„Wir lernen unter Strom. Das ist der größte Hohn“

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Schwäbische Zeitung
Josef Schneider

„Wir wollen eine Erdverkabelung.“ Unter diesem Motto ist die Demonstration der Bürgerinitiativen (BI) Ellwangen, Neunheim und Hüttlingen am Montagabend auf der Wiese hinter der Schutzengelkapelle in Neunheim und unter einer Freileitung gestanden. Das ist aber auch die gemeinsame Kernaussage der 13 Redner gewesen, die in ihren Ansprachen ein klares Nein zu Hochspannungsleitungen über Wohngebieten und Schulgebäuden sagten. Der Gesundheit und der Lebensqualität zuliebe.

„Seit mehr als 70 Jahren steh’n diese Masten hier. Elektrosmog beladen, sie schaden Mensch und Tier“, hieß es im Demolied des Chores aus Kindern aus Neunheim und Rattstadt. Text und Musik stammten von Barbara Haas, der Gründerin und Sprecherin der Neunheimer Bürgerinitiative gegen die Hochspannungsleitung. Deshalb hatte das Lied auch Tiefgang: „Wir lernen unter Strom. Das ist der größte Hohn. Weg mit den Altlasten, weg mit diesen Masten. Denkt an uns, die Kinder. Erdkabel sind gesünder!“ Damit war alles gesagt, nur nicht von allen.

„Eine Demo gab’s noch nie in Neunheim. Dieses Datum 24. Oktober 2016 wird in die Geschichte von Neunheim eingehen“, sagte Dieter Schips, der stellvertretende Leiter der BI Neunheim und Moderator der Veranstaltung, vor schätzungsweise 200 Teilnehmern. Barbara Haas ergänzte: „Notgedrungen müssen wir demonstrieren und wollen ein Zeichen setzen, dass wir mündige Bürger sind und nicht alles so hinnehmen.“ Sie ging auf die gesundheitlichen Risiken der elektromagnetischen Umweltverschmutzung ein und führte Krankheiten wie Krebs, Leukämie, Alzheimer, Herzinfarkt, aber auch Depressionen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Stresserscheinungen an. An die Adresse von Netze BW hatte sie die Botschaft parat: „So mit uns nicht!“

„Wir prüfen rechtliche Schritte“

„Sie sehen mich an Ihrer Seite“, demonstrierte Bundestagsabgeordneter Roderich Kiesewetter (CDU) Solidarität. Gleichzeitig forderte er gesetzliche Veränderungen: „Wir müssen auf die Speichertechnologie setzen.“ „Es ist wichtig, dass unsere Kinder dabei sind, weil für unsere Kinder demonstrieren wir heute“, meinte Bürgermeister Volker Grab (Grüne). Er kritisierte die unterschiedliche Politik, denn in Bayern würden die Kabeltrassen als Erdkabel ausgeführt. Die Mehrkosten für die Erdverkabelung seien eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe: „Wir werden weitere Schritte, auch rechtliche Schritte prüfen.“

Rainer Zeifang (BI Ellwangen) blickte auf die Hochspannungsleitungen, die über die Klosterfeldschule, die Eugen-Bolz-Realschule, das Hariolf-Gymnasium, das Kreisberufsschulzentrum, die Mittelhofschule und den Kindergarten Sankt Canisius gehen: „Hochspannungsleitungen haben in Städten grundsätzlich nichts zu suchen.“ Sein BI-Kollege Hartmut Früh sagte, in Bayern gebe es Erdkabel auch dort, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagten. Strommasten seien nicht mehr zeitgemäß, sie könnten auch Ziel von Terroranschlägen sein.

Josef Kowatsch (BI Hüttlingen) forderte eine Beteiligung Bayerns an den Kosten. Die Erdverkabelung sei am Ende sogar billiger als die Freileitung, wenn man über einen Zeitraum von mindestens 20 Jahren die Gesamtkosten vergleiche. SPD-Kreisrätin Carola Merk-Rudolph fragte sich, ob die bayerischen Bürger mehr wert seien als die Bürger Baden-Württembergs. Margit Stumpp (Grüne) meinte: „Wer Pflichten erfüllt, hat auch Rechte. Wir haben ein Recht auf Gesundheit.“ Für ein Gesamtkonzept sprach sich Landtagsabgeordneter Winfried Mack (CDU) aus. Ihm blute das Herz, wenn er sehe, wie viel Wälder für den Bau von Windrädern gerodet werden. Röhlingens Ortsvorsteher Peter Müller wandte sich gegen die Arroganz der Netze BW, Oberstudiendirektor Peter Lehle von Kreisberufsschulzentrum setzte sich für seine fast 1900 Schüler ein. Manfred Braig, CDU-Stadtrat in Neunheim, meinte, die Trasse müsse unter die Erde, damit Friede werde.

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