Begehrter Boden: Kommt ins Kocher- und Brenztal noch mehr Industrie?

Hier könnte ein neues, interkommunales Gewerbegebiet entstehen. Es handelt sich um rund 16 Hektar nördlich des Seegartenhofs, östlich der Bahnlinie, südlich der Stadt Oberkochen und westlich der B19. (Foto: Thomas Siedler)
Redakteurin

Wirtschaftliche Entwicklung auf der einen Seite, Klima-, Natur- und Artenschutz auf der anderen: Wie die Gewichtung sich verschiebt, zeigt die Diskussion um das mögliche künftige interkommunale Gewerbegebiet „Königsbronn – Heidenheim – Oberkochen“.

Oberkochen: Die Stadt ist Sitz international bedeutender Arbeitgeber wie der Carl Zeiss AG oder der Hensoldt Optronics GmbH. Sie ist ein Finanzierungsmotor für den gesamten Ostalbkreis mit einem gewaltigen Gewerbesteueraufkommen, wie Landrat Joachim Bläse einmal gesagt hat.

„Diese Unternehmen sind die Basis unseres Wohlstands“, hat auch Oberkochens Bürgermeister Peter Traub in seiner Haushaltsrede im Dezember 2021 betont. Dieser Wohlstand sei nicht vom Himmel gefallen, sondern erarbeitet, erklärte Traub und erinnerte daran, wie die Stadt dank ihrer Unternehmen, aber auch durch eigene Anstrengungen aus einer regelrechten Pleite Mitte der 90er Jahre herausgefunden habe und zum Wirtschaftsstandort von heute geworden sei – nicht zuletzt durch die Schaffung von Gewerbegebieten.

Schon reift das nächste Vorhaben

Hintergrund von Traubs Worten waren die Pläne für ein Gewerbegebiet, das wenige Monate später, im März diesen Jahres, beschlossen worden ist. „Oberkochen Süd III“ soll nach dem interkommunalen Gewerbegebiet Oberkochen-Königsbronn, wo Carl Zeiss Meditec angesiedelt ist, nach dem Gewerbegebiet Oberkochen-Süd I, wo sich die Carl Zeiss SMT befindet, und nach dem Gewerbegebiet Oberkochen Süd II, wo sich die Firmen Owema Werkzeuge- und Maschinen GmbH und der südkoreanische Hersteller von Präzisionswerkzeugen YG-1 niedergelassen haben, die nächste Grundlage für wirtschaftlichen Wohlstand werden. Der Rüstungskonzern Hensoldt zieht hierhin um.

Und schon reift das nächste Vorhaben heran. Mit dem „interkommunalen Gewerbegebiet Königsbronn – Heidenheim – Oberkochen“ soll im Kocher- und Brenz-Tal möglicherweise ein weiteres Gewerbegebiet erschlossen werden.

Es handelt sich um eine ebene Fläche von rund 16 Hektar nördlich des Seegartenhofs, östlich der Bahnlinie, südlich der Stadt Oberkochen und westlich der B19. Etwa 4,8 Hektar liegen auf Oberkochener und 11,8 Hektar auf Königsbronner Gemarkung.

Ihre Entwicklung ist von langer Hand geplant. Bereits 2001 hatten die beiden Kommunen beim Regionalverband Ostwürttemberg erfolgreich beantragt, auf dieser Fläche „für die Option eines langfristigen Entwicklungsgebiets“ den im Regionalplan bis dahin verankerten regionalen Grünzug und den schutzbedürftigen Bereich – also die Garantie für eine freie, unbebaute Fläche – zurückzunehmen.

Im Mai 2019 gründeten die beiden mit ihren Flächen beteiligten Kommunen zusammen mit der Stadt Heidenheim einen Zweckverband, um das Gebiet gemeinsam zu erschließen. Sie sind sich einig, dass es in Anbetracht der globalen Entwicklung geboten sei, „groß dimensionierte, attraktive, verkehrsgünstig und zentral gelegene Ansiedlungsmöglichkeiten für Gewerbebetriebe“ sowie „Erweiterungsmöglichkeiten für heimische Betriebe“ zu schaffen.

Die Gewerbesteuereinnahmen wollen die beteiligten Kommunen durch Drei teilen.

Der Widerstand wächst

Doch der Widerstand wächst. Schon das soeben beschlossene Gewerbegebiet „Oberkochen Süd III“ war auf erhebliche Kritik von Umweltverbänden gestoßen. Zustimmung fand es erst, als der Flächenverbrauch von 8,3 auf 3,3 Hektar reduziert und sichergestellt war, dass die vorhandenen Biotope, vor allem wertvolle Hecken, zum größten Teil erhalten bleiben.

Wenn Thomas Eble, der Direktor des Regionalverbands Ostwürttemberg, darüber nachdenkt, wann einmal zugunsten der Natur auf Flächenverbrauch für die Industrie verzichtet wurde, ist es das erste Beispiel, das ihm dazu einfällt. „Es gab intensive Diskussionen darüber, wie weit man gehen darf. Jetzt gibt es einen stark reduzierten Eingriff“, bestätigt er.

Auch das angestrebte nächste Gewerbegebiet wird nicht ohne ein Ringen zwischen den widerstreitenden Interessen entstehen. Die „ökologische Schmerzgrenze“ sei mit der Realisierung eines neuen „interkommunalen Gewerbegebiets Königsbronn – Heidenheim – Oberkochen“ erreicht, haben mehrere Naturschutzverbände bereits im Januar 2019 in einer gemeinsamen Stellungnahme geschrieben.

Auf die sich zuspitzende Klimakrise brauchen sie dabei nicht extra zu verweisen. Dies tun bereits eindringlich die Berichte des Weltklimarats der Vereinten Nationen. Neben der Warnung, dass die Erderhitzung schneller und zerstörerischer wirke als angenommen, enthalten sie die Mahnung, wie notwendig intakte Natur sei, um sie zu bremsen. Radikale Veränderungen seien noch in diesem Jahrzehnt notwendig.

Erneut großer Flächenverbrauch

Die regionalen Naturschutzverbände konzentrieren sich in ihrer Stellungnahme auf den „sensiblen Naturraum zwischen Oberkochen und Königsbronn“ und verweisen darauf, dass der geplante Flächenverbrauch enorm wäre. „Erneut soll in die bereits drastisch verkleinerten und immer wieder verschobenen regionalen Grünzüge (...) eingegriffen werden“, so die Arbeitskreise Heidenheim und Aalen des Landesnaturschutzverbands (LNV), der Naturschutzbund (Nabu) in Heidenheim und in Oberkochen sowie die Naturfreunde Oberkochen in ihrer gemeinsamen Erklärung.

Sie verweisen darauf, wie wichtig der betroffene Talraum für den Grundwasserschutz sowie das örtliche Klima- und Luftaustauschsystem sei. Und wie die geplante Erweiterung des Gewerbes die angrenzenden Landschaftsschutzgebiete „Ur-Brenztal“ und „Tiefes Tal“ erneut massiv entwerten würde.

Betroffen wären von der Erschließung weiter die Vorkommen von Zauneidechsen, Fledermäusen und vielen Vogelarten. Auch die Durchlässigkeit eines wichtigen Wildtierkorridors sehen die Naturschützer gefährdet, wenn mit zusätzlichen Arbeitsplätzen das Verkehrsaufkommen auf der B19 weiter steige. Unter anderem gebe es auf Gemarkung Oberkochen Wildkatzen, die bei der Querung von Straßen besonders gefährdet seien.

Gleichwohl stimmen die Naturschutzverbände in ihrer Stellungnahme „trotz sehr erheblicher Bedenken“ der Ausweisung des künftigen Gewerbegebiets zu. Allerdings nur dann, „wenn hier eine hochwertige Ansiedlung realisiert wird“. Genannt ist namentlich eine Erweiterung von Carl Zeiss.

Dies bekräftigt im persönlichen Gespräch noch einmal Ottmar Bihlmaier, für den Nabu Oberkochen einer der Unterzeichner der Stellungnahme. „Wenn, dann nur für die Firma Zeiss, sonst werden die Naturschutzverbände das interkommunale Gewerbegebiet ablehnen“, wiederholt der Oberkochener, der auch für die Grünen im Gemeinderat sitzt.

Freilich ist er sich bewusst, dass der Einfluss der Verbände begrenzt ist. „Sie werden angehört, aber gebaut wird wahrscheinlich trotzdem“, so Bihlmaier. Immerhin: Auch er hat in den Verhandlungen um das Gewerbegebiet Oberkochen Süd III „zum ersten Mal überhaupt erlebt, dass Fläche zurückgenommen wurde“. Und setzt vor der nächsten Versiegelung auf konstruktive Vorschläge zur Schadensbegrenzung für die Natur.

Unter anderem schlägt Bihlmaier eine Wildbrücke vor, damit Wildtiere auch künftig noch die B19 und die Schienen überqueren können. Und klärt darüber auf, dass es als Ausgleichsmaßnahme für eine zerstörte Hecke nicht ausreiche, anderswo wieder eine Hecke zu pflanzen. Es dauere mehrere Jahre, bis ein Biotop gewachsen, Insekten sich angesiedelt hätten, so ein Projekt müsse begleitet werden. „Die Kommunen sind auch bereit das zu tun“, ist Bihlmaiers Erfahrung.

„Nur mit Bauchweh“

Zum persönlichen Gespräch gekommen ist auch Janine Piper. Sie spricht sowohl für die Naturfreunde Oberkochen als auch als Fachbereichsleiterin Umwelt im Landesverband der Naturfreunde Württemberg. Im Kocher-Brenz-Tal werde von vielen Seiten „immer ein bisschen mehr Fläche weggenommen“, sagt sie.

Für eine Begrenzung des Klimawandels sei es aber wichtig, unbebaute Flächen zu haben, wo die Luft abkühlen und Pflanzen das klimaschädliche CO absorbieren könnten. Auch Ausgleichsmaßnahmen änderten nichts daran, dass mit jeder Bebauung ein Stück offene Fläche verloren gehe. „Das kann so nicht weitergehen“, so Janine Piper.

Sie warnt außerdem vor Folgen fürs Grundwasser: Je mehr Versiegelung, desto weniger Versickerung und desto niedriger der Grundwasserspiegel. „Die Gefahr ist, dass für die Kommunen Quellen wegfallen“, so Piper. Sie habe die Stellungnahme der Naturschutzverbände von 2019 nur „mit Bauchweh“ unterzeichnet. Ginge es um ihre Haltung allein, würde sie das interkommunale Gewerbegebiet „Königsbronn – Heidenheim – Oberkochen“ ablehnen.

Wer vermutet, die Landwirte würden sich ebenso positionieren, der irrt. Zwar ist es noch nicht lange her, dass der Bauernverband Ostalb-Heidenheim vor weiterem Flächenverbauch auf Kosten der Landwirtschaft gewarnt hat. Und auch jetzt fordert der Vorsitzende Hubert Kucher, „so schonend wie möglich mit der Fläche umzugehen“.

Doch würden die Landwirte auch sehen, „dass wir für die Menschen die Wirtschaft und die Arbeitsplätze brauchen“. In Oberkochen gebe es unter anderem bei der Firma Zeiss viele Arbeitsplätze und neue Technologien: „Diese sind genauso wichtig.“ Man erwarte aber, dass die Industrie flächenschonend in die Höhe und die Tiefe baue und Dachflächen für Photovoltaik nutze. Für Ausgleichsflächen sollten außerdem keine weiteren landwirtschaftlichen Flächen herangezogen werden, sondern der Wald.

Zeiss auf Wachstumskurs

Und was sagt das umworbene Unternehmen? In der Tat sei die Zeiss-Gruppe weiter auf Wachstumskurs – gerade auch am Standort Oberkochen, bestätigt Pressesprecher Jörg Nitschke. Allein hier sei Zeiss in den letzten drei Jahren um rund 2000 Mitarbeitende gewachsen.

Die Fläche von circa 270 000 Quadratmetern, über die Zeiss im Gewerbegebiet Oberkochen Süd verfüge, sei bereits zu über 80 Prozent bebaut. Deswegen würden kontinuierlich die Möglichkeiten zur Verdichtung und Umnutzung existierender Flächen genutzt sowie die Nutzung zusätzlicher Flächen bewertet.

Rund 250 Millionen Euro seien derzeit bis 2025 allein in Infrastruktur geplant. Ob aber hierbei auch das mögliche neue interkommunale Gewerbegebiet eine Rolle spielen könnte? Die Antwort lässt die Weltfirma offen.

„Die Kommunen und deren Gemeinderäte haben die Planungen für das interkommunale Gewerbegebiet zwischen Königsbronn und Oberkochen auf den Weg gebracht“, formuliert Zeiss. Man stehe diesem Vorhaben „grundsätzlich positiv gegenüber“. Als perspektivische Erweiterung für Zeiss seien Flächen des neuen Gewerbegebiets durchaus vorstellbar.

Dazu sei man mit den Kommunen im Dialog. Eine tatsächliche Belegung durch Zeiss sei allerdings von vielen Faktoren abhängig – insbesondere von der weiteren Entwicklung der Sparten sowie den regionalen und internationalen Rahmenbedingungen, so die Stellungnahme.

Der Zweckverband wiederum betont, sein Vorhaben sei von keinem bestimmten Unternehmen abhängig. Seine Vertreter – zuvorderst die drei Bürger- beziehungsweise Oberbürgermeister Jörg Weiler für Königsbronn, Michael Salomo für Heidenheim und Peter Traub für Oberkochen – argumentieren in einer gemeinsamen Stellungnahme: „Der Krieg in der Ukraine zeigt unseres Erachtens auch die Abhängigkeit von ausländischer Produktion für die deutsche Industrie und die Abhängigkeit von Energie aus dem Ausland sowie ausländischen Ressourcen.“

Man wird auch in Zukunft weitere neue Flächen dafür brauchen.

Thomas Eble

Das Gebiet des Verbands werde dazu beitragen, solche Abhängigkeiten zu reduzieren. Der Standort werde für Hochtechnologie zur Verfügung stehen und Arbeitsplätze sichern, die ansonsten woanders entstehen oder verlagert werden könnten.

Auch zum derzeitigen Stand der Dinge gibt der Zweckverband schriftlich Auskunft: Es stehe das Flächennutzungs- und Bebauungsplanverfahren an. Auf Königsbronner Gemarkung sei bereits ein Optionsvertrag für den Grunderwerb abgeschlossen. Auf Oberkochener Gemarkung sei noch Grunderwerb zu tätigen.

Und so bleiben die Interessen widerstreitend. Klima- und Naturschutz erhalten allmählich mehr Gewicht. Doch: „Eins ist klar“, sagt Regionalverbandsvorsitzender Eble. So sorgsam man auch mit dem Platz für die Industrie umgehe: „Man wird auch in Zukunft weitere neue Flächen dafür brauchen.“ Mit welchen Folgen auch immer.

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