Wie ein verlassener Storch eine alte Liebe wiederfindet

Lesedauer: 7 Min
Mit der Drehleiter ans Storchennest
Die Drehleiter fährt komplett aus. Anders wäre das Nest nicht zu erreichen. Doch diese Angelegenheit ist ganz schön wackelig.
Redakteur Digitales

Die Drehleiter der Freiwilligen Feuerwehr Ellwangen ist komplett ausgefahren. Der Korb hängt in rund 20 Metern Höhe über dem Gebäude der Außenstelle des Regierungspräsidiums Stuttgart. „Mehr geht nicht“, gibt Feuerwehrmann Christoph Schreiner über Funk durch. Ein bisschen näher muss Helmut Vaas aber noch ran, damit er die Jungstörche im Nest beringen kann.

Philipp Lechner ist ebenfalls Feuerwehrmann und steuert den Korb hoch oben über den Dächern. Ein wenig kann er ihn noch nach unten kippen, damit der ehrenamtliche Weißstorchbetreuer Vaas seine Arbeit machen kann. Mit an Bord ist trotz strahlend blauen Himmels ein Regenschirm. „Den brauche ich zum Abwehren“, sagt Vaas. Falls eines der Elterntiere angreift. „Dann spanne ich den auf und verjage das Tier.“

Doch dazu kommt es nicht. Der Aufpasser breitet die Flügel aus und flüchtet, als er den Korb über den Rand des Daches emporsteigen sieht. Argwöhnisch beobachtet der Storch die Szenerie von der gegenüberliegenden Basilika. Wie viele Ellwanger, die vom Boden aus neugierig nach oben blicken.

Zwei Küken bekommen keine Chance

Mit Gummihandschuhen legt Vaas den ersten von zwei Jungstörchen in ein weißes Tuch, hängt es an eine Waage und hebt das Tier aus dem Nest, während der Korb der Feuerwehrdrehleiter sanft hin und her wackelt. Das Gewicht der Tiere scheint gut zu sein. Die Brutalität der Elterntiere im Vorfeld hat sich wohl ausgezahlt. „Es waren anfangs vier Küken. Die Störche haben diese Anzahl selbst reduziert“, erklärt der Storchenbetreuer. „Wahrscheinlich hätte die Nahrung nicht gereicht.“

Dann greift Vaas den in Akinese – einer Schreckstarre – verharrenden Störchen in die Schnäbel, zieht Gras und Dreck heraus. Die Würmer, die die Jungtiere bekämen, wären ja nie sauber abgewaschen, so Vaas. „Das sammelt sich im Unterschnabel und kann zu einem sogenannten Kreuzschnabel führen“, sagt er. Doch die Tiere machen einen guten Eindruck. „Am Montag werden sie fünf Wochen alt.“

Die beiden hatten mehr Glück als ihre Halbgeschwister. Denn ihr Vater hatte in diesem Jahr bereits mit einer anderen Storchendame Eier im Nest abgelegt. Doch eine Drohne, die zu dicht an die brütenden Tiere herangeflogen war, verjagte das Weibchen. Der Nachwuchs hatte keine Chance. „Dohlen haben die Eier dann geöffnet“, erinnert sich Vaas.

Storch findet seine alte Liebe in Oettingen wieder

Das einsame und um seinen Nachwuchs beraubte Männchen flog fort. Und fand in Oettingen seine alte Liebe wieder – die Mutter der zwei Küken, die Vaas nun beringt. „Die beiden waren 2015 bereits kurz davor, Eltern zu werden. Doch die Eier waren unbefruchtet“, erzählt der Hobbyornithologe.

So brutal die Natur auch oftmals zu sein scheint, in diesem Fall schreibt sie eine Geschichte, die schöner nicht sein könnte. Eine alte Liebe bekommt eine zweite Chance. Und die Geschichte dazu liefern die Storchenbetreuer. Nachvollziehen können sie sie, weil sie den Jungtieren Ringe an die Beine klipsen. Vielleicht liefern diese beiden eines Tages ja auch eine so berührende Geschichte.

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