Rathaussturm in Jagstzell: Müller wird gerettet – aber erst nach der Gemeindekasse

Lesedauer: 9 Min
Redakteurin Virngrund

Es ist wieder ein Riesenspektakel gewesen: die Erstürmung des Rathauses von Jagstzell. Am Ende ging der Amtssitz von Bürgermeister Raimund Müller mal wieder in Flammen auf und ein vollkommen aufgelöster, rußgeschwärzter Jagstzeller Rathauschef war seinen Job los. Die Narren vom Wilden Herr hatten am Montagabend bei ihrem Sturm auf das Jagstzeller Rathaus ausgesprochenes Glück.

Pünktlich um 19 Uhr legte sich der Wind und es hatte sich ausgeregnet, womit Müllers Schicksal an diesem Abend besiegelt sein sollte. Im Fackelschein, angeführt von Hauptmann Nikolaus Kurz, zog das Wilde Herr auf den Rathausplatz, wo sich wieder eine ganz beachtliche Zahl an Narren eingefunden hatte, um das Wilde Herr bei seinem Unterfangen anzufeuern.

Das versuchte am Montag zunächst mit einer List den unliebsamen Verwaltungschef aus seinem Rathaustempel zu locken. Dazu hatten sich die Mannen von Nikolaus Kurz junge, sehr charmante Verstärkung mitgebracht: jede Menge Jagstzeller Kinder, die in lustigen Kostümen eine gar nicht so lustige gesungene Botschaft für ihren Bürgermeister im Gepäck hatten: „Ich und Du, Müllers Kuh, Müllers Esel, der bist Du.“ Das kam beim Gemeindeoberen gar nicht gut an. Er weigerte sich standhaft, sein Rathaus zu verlassen. Was möglicherweise aber auch an dem Pfeif- und Buhkonzert vor seinem Amtssitz lag.

Lahme Lunte, großer Knall

Und so kam es wie jedes Jahr. Das Wilde Herr musste zu brachialen Methoden greifen. Eine Bombe, die aussah wie eine Rakete, wurde direkt vor Müller Amtsstube, in einem Fensterkasten im ersten Stock platziert und gezündet – was außerplanmäßig lange dauerte. Der Knall kam erst, nachdem der Countdown zweimal runtergezählt war. Dafür fiel er aber um so heftiger aus. Das Rathaus, es brannte danach lichterloh.

„Nicht schlimm“, befand Hauptmann Kurz. Der alte Schuppen wird ja demnächst eh abgerissen. Sein Kommando lautete deshalb: „G’wartat wird, bis der ganze Schuppa brennt. No hot der Kerle dohob wenigstens ausgepennt.“ Und so wurde die angerückte Feuerwehr kurzerhand wieder weggeschickt.

So richtig gegrillt wird der Bürgermeister doch nicht

Aber so richtig „grilla“ wollten die Jagstzeller Narren ihren ausgeräucherten Bürgermeister am Ende dann doch nicht. Müller wurde gerettet – allerdings ausdrücklich erst nach der Gemeindekasse, deren Inhalt sofort an die (kleine) Narren auf dem Rathausplatz verteilt wurde.

Und der Bürgermeister? Er landete am Rosenmontag wie gewohnt gefesselt und abgekämpft, aber immer noch unermüdlich schimpfend am Narrenbaum, von wo aus er sich wieder einmal eine sehr, sehr, sehr lange Anklageschrift anhören durfte. Unter anderem wurde Müller der Banküberfall auf die Volksbank Anfang Januar zur Last gelegt. Die neue Fußgängerunterführung, die auf sein Geheiß gebaut worden war, habe dem Räuber geradezu „ideale Fluchtbedingungen“ ermöglicht, lautete der Vorwurf.

Aber das war bei Weitem nicht das schlimmste Vergehen: Tatsächlich hatte es Müller gewagt, dem Wilden Heer im vergangenen Jahr nicht nur sein Zeugraum im Rössle wegzunehmen, sondern auch noch die geliebte Bar in der Alten Schule. Allein dafür dürften ihn die Narren über mehrere Jahre mit Tomaten und faulen Eiern bewerfen, betonte Kurz mit einigem Nachdruck.

Untragbar

Versagt habe der Schultes zudem beim lange angekündigten und versprochenen Breitbandausbau in Dankoltsweiler. Die Menschen seien hier nach wie vor noch auf ihre Buschtrommeln angewiesen, schimpfte Kurz sich in Rage . Und so kam man in Jagstzell wenig überraschend zu dem Schluss: Müller ist als Bürgermeister untragbar.

Er wurde abgesetzt, vorerst allerdings nur bis Aschermittwoch. Außerdem wurde er dazu verdonnert bei der Einweihung des Jagstspielplatzes einen Eimer Wein fürs gemeine Volk zu spendieren – wohlgemerkt einen Eimer mit einem Fassungsvermögen von mindestens 120 Litern. Müller akzeptierte widerwillig und kam schlussendlich auf Bitten der Jagstzeller Kinder, die an diesem Abend offenbar Gnade vor Recht walten lassen wollten, sogar noch frei.

Rathaussturm in Jagstzell
Rathaussturm in Jagstzell
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen