Klangjuwelen erfüllen die Neresheimer Klosterkirche

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Das Konzert der Studenten der Royal Academy of Music war ein Fest der geistlichen Musik.
Das Konzert der Studenten der Royal Academy of Music war ein Fest der geistlichen Musik. (Foto: Schlipf)
Johannes Müller

Von nah und fern sind am Sonntag die Musikfreunde auf den Ulrichsberg geströmt. Der Grund: Seit 1991 locken Studenten der Londoner Royal Academy of Music zu ihren jährlichen Konzerten in der Klosterkirche Neresheim. „So stark war der Zustrom von Besuchern in all den 27 Jahren noch nie wie dieses Jahr“, verriet Abt-Administrator Pater Albert Knebel in seinem Grußwort.

Die Besucher, die das Gotteshaus bis auf den letzten Platz füllten, kamen in den Genuss exzellenten Chorgesangs und hoher Orgelkunst. Wieder hatten die bekannten führenden Musikpädagogen, Professor Patrick Russill und Professor David Titterington, unter ihren Gesangs- und Orgelschülern aus aller Welt die Besten für diese alljährliche Werkwoche ausgewählt. Was in den wenigen Tagen erarbeitet wurde, erklang nun erstmals, bevor die „Royals“ damit auf Welttournee gehen.

Ganz klein und fast demütig fing das große Konzert an. Man musste die Ohren spitzen, um den Klang der Mini-Orgel, einem tragbaren Instrument mit der Bezeichnung „Neresheimer Positiv“, wahrzunehmen. Michael Butterfield, ein junger englischer Musiker, erfreute mit einem entzückenden und intimen „Salve Regina“ des spanischen Komponisten Sebastian Aguilera de Heredia (1561 bis 1627). Die Melodie des bekannten Marienhymnus umrankten fantasievolle farbige Dekorationsgirlanden.

Den Spaniern der Barockzeit war der erste Teil des Programms gewidmet. Inhaltlich wurden in zeitlicher Nähe zum Fest Mariä Geburt (9. September) marianische Themen ausgewählt. In den Chorwerken entfaltete sich nicht nur die Klangpracht der spanischen Barockmusik, sondern es wurden auch die Unterschiede zur gleichzeitig im deutschen Sprachraum gängigen Klangwelt des Barocks deutlich.

Lebhafte Klänge spanischer Barockkomponisten

Die Komponisten der iberischen Halbinsel nahmen in ihren Werken den unbekümmert volkstümlichen Melos auf, der tänzerisch und rhythmisch lebhaft daherkam. Da scheute man nicht vor riskanten Verschiebungen des rhythmischen Gefüges und raffinierter Echowirkung zurück. Tomas Luis de Victoria (1548 bis 1611) ließ in seiner Motette „Vidi speciosam“ zwar starke italienische Einflüsse und damit fröhlichen Charakter erkennen, während der zur gleichen Zeit komponierende Francisco Guerrero in seiner „Virgo sanctissima“ strenge Linien und herbe Melodik bevorzugte. Der etwas spätere Zeitgenosse Joan Cererols huldigte in seiner „Regina caelorum“ sogar iberisch gefärbter Harmonik und überraschend wechselnden Rhythmen.

Der Chor arbeitete diese Differenzen deutlich heraus und nutzte die extremen akustischen Verhältnisse der Abteikirche zu eigenem Vorteil. Man hütete sich vor zu schnellen Tempi und kostete die extrem lang gezogenen Schlussakkorde aus. Damit erreichte man eine lebendige Dynamik und eine faszinierende Klangwirkung. Das gleiche Muster wendete Patrick Russill auch bei den Werken skandinavischer und baltischer Meister der Neuzeit an.

Spanischem Überschwang folgte eindrucksvolle Schlichtheit und lyrische Innigkeit. So im „Ave maris stella“ des Schweden Otto Olssen (1879 bis 1964) und im „Magnificat“ des viel aufgeführten Esten Arvo Pärt. Von starker Kontrastwirkung geprägt erwies sich das Werk des Dänen Niels la Cour (geboren 1944) aus seiner Vesper Organ, in dem eine filigrane „Meditazione“ einer schrillen „Lauda“ gegenübergestellt wurde, eindrucksvoll dargeboten von Andrzej Malitowski an der großen Holzhay-Orgel.

Zu ihr auf die Empore hinauf zog nun der ganze Chor für die beiden Höhepunkte, Werke der englischen Komponisten Herbert Howells (1892 bis 1983), eine üppige Vertonung des Psalms 42, auf der Orgel begleitet von Jamie Rogers, und das phänomenale „Festival Te Deum“ von Benjamin Britten (1913 bis 1976). Ein exaltierter Sphärentanz, eine Glanzleistung des Chores, kontrastierte mit einem engelgleichen Sopransolo. Nach einem schlichten Orgelstück von Frank Brigde, Brittens Kompositionslehrer, imponierte der Chor mit dem grandiosen Finale „God is gone up“, ein Himmelfahrts-Hymnus des englischen Komponisten Gerald Finzi (1901 bis 1956). Bei beiden Stücken glänzte James Orford an der Orgel.

Dass die Royals gerade mit Finzi ihr Konzert beschlossen, ist verständlich, weil er nicht nur ein geistliches Werk schuf, sondern darin auch englische Landschaft und Volksgesang großartig verherrlichte. Den nicht enden wollenden stehenden Applaus belohnte der Chor mit einer Würdigung der deutschen Klassik, mit dem „Geistlichen Lied“ von Johannes Brahms, diesmal dirigiert von einem der Orgelschüler.

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