Solch’ starke Persönlichkeiten braucht Europa

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 An einer Podiumsdiskussion zum Thema Europa nahmen teil (von links): Kerstin Abele, Rudolf Böhmler, Michael Kaschke, Gerburg Ma
An einer Podiumsdiskussion zum Thema Europa nahmen teil (von links): Kerstin Abele, Rudolf Böhmler, Michael Kaschke, Gerburg Maria Müller und Moderator Michael Antwerpes. (Foto: Viktor Turad)
Viktor Turad
Freier Mitarbeiter

Klaus Pavel hat am Schluss nicht mit überschwänglichem Lob gegeizt: „Ich sehe viele Talkshows, live oder im Fernsehen. Aber ich habe selten so stark argumentierende Persönlichkeiten erlebt!“ Was den Landrat so begeisterte, war eine Podiumsdiskussion zur Europawahl mit Persönlichkeiten von der Ostalb zur Europawahl.

Die zwei Frauen und zwei Männer zeigten sich optimistisch, dass sich Europa trotz aller momentanen Probleme in eine gute Richtung entwickelt. Eine wichtige Voraussetzung: Dass möglichst viele Europäerinnen und Europäer von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen und das Feld nicht denen überlassen, die zurück zu den Nationalstaaten wollen. Denn Europa könne zwischen den Blöcken Amerika und China nur als Einheit bestehen. „Alleine hat Deutschland nichts zu melden“, brachte es Rudolf Böhmler auf den Punkt.

Der frühere Staatssekretär, der auch Mitglied des Bundesbank-Direktoriums gewesen war, saß auf dem Podium mit der Handbikerin, Vize-Europameisterin und mehrfachen Marathon-Siegerin Kerstin Abele, der Schauspielerin und Regisseurin Gerburg Maria Müller und dem Vorstandsvorsitzenden der Zeiss AG, Michael Kaschke. Moderator des Bürgerdialogs von Europoint Ostalb und des Stuttgarter Europaministeriums war TV-Moderator Michael Antwerpes, dessen lockere Gesprächsführung mit dafür sorgte, dass diese Auftaktveranstaltung, die in Ulm, Freiburg, Karlsruhe und Stuttgart eine Neuauflage erlebt, zu einem ebenso vergnüglichen wie interessanten Abend wurde.

Sport verbindet Völker

Nicht zuletzt deswegen, weil die Talkgäste erzählten, welchen persönlichen Zugang sie zu Europa gehabt haben. Böhmler erinnerte sich, wie er als zehnjähriger Bub vor dem Grenzübertritt nach Frankreich ermahnt wurde, dass er nun brav sein müsse, weil die Zöllner kommen. Oder wie er in der Normandie noch die Antipathie von Franzosen gespürt habe. Kaschke, in Greiz in Thüringen geboren, erzählte, er habe zwei Europa erlebt mit unterschiedlichen Wertvorstellungen, aber trotzdem mit dem Gefühl von Gemeinsamkeit. Als er nach der Wende in die USA gegangen sei, habe er in der Ferne Europa richtiggehend vermisst.

Kerstin Abele kommt als Sportlerin im Rollstuhl jedes Jahr in verschiedene Länder, erlebt nach eigenem Bekunden oftmals Dinge, die für Menschen mit Behinderung jenseits von Gut und Böse sind,, hat aber auch viele Freundschaften geschlossen. „Der Sport hat die Völker immer verbunden.“ Gerburg Maria Müller sagte, als „Nordlicht“ habe sie eher einen Zug in den Norden, zu den Niederlanden oder Belgien und habe als Kind Holländerin sein wollen. Prägend sei auch ein Besuch in Danzig gewesen, woher ihr Vater stammte. Heute seien für sie Theaterprojekte mit anderen Ländern selbstverständlich. „Ich liebe Europa und bin stolze Europäerin!“

Dann kamen aber auch die Probleme zur Sprache. Böhmler kritisierte, wie die Deutschen mit den Vorstößen des französischen Präsidenten Emanuel Macron umgegangen seien. „So kann man Europa nicht aufbauen!“ Trotz aller Frustrationen sei er jedoch ein begeisterter Europäer. „Wir müssen uns auf unsere Stärken besinnen!“

Hoffen auf ein zweites Referendum

Kaschke bedauerte, der Gestaltungswille sei verloren gegangen, die großen, klaren Ziele seien in vielen Detailfragen untergegangen. Europa sei ein getriebener Kontinent. Er setze auf Bildung, denn dies sei eine zutiefst europäische Tradition. Antwerpes schlug schließlich Gerburg Maria Müller vor: „Inszenieren Sie als Regisseurin doch mal ein Symbol für Europa!“

Natürlich spielte auch der Brexit in der Diskussion eine Rolle. „Er könne sich ein Europa ohne Großbritannien nicht vorstellen“, bekannte Böhmler und hoffte auf ein zweites Referendum. Für Zeiss hielten sich zwar die Auswirkungen eines Brexit in Grenzen, sagte Kaschke, das Unternehmen habe lediglich zwei kleine Fertigungen in England und Schottland. Die Folgewirkungen seien aber nicht absehbar. Müller verwies auf viele Impulse aus England, das neue Globe Theater in Schwäbisch Hall und auf William Shakespeare mit, wie sie sagte, traumhaft schönen Rollen und Stücken. „Daher müssen wir zusammen bleiben!“

Zu Beginn hatte Pavel unter den vielen Vorzügen, die er Europa zuschreibt, die Reisefreiheit und den Binnenmarkt genannt und drauf verwiesen, dass der Ostalbkreis in vielfältiger Weise von vielen europäischen Programmen profitiert. Eine rasante Einstimmung ins Thema gab Pauline Hermann, Schülerin der Schule Sankt Gertrudis in Ellwangen. Sie war mit ihrer Präsentation „Welches Europa wünscht du dir?“ Gewinnerin der Pecha Kucha Night im Haus der Jugend in Aalen im vergangenen November. Zum Abschluss wurde ein Kurzfilm mit Stimmen zu Europa gezeigt, die auf der Verbrauchermesse Kontakta in Aalen eingefangen worden waren.

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