„Wegwerfen? Denkste!“

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Inge Rieger in ihrem Element. Das Repair Café in Ellwangen hat sie initiiert. Mit im Bild Elektroingenieur Denis Djekic (rechts
Inge Rieger in ihrem Element. Das Repair Café in Ellwangen hat sie initiiert. Mit im Bild Elektroingenieur Denis Djekic (rechts) und Christian Emke, dem das Spielzeugauto, das gerade repariert wird, gehört. (Foto: Rapp-Neumann)
Schwäbische Zeitung
Petra Rapp-Neumann

Inge Rieger, Grande Dame der Ellwanger Modewelt, ist eine Macherin im besten Sinne. Über 40 Jahre hat sie ihre Modeboutique in der Adelbergergasse mit Nähschule geführt. Im September 2015 hat sie bei den Combonis ein Repair Café eröffnet. Jetzt ist es ein gemeinnütziger Verein.

Möglich wurde die Gründung des Repair Cafés mithilfe der Crowdfunding-Initiative „Viele schaffen mehr“ der VR-Bank Ellwangen. Mit ihrer Vitalität, ihrer gewinnenden Persönlichkeit und ihrem Charme ist Inge Rieger die Seele des Ganzen.

Auch mit 75 Jahren legt sie die Hände nicht in den Schoss: „Ich muss immer etwas bewegen.“ In Ellwangen, wo die gebürtige Aalenerin seit 1965 lebt, ist sie eine Institution.

Wie sehr ihr das Repair Café am Herzen liegt, spürt jeder, der sie dort erlebt. Sie hat die Fäden in der Hand und alles perfekt organisiert. Jeder, der ein altes Schätzchen zum Reparieren bringt, muss ein Formular ausfüllen: „Sonst kommt man nicht rein“, lacht sie. Ob kaputte Staubsauger, defekte Küchengeräte oder die Lieblingstasse mit abgebrochenem Henkel: für alle Problemfälle gibt es helfende Hände.

Die Idee: Jeder soll selbst mit Hand anlegen

Es geht um Hilfe zur Selbsthilfe: „Wir möchten nicht, dass die Sachen nur abgegeben werden. Jeder soll nach Möglichkeit mitmachen“, sagt Georg Ziegler, Innenarchitekt und Inge Riegers Stellvertreter. Repariert wird alles, außer Großgeräten wie Waschmaschinen: „Wir machen Elektrogeschäften und Änderungsschneidereien keine Konkurrenz“, betont Rieger.

„Wegwerfen? ‚Denkste!“ ist die Philosophie der Repair Cafés. Die Idee stammt aus den Niederlanden. Seit 2014 widmet sich die niederländische Stiftung Repair Café der Verbreitung des Konzepts in Deutschland. Die Stiftung ist auch im Bereich Urban Gardening aktiv und hat sich die Förderung nachhaltiger Lebensstile sowie den schonenden Umgang mit Ressourcen auf die Fahnen geschrieben. Sie stellt Material wie Poster und Flyer zur Verfügung und vernetzt die Repair Cafés auf ihrer Webseite. Für sogenannte Reparatur-Cafés gilt das übrigens nicht.

Weil es, so Ziegler, diese Stiftungsform in der Bundesrepublik nicht gibt, wurde der gemeinnützige Verein Repair Café Ellwangen gegründet. Aktuell gibt es 1200 Repair Cafés in 29 Ländern. In Baden-Württemberg sind es 15. Da ist noch Luft nach oben: „Ich finde viele kleinere Repair Cafés gut“, sagt Inge Rieger. „Dann kann ein Netzwerk im Sinne der Nachbarschaftshilfe entstehen.“ In Heubach soll demnächst eines eröffnet werden.

Wer handwerklich oder technisch nicht geschickt ist, backt fürs Kuchenbüffet. Das ist, wie es sich für ein Café gehört, üppig: „Wir haben immer volles Haus“, freut sich der junge Elektroingenieur Denis Djekic, einer von rund 30 Ehrenamtlichen.

Im Sommer gibt’s wieder ein Nähcamp

Inge Rieger findet man meistens an der Nähmaschine. Schneiderin war zunächst nicht ihr Traumberuf, aber: „Ich hatte immer Freude am textilen Material.“ Im Rahmen des Sommerferienprogramms möchte die Schneidermeisterin und ehemalige Direktrice der Textilfachschule Schloss Hohenstein wieder ins Nähcamp in ihr Neunheimer Atelier einladen: „Etwas weiterzugeben und etwas Sinnvolles zu tun, macht mich zufrieden.“

Fürs Alter bleibt da keine Zeit. Aber fürs Kino: „Das Leuchten der Erinnerung“ mit Helen Mirren und Donald Sutherland möchte sie sich anschauen: „Das ist ein Roadmovie für 80-Jährige.“ Also genau das Richtige für die junggebliebene 75-Jährige.

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