Das Prager Jesulein ist zurück

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Das Prager Jesulein ist zurück (Foto: Bernhard Hampp)
Schwäbische Zeitung
Redakteur Bopfingen-Ries

Einen Tag vor Heiligabend ist das Christkind in Kirchheim angekommen. Pfarrer Hubert Klimek hat am vierten Adventssonntag die prächtige Figur des Prager Jesuleins, die in Kirchheim jahrhundertelang verehrt wurde, zuletzt aber in einem Abstellraum ihr Dasein fristete, wieder eingeweiht. Das liebevoll restaurierte Schmuckstück thront nun über dem Eingang zur Stephanskapelle, unterhalb der Empore.

Reich bekleidete und geschmückte Wachsfiguren des Jesuskindes waren zur Barockzeit in Frauenklöstern wie der Kirchheimer Zisterzienserinnenabtei weit verbreitet. „Für die Nonnen in ihren kargen Zellen waren die Puppen oft Tröster und einzige Habseligkeit“, sagt Edwin Michler, Vorsitzender des Freundeskreises Kloster Kirchheim. Die weltweit bekannteste und meistverehrte Jesuleinfigur aber steht heute noch in der Kirche Maria zum Siege im Karmeliterkloster auf der Prager Kleinseite. Dieses Gnadenbild, das jährlich von einer Million Pilger besucht wird, wurde im 16. Jahrhundert geschaffen und gelangte kurz darauf als Hochzeitsgeschenk nach Böhmen.

Von Pilgern verehrt

Nachbildungen des Prager Jesuleins fanden sich bald in vielen süddeutschen Klöstern. Das Kirchheimer Exemplar stammt wohl aus dem 18. Jahrhundert, wie Michler betont. Eine Votivtafel aus dem Jahr 1834 weist darauf hin, dass das Jesulein in Kirchheim zeitweise neben der schmerzhaften Muttergottes von Pilgern verehrt wurde. Michler hat sich nicht nur jahrelang darum bemüht, dass die stark beschädigte Figur aufwendig restauriert werden konnte, sondern sich auch mit detektivischem Spürsinn auf die Spur von alten Zeugnissen zum Kirchheimer Jesulein gemacht.

So entdeckte er ein 1761 in Augsburg gedrucktes Buch zu Ehren der Kirchheimer Jesulein-Figur, das den Titel „Schönes neu und altes Liebs-Büchlein Jesu“ trägt. Es enthält Kupferstiche vom Kloster Kirchheim und dem Jesulein, das laut Bildbeschreibung „in Copey zu Maria Kirchheim im Rieß mit Gnaden leuchtet“. Ein Exemplar des Buches fand der Vereinsvorsitzende in der Eichstätter Abtei Sankt Walburg. Es gelang ihm auch, ein Wachssiegel im Sockel der Figur zu entschlüsseln: Es stammte von den unbeschuhten Karmelitern aus Prag, in deren Kirche das Original-Jesulein aufbewahrt wird. Für Michler neben vielen Fundstellen in der Literatur ein weiterer Beweis, dass die Wachsfigur in Kirchheim tatsächlich aus Prag stammt. Das golddurchwirkte und mit Schmucksteinen besetzte Gewand und der prachtvolle Blumenschmuck aus vergoldetem Draht sind dagegen echte Kirchheimer Klosterarbeiten.

Restaurierung in Esslingen

„Es war eine jahrelange Sisyphusarbeit“, sagt Michler, der gemeinsam mit seiner Frau Marlene und dem Verein mehrere Ausstellungen organisiert hat, um die Restaurierung der Figur im Esslinger Landesdenkmalamt zu finanzieren. Der Freundeskreis brachte 6700 Euro für die Wachsrestaurierung auf. Das Landesdenkmalamt finanzierte die Säuberung des Gewandes, die katholische Kirchengemeinde die Restaurierung des hölzernen Schreins.

Nun strahlt das lange vergessene Prager Jesulein zu Kirchheim wieder so wie vielleicht zuletzt vor 300 Jahren. Lediglich die Krone und der Reichsapfel, die das Kind einst getragen hat, sind verschollen. „Vielleicht tauchen sie ja doch noch irgendwo im Klostergebäude auf“, hofft Marlene Michler.

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