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Waldbrand

„Das Problem ist absolut selbst geschaffen“

Panorama / Lesedauer: 5 min

Wissenschaftler Johann G. Goldammer zu den Waldbränden in Südeuropa
Veröffentlicht:10.08.2016, 18:11

Von:
  • Schwäbische.de
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Im Süden Europas brennen die Wälder. Nadine Sapotnik hat mit dem Freiburger Feuerökologen Johann G. Goldammer über die Ursachen von Waldbränden gesprochen. Er verrät im Interview, wieso diese Feuer nur selten in Deutschland vorkommen und warum der Brand in Portugal ein von Menschen geschaffenes Problem ist.

Wie problematisch sind Waldbrände wie sie derzeit wüten?

Auf den kanarischen Inseln ist das Feuer nichts ungewöhnliches. Dort gibt es eine Kieferart, die sich den Feuern anpasst und danach auch noch austreiben kann. Jetzt ist allerdings eine sehr große Fläche auf La Palma zerstört, mit Stabilität der Wald-Ökosysteme wird es so problematisch. Ein Problem dort ist, dass die Siedlungen direkt an den Wald grenzen. Das gilt gleichermaßen für Portugal. Und dort werden auch gerade sehr die Eukalyptus-Aufforstungen diskutiert. Wenn Sie vor 50 Jahren diese Landschaft besucht hätten, dann hätten Sie gesehen, dass da gar kein Wald ist. Das waren traditionelle Landwirtschaftsgebiete. Die Landflucht hat dazu geführt, dass diese Flächen verwildern. Dort ist einfach kein Mensch. Jetzt ist diese Landschaft plötzlich brennbar. Da fragt man sich, in welche Situation sich die Gesellschaft selbst manövriert hat. Das Problem ist absolut selbst geschaffen.

Auf La Palma ist das Feuer durch Unachtsamkeit entstanden. Wie können Waldbrände noch entstehen?

Hier in Europa und auch weltweit entstehen Waldbrände vorwiegend durch Anwendungen von Feuer in der Landnutzung. In vielen Ländern der Welt ist es üblich Ernterückstände oder Weideflächen abzubrennen, diese Methode ist kostengünstig. Dies sind oft die Ursachen für unkontrollierte Brände in Wäldern. Der Mensch spielt bei Waldbränden eine große Rolle. Durch Nachlässigkeit, manchmal auch durch Brandstiftung, entstehen Feuer. Natürliche Ursachen sind Blitzeinschläge, aber die spielen in Europa eine untergeordnete Rolle.

Wie häufig ist es Brandstiftung?

Da gibt es eindeutig eine Dunkelziffer. Es gibt in den Statistiken vieler Länder die Kategorie „Unbekannte Ursachen“. In vielen Ländern fehlt es an Erfahrung und Fachpersonal entsprechende Untersuchungen durchzuführen, um festzustellen, ob Brandstiftung dahinter steckt. Ein Feuer, wird oft sehr geschickt und verdeckt gelegt.

Vor welchen Herausforderungen stehen Feuerwehren bei Waldbränden?

Das ist regional sehr unterschiedlich. Es gibt Länder, die aufgrund ihres Klimas und ihrer Vegetation schon sehr lange mit diesem Problem konfrontiert sind. Daher gibt es in diesen Ländern spezialisierte Ausbildung und spezialisierte Waldbrandtruppen. Diese Länder haben auch Geräte, die auf diese Art von Bränden ausgerichtet sind, wie zum Beispiel Feuerwehrlöschflugzeuge und kleine, geländegängige Löschfahrzeuge. Aber auch hier gibt es Feuer, die auch mit solchen modernen Hilfsmitteln nicht unter Kontrolle gebracht werden können. Somit gibt es auch für die Länder, die gut vorbereitet und ausgebildet sind, keine Garantie, diese extremen Wildfeuer beherrschen zu können. Und dann haben wir die Länder, die aufgrund ihrer klimatischen Voraussetzungen nicht ausreichend auf solche Brände vorbereitet sind. Aber das ändert sich gerade weltweit. Wir beobachten etwas, was wie die Änderung von Feuerregimen nennen. Das sind die Eigenschaften von Vegetationsbränden, die sehr stark durch das Klima und der Vegetation bestimmt werden, aber eben auch durch den Menschen.

Inwiefern spielt der Klimawandel eine Rolle?

Dazu ein Beispiel: An der Westküste der USA in Kalifornien oder Oregon war die sogenannte Feuersaison vor 30 Jahren auf die Zeit von Mai, Juni bis September beschränkt. Wir sehen jetzt, dass aufgrund des Klimawandels Jahr für Jahr, die wetterbedingte Waldbrandgefährdung früher im Jahr beginnt und später aufhört. Wir gehen gemeinsam mit amerikanischen Kollegen davon aus, dass die Feuersaison in einigen Jahren, ganzjährig sein wird. In anderen Regionen, wie in Mitteleuropa, sehen wir, dass der Klimawandel extreme Wetterlagen mit sich bringen kann. Wir hatten in der letzten Zeit nicht nur Unwetter, sondern auch extreme Trockenperioden. Die können dann eben auch sehr gefährlich werden.

Welche Methoden gibt es, um Waldbrände zu verhindern?

In Deutschland werden nahezu alle Problemfeuer durch den Menschen verursacht. Rund 97 bis 98 Prozent entstehen durch menschliches Handeln. Durch Aufklärung kann man eine Menge machen. Das läuft hier sehr gut, auch durch die Mitarbeit der Medien. Zudem herrscht hier eine hohe Sensibilität für die Umwelt. Es gibt hier ja auch klare Gebote und Verbote wie das Rauchverbot im Wald. Dieses Bewusstsein spielt in allen Ländern eine Rolle. Auch wie jetzt bei dem Feuer auf La Palma. Es gibt aber auch technische Maßnahmen, wie den Brandschutzstreifen, der zwischen Straße und Wald gezogen wird, damit ein Feuer nicht in den Wald ziehen kann, wenn jemand mal eine Zigarette aus dem Auto wirft. Hier bei uns gelingt es, solche Feuer klein zu halten, das geht aus der Statistik hervor. Die Feuerwehren reagieren hier rasch und verhindern, dass aus einem kleinen Feuer ein großes wird. Unsere gute Infrastruktur ist dabei ein Privileg, auch wenn wir keine spezielle Ausbildung oder Ausrüstung haben. In anderen Länder, wie zum Beispiel in den großen Naturräumen Russlands, sieht dies aber ganz anders aus.

Welche Auswirkungen haben Waldbrände auf die Natur?

Da muss man unterscheiden. In den Kulturlandschaften der Industrieländer, die sehr stark durch die Menschen beeinflusst sind, kann die Zerstörung eines kleinen Waldstücks oder Schutzgebiets ein relativ großer Verlust sein. In anderen Regionen der Erde, deren Ökosysteme sich über die Evolution im Einklang mit dem Feuer entwickelt haben, gleicht sich Störungen durch Feuer langfristig aus. In anderen Worten: Diese Feuer haben dort ganz charakteristisch die Natur geformt, sodass die Natur mit dem Feuer leben kann. Allerdings nur solange kein weiterer „Stressfaktor“ hinzu kommt. Der Klimawandel ist ein solcher zusätzlicher Stressfaktor. So werden durch die starke Temperaturerhöhung in der nördlichen Hemisphäre die Feuer intensiver und die Feuerregime zerstörerischer. Das sehen wir dieses Jahr vor allem in Nordamerika und Russland.