Flüchtlinge aus der Gemeinschaftsunterkunft auf dem Hardt protestieren vor dem Gmünder Rathaus. (Foto: rz)
Schwäbische Zeitung

(rz) – Flüchtlinge aus der Gemeinschaftsunterkunft (GU) auf dem Hardt campieren seit Sonntag demonstrativ vor dem Gmünder Rathaus. Angeführt von dem Nigerianer Charles Enoruwa, bekannt geworden als Mitwirkender bei der Staufersaga, protestieren sie „gegen das System, das verhindert, dass wir arbeiten und zur Schule gehen, um schnell Bürger dieser Stadt werden zu dürfen“.

Zunächst wurde nur in Schlafsäcken übernachtet. In den vergangenen Tagen sind auch Pavillons und Zelte dazugekommen. Gmünder Bürger haben die Flüchtlinge am Rathaus offenbar spontan ausgerüstet, nachdem es am Montag zu regnen begann.

Enoruwa und seine Mitstreiter erklären, dass in der überfüllten Unterkunft das emotionale und soziale Klima von Tag zu Tag explosiver werde. Sie fordern dessen sofortige Schließung. Das aber, erklärte der Kreissozialdezernent Josef Rettenmaier gestern, sei schlicht unmöglich. Es müsse im Gegenteil mit einem weiteren Zustrom von Flüchtlingen gerechnet werden: „„Und das, obwohl alle unsere Unterkünfte schon randvoll sind.“

Charles Enoruwa betonte wiederholt, dass sich die Aktion keinesfalls gegen die Stadt Schwäbisch Gmünd oder gar gegen die Bürgerschaft richte, schon gar nicht gegen die aufopferungsvoll tätigen Betreuer in der GU. Aber die Flüchtlinge, überwiegend Asylbewerber aus Kriegsgebieten, wollten nicht als Bettler auftreten, sondern sich im kommunalen Miteinander einbringen, wie viele auf Einladung von Oberbürgermeister Richard Arnold im Rahmen des Stadtjubiläums und bei der Staufersaga ja unter Beweis gestellt hätten.

Neben der Schließung der Gemeinschaftsunterkunft haben die Flüchtlinge weitere Forderungen formuliert, die zum Beispiel auf die Abschaffung des Sachleistungsprinzips, die Erteilung von Arbeitserlaubnissen und einen Abschiebestopp abzielen. Im Rahmen eines persönlichen Gespräches mit den Flüchtlingen will sich Landrat Klaus Pavel am morgigen Freitag, 5. Oktober, mit diesen Forderungen auseinandersetzen.

Meinungsäußerungen auf dem oberen Marktplatz sind sehr unterschiedlich, von Mitleid bis Unverständnis. OB Richard Arnold duldet die Szenerie und zeigt gegenüber den Flüchtlingsschicksalen Anteilnahme. In Gesprächen mit den Afrikanern appelliert er an diese aber auch, ihrerseits Verständnis für die Problematik aus der Sicht der Stadt, des Landkreises und Landes zu entwickeln.

Aus deren Sicht ist eine augenblickliche Schließung der Gemeinschaftsunterkunft auf dem Hardt schlichtweg unmöglich. Denn das Landratsamt Ostalbkreis und die Stadt Schwäbisch Gmünd stellen sich angesichts des wachsendes Unfriedens auf der Welt auf eine zunehmende Flüchtlingswelle ein. Sozialdezernent Rettenmaier sagte gestern: „Wir müssen mit einer weiteren Verschärfung der Situation rechnen. Im Grunde genommen hat uns die Flüchtlingswelle aus Syrien noch gar nicht erreicht.“ Irak, Pakistan, Afghanistan, ehemaliges Jugoslawien und die Bürgerkriegszonen in Afrika sind derzeit die Hauptherkunftsregionen.

Nach den neuesten Zahlen aus dem Stuttgarter Integrationsministerium trafen in der zentralen Aufnahmestelle des Landes in Karlsruhe im ersten Halbjahr durchschnittlich 430 Flüchtlinge ein. Im Juli waren es 560, dann eine Verdoppelung im August auf 816, zuletzt im September sogar auf 1079. Und es wird mit Blick auf die Situation in Syrien und die hoffnungslos überfüllten Auffanglager beispielsweise in Griechenland, Italien und Spanien mit einem weiteren Zustrom beziehungsweise Verteilung der heimatlos gewordenen Menschen gerechnet werden.

Von Karlsruhe aus werden die Asylbewerber auf die Landkreise verteilt. Josef Rettenmaier muss allein im Oktober 46 Neuzugänge unterbringen. Vor diesem Hintergrund, betont Rettenmaier mit Blick auf das Protestcamp vor dem Rathaus, sei es schlichtweg unmöglich, dass die Gemeinschaftsunterkunft auf dem Hardt vorzeitig geschlossen wird. Erst Ende 2014 ist das Aus für diesen letzten Block der ehemaligen amerikanischen Hardtkaserne terminiert. Bis dahin wollen Stadt- und Landkreisverwaltung über eine neue Strategie bei der Unterbringung von Kriegsflüchtlingen, Asylbewerbern und Geduldeten (deren Antrag abgelehnt wurde) nachdenken. An dieser Stelle hofft Arnold auf Mitwirkung ilität der Landesregierung. Gleichzeitig deutet der Ob enttäuscht an, dass trotz mehrfachen Versuchs ja noch nicht einmal die zuständige Integrationsministerin Bilkay Öney es fertig gebracht hat, die 50 Kilometer von Stuttgart zur GU nach Gmünd zu reisen, um sich vor Ort über die Situation zu informieren sowie mit Bewohnern und Betreuern zu reden.

Sowohl im Gmünder Rathaus als auch im Landratsamt des Ostalbkreises zieht man übrigens den Hut vor den enormen Leistungen des Betreuerteams vor Ort, das tagtäglich einen emotionalen und sozialen Ausnahmezustand im Sinne der Menschlichkeit und der Menschenwürde zu meistern hat.

Händeringend suchen die Verantwortlichen des Landratsamts derzeit nach Wohnungen, Häusern, vielleicht sogar ganzen Wohnblocks, um der Flüchtlingswelle zu begegnen. Interessenten können sich im Landratsamt unter Telefon 07361 / 5031406 mit Angeboten bemerkbar machen.

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