Einmal Hölle und zurück

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 Günther Thorwart (Bildmitte) aus Tannhausen meisterte den Ultramarathon Taubertal über 100 Kilometer. Er brauchte für die Strec
Günther Thorwart (Bildmitte) aus Tannhausen meisterte den Ultramarathon Taubertal über 100 Kilometer. Er brauchte für die Strecke zehn Stunden und sieben Minuten. Unterstützt wurde er unterwegs von seinem Bruder Peter Thorwart (links) und von Roland Rausch, die ihn auf dem Fahrrad begleiteten und ihm an den diversen Essensstationen seine Spezialnahrung reichten. (Foto: privat)
Horst Blauhut

Seit rund zehn Jahren zählt das Langstreckenlaufen zu den liebsten Hobbys des 47-jährigen Günther Thorwart aus Tannhausen. Ein Marathonlauf über 42 Kilometer ist für den durchtrainierten Athleten mittlerweile fast schon ein Klacks. Und so suchte sich Thorwart in diesem Jahr eine neue Herausforderung: Er nahm erstmals beim Ultramarathon im Taubertal teil. Anfang Oktober ging der 100-Kilometer-Lauf, der in Rothenburg ob der Tauber startet und in Wertheim am Main endet, mit dem Tannhausener Marathonmann über die Bühne.

Ein Ultramarathon ist all das, was über einen normalen Marathonlauf mit 42,195 Kilometern hinausgeht, wie zum Beispiel auch der Albmarathon Schwäbisch Gmünd über 50 Kilometer, den Günther Thorwart bereits 2016 und 2017 bewältigt hatte. In diesem Jahr wollte sich Thowart an eine neue, richtig große Herausforderung wagen: den Ultramarathon im Taubertal. Ab Februar 2019 absolvierte er deshalb mit eiserner Disziplin fünf Trainingseinheiten pro Woche, wobei der Schwerpunkt auf Ausdauer und Intervalltraining gelegt wurde. Die Ernährung stellte der Läufer ebenfalls um. Alkohol und Zigaretten waren absolut tabu.

Dazu kamen stramme Laufeinheiten. Am Sonntagmorgen um 5 Uhr mal kurz dreimal den Hesselberg rauf und runter, mit 46 Kilometer Lauflänge, gehörte ebenso zur Vorbereitung wie die Teilnahme an einem Marathonlauf in Niedernhall Anfang September.

119 Männer und 28 Frauen gehen an den Start

Am 5. Oktober wurde es dann schließlich ernst für Thorwart. Schon der Start bei dem Ultramarathon im Taubertal sollte für den Tannhausener zu einem beeindruckenden Erlebnis werden. Am frühen Morgen, um 5.40 Uhr, wurden die Teilnehmer des Laufs von der Stadtmitte Rothenburg feierlich zur Startlinie begleitet. Und zwar unter Fackelbegleitung. Um 6 Uhr ging es für 119 Männer und 28 Frauen dann auf die Strecke. Nicht alle sollten es bis ins Ziel schaffen.

Günther Thorwart war der einzige Starter aus dem Ostalbkreis. In stockdunkler Nacht und bei strömendem Regen ging es auf dem Taubertalradweg für ihn zunächst in Richtung Creglingen und Weikersheim, wo bei Kilometer 27 mit Bruder Peter Thorwart und dem Unterschneidheimer Roland Rausch zwei Helfer auf den Tannhausener Läufer warteten. Die beiden Begleiter durften Thorwart von hier aus mit dem Fahrrad folgen, mussten dabei aber einen Mindestabstand von fünf Metern zum Läufer einhalten. Nur an den Essensständen (alle zehn Kilometer) bis Kilometer 85 (kurz vor Wertheim) konnten die Helfer Günther Thorwart mit seiner Spezialnahrung, bestehend aus Haferschleim, Tee, Gemüsebrühe und Kartoffelpüree, versorgen.

Trotz der guten Vorbereitung und der starken Unterstützung seiner beiden Begleiter sollte sich der Lauf für Günther Thorwart zu einer echten Tortur entwickeln. Er hatte sich eine Gesamtzeit von zehn Stunden für die 100 Kilometer vorgenommen. Bei Kilometer 71 in Tauberbischofsheim sah es damit noch gut aus. Thorwart lag mit sechs Stunden und 53 Minuten unter dem Plan, musste aber seine Laufschuhe wechseln, weil die Dämpfung des ersten Paares hinüber war. Danach wurde es für Günther Thorwart schwerer und schwerer. Wobei er zwischen Kilometer 40 bis 80 mit dem Wolfsburger Florian Lenz noch einen fairen wie starken Mitläufer an seiner Seite hatte, der ihn beständig motivierte, nicht stehen zu bleiben – egal, wie groß der Schmerz ist.

Thowart denkt ans Aufgeben – dann taucht Sophie auf

Es nützte alles nichts: Bei Kilometer 83 streikt Thorwarts Körper, er denkt ans Aufgeben. Da taucht plötzlich seine zwölfjährige Tochter Sophie am Wegesrand auf und feuert den Papa lautstark an.

Thorwart kämpft weiter. Seine beiden Radbegleiter Roland Rausch und Peter Thorwart haben alle Hände voll zu tun. Sie müssen ihren Läufer ab Kilometer 80 mehr oder weniger zwingen, zu essen. Denn neben den körperlichen Schmerzen hat sich nun auch eine geistige Leere eingestellt. Gleichzeitig wird die Strecke vor Wertheim an der Tauber entlang immer anspruchsvoller.

Bei Kilometer 96 erreicht Thorwart die letzte Verpflegungsstation. Die letzten 500 Meter vor dem Ziel laufen Tochter Sophie und seine 17-jährige Nichte Isabel Thorwart mit und treiben nochmals an. Er schafft es ins Ziel. Nach zehn Stunden und sieben Minuten durchläuft Thowart als 25. der Gesamtwertung bei den Männern und als Siebter in seiner Altersklasse M 45 das Zielband, um danach als Belohnung per Ritterschlag zum Ritter von Rothenburg ernannt zu werden.

Sieger über die 100 Kilometer wurde der 38 Jahre alte Ukrainer Serhii Popov mit einer Zeit von sieben Stunden, 20 Minuten und 39 Sekunden. Auch Günther Thorwarts Laufpartner aus Wolfsburg schaffte es übrigens ins Ziel. Florian Lenz überquerte 25 Minuten nach Thorwart die Ziellinie.

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