Keine Männer für grobe Schnitzer

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Redakteurin Virngrund

Die „Trainingstasche“, die Markus Fuchs jeden Dienstagabend schultert, wenn er an diesen Tagen das Haus verlässt, wiegt rund 30 Kilo. Es ist eigentlich auch gar keine Tasche, sondern vielmehr ein Koffer. Der Inhalt: Schnitzerklingen, Kerbschnittbeitel, Klüpfel, Berner-Eisen und Holz. Denn Fuchs geht dienstags nicht etwa zum Sport oder zur Musikprobe. Fuchs geht zum Schnitzen.

Sie halten zusammen wie Pech und Schwefel. Die fünf Mannen der Schnitzergruppe Neuler. Seit neun Jahren treffen sich Gerhard Ilg (72), Berthold Ekstein (50), Klaus Rupp (55), Klaus Schips (55) und Markus Fuchs (46) regelmäßig jeden Dienstag in einem Werkraum der Brühlschule, um hier ihrer gemeinsamen Leidenschaft zu frönen: dem Schnitzen. Allerdings nur in den Wintermonaten. Anfang November startet für die fünf Männer die Schnitzsaison, Ende März ist Schluss. „In den Sommermonaten hat die Familie Vorrang, da fehlt uns dafür einfach die Zeit“, sagt Markus Fuchs. Man hört das stille Bedauern, das bei diesem Satz mitschwingt.

Eine Ausnahme macht die Gruppe nur, wenn außergewöhnliche Projekte anstehen, an denen gearbeitet werden muss. Dann wird ausnahmsweise auch schon mal im Sommer zum Schnitzmesser gegriffen. Wie zum Beispiel beim fünf Kilometer langen Bruder-Klaus-Weg zwischen Neuler und Ramsenstrut, der 2017 anlässlich des 600. Geburtstags des Heiligen, eingeweiht wurde. Hier hatte die Gruppe an der Konzeption mitgewirkt und auch einige der sieben Stationen künstlerisch gestaltet. Beteiligt waren die Hobbykünstler außerdem an der Gestaltung des rund ein Kilometer langen Wald-Wunder-Wegs des Handels- und Gewerbevereins Neuler, der 2012 fertiggestellt wurde. Hier hatten die Freizeitschnitzer ein Waldklassenzimmer mit wunderbaren wie wundersamen Tierfiguren hergestellt.

2019 geht es ums Relief

Aber solche Großaufträge sind für das Fünfer-Gespann eher die Ausnahme. Und es ist auch nicht das, was die Neulemer Schnitzer antreibt. Ihnen macht die künstlerische Bearbeitung des Holzes schlicht Spaß. Dazu geben sie sich jedes Jahr selbst Themen vor, denen sie sich künstlerisch widmen wollen. Mal sind es die fünf Kontinente, mal Katzen, mal Whiskeyflaschen im amerikanischen Hillbilly-Style, die aus weichen Hölzern wie Linde oder Zirbelkiefer geschnitzt werden. In diesem Jahr arbeiten die Männer an verschiedenen Holzreliefs. Das von Gerhard Ilg ist bereits fertig. Der Älteste in der Runde hat sich noch einmal künstlerisch den Bruder-Klaus-Weg vorgenommen. Sein geschnitztes Relief ist ohne jede Frage ein Kunstwerk. In Miniatur zeigt es bis ins kleinste geschnitzte Detail die sieben Stationen des Bruder-Klaus-Wegs.

Was damit nun geschieht? Ilg und seine vier Kumpel zucken mit den Schultern und lächeln. Die fünf Hobbykünstler wollen das, was sie fertigen, nicht zwingend ausstellen oder verkaufen. Sich mit eigenen Ständen an Weihnachts- oder Kunsthandwerkermärkten beteiligen? Das muss nicht sein, die Fünf winken kollektiv ab. „Dann müssten wir ja in Serie herstellen, das ist nicht das, was uns Spaß macht“, sagt Klaus Rupp. Er und seine Mitstreiter arbeiten lieber an Unikaten. Und von denen kann man sich sehr oft kaum bis gar nicht trennen, sagt Gerhard Ilg. Er ist der erfahrenste Schnitzer in der Runde, der sein umfangreiches Wissen auch noch regelmäßig bei Schnitzkursen im österreichischen Lechtal erweitert und sein Know-how dann gerne an seine vier Kollegen weitergibt.

Zusammengefunden haben die Männer mehr oder weniger durch einen Zufall. Klaus Rupp hatte sich 2009 an einer Ausstellung in Neuler beteiligt und dabei einige seiner Arbeiten gezeigt. Man kam ins Gespräch, man traf sich – zunächst noch Reih um in den jeweiligen Hobbykellern.

Mittlerweile ist die Brühlschule fester Treffpunkt der fünf Neulermer Schnitzer. Hier kommen sie an dunklen Winterabenden zusammen, bearbeiten ihr Holz und mitunter wird auch geplaudert – über das, was im Dorf gerade so läuft. „Aber nicht ununterbrochen, mitunter wird hier auch eine halbe Stunde kein Wort gewechselt“, stellt Berthold Ekstein klar. Die Fünf mögen es eben entspannt.

Offen für andere

Für andere Schnitzer, die sich der Gruppe anschließen wollen, ist der eingeschworene, kleine Haufen, der im nächsten Jahr sein zehnjähriges Bestehen feiern möchte, übrigens offen – Berührungsängste müsse niemand haben, betonen die Fünf. Auch wer kaum oder gar keine Schnitzerfahrung mitbringt, darf gerne kommen und wird hier von den Fünfen unter die Fittche genommen.

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