Initiative Freifunk und Gemeinde erobern die Lüfte

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Schwäbische Zeitung
Robin Uhlenbruch

Gegen langsames Internet auf dem Land und den flächendeckend schleppenden Breitbandausbau in Deutschland geht die Gemeinde Essingen ihren ganz eigenen Weg. Zusammen mit der Bürgerbewegung Freifunk soll der Ort schneller an die Welt des Internets angeschlossen werden, ohne dabei von den großen Mobilfunkkonzernen abhängig zu sein. Nachdem diesen Sommer der evangelische Kirchturm als erster Baden-Württembergs mit Wlan ausgestattet wurde, ziehen jetzt die katholische Kirche und das Gemeindehaus in Essingen nach.

Das Angebot der nichtkommerziellen, deutschlandweiten Freifunk-Initiative, die vor rund 13 Jahren in Berlin an den Start ging, richtet sich vor allem an die Smartphonenutzer, erklärt Stefan Maier vom Essinger Ableger. „Vor allem in der Mittagspause wird gerne mit Freifunk gesurft, um Facebook, Whatsapp oder Mails abzurufen“, so Maiers Erfahrungen aus dem Bekanntenkreis und das Feedback der Essinger. „Auch für Nachrichten und die kleine Lektüre eignet sich das Wlan, für ständiges Video- und Musikstreaming aber nicht.“

Die „Aalener Nachrichten“ begleiten ihn und seinen Kollegen Claus Peter Walny, der Freifunk in Essingen gegründet hat, bei der Installation im Kirchturm der katholischen Kirche und im Gemeindehaus. Zwei Durchgänge sind insgesamt nötig, um beide Gebäude ans DSL-Netz anzuschließen. Dabei sind die beiden immer auf der Suche nach neuen und höheren Gebäuden. Denn je weiter oben die starken Funkgeräte angebracht sind, umso größer ist ihr Wirkungsbereich im Ort. Dabei werden sie von der Gemeinde seit diesem Jahr (wir berichteten) auch finanziell unterstützt. 2000 Euro berappte die Verwaltung für die nötige Technik.

Als nächstes stehen das Rathaus, die Turnhallen und die Schlossscheune auf dem Programm. „Das ist ein sehr großer Schritt für uns“, erklärt Maier. Doch bereits jetzt sieht er den Ortskern weitestgehend gut beim Wlan-Angebot aufgestellt. Lediglich zwischen Ortseingang, Penny-Markt und Feuerwehrhaus sucht er noch nach privaten oder gewerblichen Unterstützern. Bei Freifunk schließen sich mehrere Router zu einem lokalen Computernetzwerk zusammen und bilden so ein flächendeckendes Netz. Vor allem bei Betrieben und Gaststätten sei die Begeisterung groß. „Sie erkennen die Vorteile für ihre Kunden – dagegen sehen wir eine stärkere Zurückhaltung bei privaten Haushalten“, bedauert der Freifunkpionier. Die Schuld sieht er in dem lückenhaft überarbeiteten Telemediengesetz der Bundesregierung.

„Sie hat ein Hintertürchen offengelassen.“ Wird ein öffentlicher Hotspot für kriminelle Machenschaften missbraucht, kann der Betreiber zur Unterlassung verklagt werden. „Das war eine halblebige Geschichte“, ist Maier überzeugt und schließt sich damit Kritikern im Bundesrat an, die im vergangenen Sommer die bestehende Rechtsunsicherheit bei der Störerhaftung bemängelten.

Deshalb setzt Freifunk weiter auf eine Alternative. Die Internetboxen steuern einen Server der Landesmedienanstalt Berlin sowie Provider im angrenzenden Ausland an. Dadurch wird die gesetzlich vorgeschriebene Anmeldung mit Pin und Zugangsdaten überflüssig und sichert Freifunk in Essingen den wachsenden Erfolg. Seit Juni sind die aus 40 fast 60 Zugangspunkte geworden. Die Nutzerzahlen steigen kontinuierlich.

Freifunk in Betrieben gefragt

Vor allem Gewerbetreibende würden immer mehr auf den Zug aufspringen, erklärt Maier, der indessen große Teile seiner Freizeit für das Projekt opfert, um die Skepsis in privaten Haushalten abzubauen. Die Bürgerbewegung sei auf sie angewiesen, um das freie Netz in die Wohngebiete und damit in die Fläche zu bekommen. Auch eine Abdeckung des gesamten Ostalbkreises ist noch ein langer Weg. Mehrere Knotenpunkte gibt es in Aalen und in Mögglingen. Ein Erfolg wie in Essingen verbucht die Initiative hier noch nicht. Jetzt könnte aber Abts-gmünd hinzukommen, verrät Maier.

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