Oberkochen: vom Straßendorf zum Global Player

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Oberkochens „Neue Mitte“, mit dem Bohrermacherbrunnen.
Oberkochens „Neue Mitte“, mit dem Bohrermacherbrunnen. (Foto: Thomas Siedler)
Viktor Turad
Freier Mitarbeiter

Manch ein Bürgermeister würde sich die Finger danach lecken, wenn er mit so viel Gewerbesteuer rechnen könnte wie sein Kollege in Oberkochen: 70 Millionen Euro hatte Peter Traub im Haushalt des laufenden Jahres eingeplant. Zwar macht auch ihm Corona einen Strich durch die Rechnung, aber einen relativ kleinen. Es dürften lediglich 4,5 Millionen Euro weniger werden.

110 Millionen Euro Investition bis 2025

Mit dieser Summe ist die 8500-Einwohner-Stadt auf der Ostalb einsamer Spitzenreiter, hängt die Großen Kreisstädte Aalen (45 Millionen Euro) und Ellwangen (19 Millionen Euro) lässig ab und spielt fast in einer Liga mit Böblingen, das vor Corona mit 75 Millionen Euro kalkuliert hat. Oberkochen will den Geldsegen nicht in den Sparstrumpf legen, sondern hat geplant, bis zum Jahr 2025 110 Millionen Euro zu investieren. Offen ist dabei natürlich, welche Grenzen die Pandemie der Stadt setzt.

Den Geldsegen verdankt das einstige kleine und arme Straßendorf, das sich erst seit 1968 Stadt nennen darf, vielen mittelständischen Unternehmen, vor allem aber zwei Firmen, die rund um den Globus engagiert sind: dem weltweit führenden Hersteller von Präzisionswerkzeugen zur Holz- und Kunststoffbearbeitung, Leitz GmbH & Co.KG, 1876 als „württembergische Holzbohrerfabrik“ gegründet, und dem Optik- und Elektronikkonzern Carl Zeiss. Zurzeit siedelt sich in der Stadt außerdem das südkoreanische Unternehmen YG- an, nach eigenen Angaben einer der weltweit größten Hersteller von Präzisionswerkzeugen zur spanabhebenden Bearbeitung von Metall und Kunststoff. Damit entstehen weitere Arbeitsplätze in einer Stadt, die jetzt schon mehr davon hat als arbeitsfähige Einwohner. Von Zeiss handelte sich der Bürgermeister für die Neuansiedlung zudem heftige Kritik ein.

Zeissianer aus Jena

Während nämlich YG-1 sich den Standort Oberkochen gezielt ausgesucht hatte, hat sich Zeiss nach dem Krieg eher zufällig in der Stadt angesiedelt. Ein amerikanischer Militärlastwagen mit Möbeln und Hausrat traf im Juni 1945 in Heidenheim ein. An Bord waren nicht nur um die 100 Menschen, hochrangige Mitarbeiter der Carl-Zeiss-Werke in Jena mit ihren Familien, sondern auch Konstruktionszeichnungen, Patente und Lizenzen. Die Amerikaner brachten sie mit, weil sie das von ihnen besetzte Thüringen der sowjetischen Roten Armee übergeben hatten.

Als die Sowjetunion damit begann, in Jena das Zeiss-Werk zu demontieren, kamen außer den Führungskräften weitere Zeissianer nach Heidenheim, wo sie in primitiven Notunterkünften hausen mussten. Nach langen Monaten der Untätigkeit und der Ungewissheit konnten sie in ungenutzten Werksgebäuden in Oberkochen einen Neuanfang starten.

Erfolgsgeschichte Carl Zeiss

Im Februar 1946 erlaubte die amerikanische Militärregierung der neu gegründeten Opton Optische Werke Oberkochen GmbH, eine Werkstatt für optische Geräte zu betreiben. Am 1. August legten etwa 200 ehemalige Einwohner aus Jena los. Es begann die Erfolgsgeschichte eines Weltunternehmens, das seit 1953 als Firma Carl Zeiss firmiert. Bis zur Wiedervereinigung stand es in heftiger Konkurrenz zum Volkseigenen Betrieb (VEB) Carl Zeiss Jena, mit dem man sich erst 1971 über die Nutzung von Marken- und Namensrechten einigen konnte.

Aber auch in Oberkochen war nicht immer alles eitel Sonnenschein. Nicht alle Einheimischen waren glücklich über den Zustrom aus Jena und aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Viele schimpften, das Beste, das die Zeissianer gebracht hätten, seien die Thüringer Bratwürste. Ebenso fremdelten manche Zugezogenen anfangs mit ihrer neuen Heimat. Doch die Reibereien wichen mit der Zeit einem gedeihlichen Miteinander.

Bewegte Vergangenheit

Reibereien hatte es in Oberkochen auch fast 500 Jahre zuvor gegeben. Damals hatte sogar eine Staats- und Konfessionsgrenze einschließlich einer Zollstation den Ort geteilt. Und das kam so: Ein Teil der Lehen gehörte dem Zisterzienserkloster im benachbarten Königsbronn, ein Teil dem etwas weiter entfernten Benediktinerkloster Ellwangen, aus dem später die Fürstpropstei hervorging.

1505 wurde die Herrschaft Heidenheim mit dem Kloster Königsbronn und einem Drittel von Oberkochen württembergisch. Der Ort hatte somit zwei verschiedene Herrschaften, das Herzogtum Württemberg und die Fürstpropstei Ellwangen. Die Reformation machte die Staats- auch zur Konfessionsgrenze, wobei jedoch auch evangelische Häuser im katholischen Gebiet waren und katholische Häuser samt ihren Bewohnern im evangelischen Gebiet. Nicht einmal das Zwölf-Uhr-Läuten durfte zur gleichen Zeit stattfinden.

Pfarrer, Kirchen, Bürgermeistger im Doppelpack

Schließlich hatte Oberkochen zwei Pfarrer, zwei Kirchen, zwei Schulhäuser und zwei Bürgermeister. Zwar wurde eine Dorfordnung erlassen. Aber es kam immer wieder zu Streitigkeiten, mit denen sich sogar das Reichskammergericht befasst hatte. 18 Jahre wurde verhandelt, ehe 1749 das sogenannte Aalener Protokoll geschlossen wurde, ein 80 Seiten umfassender Vertrag, der in neun Paragrafen das Zusammenleben regelte.

Der ist inzwischen natürlich obsolet. Als vor wenigen Jahren die evangelische Versöhnungskirche renoviert wurde und deswegen geschlossen war, feierten die evangelischen Christen ihre Gottesdienste im nur wenige Schritte entfernten katholischen Rupert-Mayer-Haus. Die beiden Konfessionen haben längst ein gutes Verhältnis, die Ökumene wird großgeschrieben. Und das einstige Straßendorf hat sich in diesem Jahr eine „Neue Mitte“ gegeben. Der Platz zwischen der katholischen und der wenige Schritte entfernten ehemaligen evangelischen Kirche, der heutigen Stadtbibliothek, wurde für 3,3 Millionen Euro neu gestaltet und hat sich im Sommer zu einem Magneten in der Stadt entwickelt.

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