diagnose – Forscher versuchen, die gefährlichen Metastasen aufzuspüren und in Schach zu halten
Veröffentlicht:30.07.2022, 12:00

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Der Tumor hat bereits gestreut.“ Für Krebspatienten ist dieser kurze Satz eine echte Hiobsbotschaft. Sterben doch 90 Prozent der Betroffenen nicht etwa an ihrem ursprünglichen Tumor, sondern an den „Metastasen“ genannten Tochtergeschwülsten.

Besonders schnell und damit auch besonders gefährlich ist der schwarze Hautkrebs. Wuchern seine Metastasen erst einmal in der Lunge, in der Leber oder im Gehirn, sinken die Überlebenschancen deutlich. Um das zu ändern, setzen sich Alpaslan Tasdogan von der Universitätsmedizin Essen und sein Team auf die Spur dieser streuenden Hautkrebs-Zellen: „Wir untersuchen die Veränderungen im Stoffwechsel, die es Tumorzellen erst ermöglichen, Metastasen zu bilden“, erklärt der Arzt und Naturwissenschaftler. „Kennen wir die Unterschiede in den verschiedenen Stadien der Metastasierung, sind wir erst in der Lage, auch die Achillesferse zu identifizieren, an der wir die Metastasen angreifen und in Schach halten können“, umreißt der Forscher sein Vorhaben.

Die Sonne ist das Risiko

Noch lieber wäre es Alpaslan Tasdogan aber, wenn der schwarze Hautkrebs erst gar nicht entsteht oder zumindest nicht streut. Der Anfang einer solchen Tragödie liegt oft in einem Solarium oder beim Sonnenbaden in der Natur. Dabei dringt ultraviolettes Licht tief in die Haut ein und kann unter Umständen das Erbgut der Zellen ein wenig verändern. In den allermeisten Fällen repariert der Organismus den entstandenen Schaden schnell und problemlos. In ganz seltenen Fällen aber verändert das ultraviolette Licht eine „B-raf“ genannte Erbinformation, nach deren Vorlage der Organismus das Protein B-Raf produziert, das eine wichtige Funktion bei der Vermehrung und Spezialisierung von Körperzellen spielt. „Bei der Mehrheit aller Fälle ist eine solche B-raf-Mutation der erste Schritt auf dem Weg zu einem schwarzen Hautkrebs,“ erklärt Alpaslan Tasdogan.

Je häufiger man sich in der Sonne aalt oder sich im Solarium bräunen lässt, umso größer ist das Risiko, dass UV-Licht in einer der vielen Hautzellen das Erbgut verändert. Besonders gefährlich sind die ultravioletten Strahlen für Menschen mit heller Haut und blonden oder roten Haaren. Nach einer solchen Veränderung des B-raf-Gens müssen normalerweise noch einige weitere, meist sehr seltene Mutationen passieren, bis oft erst nach vielen Jahren eine Tumorzelle entsteht.

Häufig taucht dann ein meist nur Millimeter-großer dunkler Fleck auf der Haut auf, der braun bis schwarz ist, aber auch bläulich oder rötlich schimmern kann und oft eine unregelmäßige Form hat. Anfangs breitet sich der Tumor an der Oberfläche aus, wächst aber oft auch in die Tiefe und erreicht die Lederhaut. Dort können die Krebszellen in die Blut- und Lymphbahnen gelangen, sich so im Körper ausbreiten und Metastasen bilden.

Solange der schwarze Hautkrebs an der Oberfläche bleibt, lässt er sich gut behandeln. Ist die Geschwulst dagegen erst einmal bis in die Lederhaut vorgestoßen und verbreitet Metastasen, sinken die Heilungschancen erheblich. „Je früher ein schwarzer Hautkrebs entdeckt wird, umso besser stehen die Chancen für den Patienten“, erklärt Alpaslan Tasdogan. „Deshalb sind regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen so wichtig!“ Das sehen die gesetzlichen Krankenkassen ähnlich und übernehmen bei über 35-Jährigen alle zwei Jahre eine solche Vorsorge.

Schwerstarbeit für die Tumorzelle

Je früher der Tumor entdeckt wurde, umso größer ist die Chance auf die erlösende Nachricht: „Er hat noch nicht gestreut“. Alpaslan Tasdogan interessiert sich allerdings vor allem für die anderen Fälle mit erheblich schlechterer Prognose. „Dabei gelangen durchschnittlich eine bis drei Millionen Tumorzellen in die Blutbahn“, erklärt der Forscher und Dermatologe. „Aber nur weniger als 0,01 Prozent dieser Zellen bilden schließlich erfolgreich eine Metastase“.

Für ein erfolgreiches Streuen müssen die Zellen also offensichtlich recht hohe Hürden überwinden. So wechselt die Tumorzelle in eine völlig neue Umgebung: Im schwarzen Hautkrebs ist sie auf allen Seiten von anderen Zellen umgeben, mit denen sie fest verbunden ist. Um über die Blutbahn zu anderen Organen getragen zu werden, muss die Tumorzelle sich von diesen Nachbarn erst einmal lösen. Später tauchen die Zellen dann in Lymphknoten auf. Oder sie bilden in der Lunge eine Metastase. Möglicherweise wächst eine Tochtergeschwulst auch in der Leber oder im Gehirn. In allen diesen Fällen aber landet die Tumorzelle in einer völlig neuen Umgebung, die sich grundlegend vom ursprünglichen schwarzen Hautkrebs unterscheidet, aus dem sie stammt. Um sich dort zu behaupten, muss die Tumorzelle ihren Stoffwechsel gut anpassen. Das aber schaffen nur die wenigsten.

Glukose ist der Schlüssel

Wie ihnen diese Anpassung gelingt, untersucht Alpaslan Tasdogan mit einem markierten Zucker, den Biochemiker als „Glukose“ bezeichnen. „In dieser Verbindung wurden alle sechs Kohlenstoff-Atome gegen das schwerere Kohlenstoff-13 ausgetauscht“, erklärt der Forscher. Dieses Isotop C-13 ist nicht radioaktiv und ist in der Natur sehr selten. Da Glukose ein sehr guter und wichtiger Energielieferant für den Organismus ist, wird diese Verbindung rasch verwendet. Tumorzellen benötigen viel Energie, deshalb taucht das C-13 vor allem dort auf. Und da moderne Geräte solche schwereren Isotope zuverlässig messen, können Alpaslan Tasdogan und sein Team beobachten, wie sich der Stoffwechsel in der Tumorzelle verändert und die Zelle so an die neue Umgebung anpasst.

Dabei verwendet die Tumorzelle die besonders energiereiche und rasch verwendbare Glukose, um die hohe Hürde der schwierigen Anpassung an die neue Umgebung zu überwinden. Beim Abbau der Glukose entsteht als Abfallprodukt Milchsäure oder Laktat. Diese Verbindung verwenden die Krebszellen zwar ebenfalls als Energiequelle, die allerdings deutlich weniger ergiebig als Glukose ist. Daher greifen Tumorzellen auf Laktat zurück, um ihren Grund-Haushalt am Laufen zu halten, während die energiereiche Glukose die aufwändigen Anpassungen der Tumorzellen unterhält.

Zumindest haben Alpaslan Tasdogan und sein Team diesen Vorgang in menschlichen schwarzen Hautkrebszellen beobachtet, die in Mäusen gewachsen sind. „Jetzt wollen wir an der Universitätsmedizin Essen mit 13-C-Glukose bald auch den Stoffwechsel von Hautkrebs- und anderen Tumorzellen in Patienten untersuchen“, erklärt der Forscher. Geplant ist das sowohl vor als auch nach einer Therapie. Diese Behandlung funktioniert zwar normalerweise gut. Nur entwickeln Krebszellen meist rasch Widerstandskräfte gegen diese Therapie und der Tumor beginnt wieder zu wachsen. Wie sich bei diesen Resistenzen der Stoffwechsel der Tumorzellen verändert, will das Team an der Universitätsmedizin in Essen mit Hilfe der C-13-Glukose-Methode herausfinden. „Dabei möchten wir im Stoffwechsel eine Achillesferse finden, an der wir solche Resistenzen gegen die Therapie verhindern können“, hoffen nicht nur Alpaslan Tasdogan, sondern auch die Patienten, deren schwarzer Hautkrebs zu spät entdeckt wurde.