Virtuose Violine und dröhnende Orgel

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 Peter Aidu bearbeitete die Tastatur des Instruments mit beiden Oberarmen vom Ellenbogen bis zu den Händen. Ihm assistierten Asy
Peter Aidu bearbeitete die Tastatur des Instruments mit beiden Oberarmen vom Ellenbogen bis zu den Händen. Ihm assistierten Asya Sorshneva und Rafael Schwarzstein. (Foto: Peter Schlipf)
Johannes Müller

Auf unterschiedliche Weise eindrucksvoll ist das Konzert am Sonntag in der Klosterkirche Neresheim gewesen. Hellauf begeistert zeigten sich die Besucher von der Virtuosität der Violinistin Asya Sorshneva aus Moskau und ihrer Interpretation diverser Stücke für Solo-Violine von Johann Sebastian Bach. Etwas verwirrt waren manche Besucher von der dröhnenden Musik des Ungarn György Ligeti (1923 bis 2006), überwältigend präsentiert vom Moskauer Starorganisten Peter Aidu.

Durch YouTube aufmerksam geworden

Pater Albert Knebel verriet in seinem Grußwort, dass er durch YouTube auf diese Art von Musik aufmerksam wurde und dann beide Künstler zum Abteikonzert eingeladen habe. Dass dies bei hierzulande relativ unbekannten Musikern immer ein Risiko ist, bestätigte die Zahl der Besucher, die abweichend von anderen Klosterkonzerten die Kirche nur zu etwa zwei Dritteln füllten.

Etwas unglücklich war die Platzierung der Violine auf der Orgelempore. Sie sollte die Besucher mit ihren Bachstücken 15 Minuten lang auf das Konzert einstimmen. Die Geräuschkulisse der noch Eintreffenden verschluckte jedoch zwangsläufig einen Großteil der wunderbaren Bachschen Musik. Das haben sicher viele Musikfreunde bedauert, die das kunstvolle Spiel mit den zauberhaften Girlanden nicht voll genießen konnten.

Einen Schock erlebten sie dann durch den Donnerschlag des Ligeti-Werkes „Volumina“. Rafael Schwarzstein, ein Musikerkollege der beiden Moskauer Künstler, hatte zwar in seiner Einführung die Technik der „Cluster“ erwähnt. Aber wer war schon auf diese katastrophale Cluster-Wirkung gefasst? Ein Dröhnen wie bei einem Fliegerangriff durchbrauste das Kirchenschiff. Schrille Klangriffs drangen in die Ohren bis zur Schmerzgrenze. Die gute alte Holzhay-Orgel schien außer Rand und Band. Etwa zehn Besucher verließen fluchtartig das Gotteshaus.

Peter Aidu bearbeitete die Tastatur des Instruments – wie bei Cluster üblich – mit beiden Oberarmen vom Ellenbogen bis zu den Händen. Um alle Tasten der verschiedenen Ebenen samt dem Basspedal zu drücken und um alle 50 Register wechselweise zu ziehen, assistierten ihm die Violinistin und der Musikerkollege. So entstand eine Fülle von Klangfarben, von huschenden Klangfetzen bis zu Intervalleffekten, die aus dem Gedröhne heraustönten. Da wäre die im Programmheft angekündigte Violine restlos untergegangen. Es war bloß ein Druckfehler.

Klangbrei, kunstvoller und differenziert serviert

Diesen Klangbrei kunstvoll und differenziert zu servieren, war die faszinierende Leistung von Peter Aidu, der seine Kunst bei internationaler Filmmusik und modernen Bühnenkonzeptionen zu entfalten lernte. Da verschwinden die Unterschiede von E- und U-Musik ebenso wie bei Asya Sorshneva, die bis hin zu Udo Jürgens mit ihren Auftritten glänzte. Ihr sanftes und zartes Spiel durfte man nochmals in Wladimir Martynows „Come in“ genießen. Jetzt ist sie vorn im Altarraum an der Chororgel bei Peter Aidu postiert.

Der 1946 geborene zeitgenössische Komponist aus Russland imponiert mit lieblicher Musik, deren erster Eindruck allerdings zu hinterfragen ist. Da unterbrechen nämlich immer wieder schnarrendes Gerassel und pochende Schläge die süßen Puddingklänge. Wird da an eine geheimnisvolle Tür geschlagen? Und wer sie mit „Come in“ öffnet, steht vielleicht dem Einlaß begehrenden Tod gegenüber. Auch das Publikum dachte nach, bevor es dann doch den beiden Künstlern reichen Beifall spendete.

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