Von den Nazis verschleppt

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 Zum Nationalen Gedentag hat die Berliner Schriftstellerin Anja Tuckermann gelesen. Sie schildert das Schicksal des Sinto-Jungen
Zum Nationalen Gedentag hat die Berliner Schriftstellerin Anja Tuckermann gelesen. Sie schildert das Schicksal des Sinto-Jungen Mano, der von den Nationalsozialisten ins Konzentrationslager verschleppt wird und nach Kriegsende von einer Pflegefamilie in Frankreich aufgenommen wird. (Foto: Kreisberufsschule)
IPF- UND JAGST-ZEITUNG

Weil er Sinto gewesen ist, ist Mano von den Nationalsozialisten ins Konzentrationslager deportiert worden. Er überlebte Auschwitz, Sachsenhausen und Ravensbrück. Doch seine Odyssee ging auch nach Kriegsende weiter. Seine Geschichte hat die Berliner Schriftstellerin Anja Tuckermann aufgeschrieben und daraus im Berufsschulzentrum vorgelesen.

Dem Schicksal der Sinti und Roma im Dritten Reich hat Tuckmann einen Großteil ihrer über zwanzig Bücher gewidmet. „Mano, der Junge, der nicht wusste, wo er war“ ist ein autobiografischer Roman, der auf Befragungen und umfangreichen Recherchen beruht. Das Kriegsende bedeutete für den Elfjährigen wie für viele der von den Nazis Verschleppten den Beginn einer zweiten qualvollen Odyssee. Eine wie viele im Nachkriegseuropa in bitterer Armut lebende Familie in Frankreich nahm Mano liebevoll auf. Sie schärften ihm ein, ja kein Deutsch zu sprechen, um ihn vor Repressalien zu schützen. Doch damit drohte dem Jungen der Verlust von Muttersprache und Identität.

Das als Folge seiner KZ-Haft von Albträumen gequälten, unter ständigem panischen Stress stehenden Kind wusste nicht, ob seine Angehörigen noch lebten. Anrührend beschreibt Tuckermann, wie Mano heimlich auf Deutsch mit Tieren redet. Seinen wahren Namen, Hermann Höllenreiner, wagt er nicht zu verraten Sein Vater, der das KZ anders als viele seiner anderen Verwandten überlebt hatte, findet ihn deshalb erst 1946 und bringt ihn nach München zurück, Wieder nimmt der Junge Abschied, dieses Mal von seinen Pflegeeltern, die ihn liebten.

Mano (Hermann Höllenreiner) lebt heute noch. Er sprach im bayerischen Landtag beim Gedenkakt für die NS-Opfer. Die vielen Gespräche mit Anja Tuckermann halfen dem heute 85-Jährigen dabei, das erlebte Grauen zu verarbeiten. Aber noch heute, so berichtete die Autorin, wirkt er wei ein unter einer unglaublichen Spannung stehender Mensch.

Die in der Flüchtlingshilfe aktive Anja Tuckermann verknüpfte das Kriegs- und Nachkriegsleid der Sinti mit der gegenwärtigen Situation der Flüchtlinge, die mit Schiffen von Afrika nach Europa zu gelangen versuchen und dabei oft ihr Leben lassen. Schulleiter Peter Lehle warf einen Blick auf die Ereignisse in Chemnitz, Bürgermeister Volker Grab warnte vor denen, die heute wieder die Macht auf der Straße suchen. Peter Maile vom Friedensforum, Kreisrat Hubert Thalheimer und Hermine Nowottnik vom Bildungsbüro des Ostalbkreises bestärkten die Berufsschüler, Engagement gegen Unmenschlichkeit und Intoleranz zu zeigen.

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