Verdrängte Geschichte

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Der Steinbruch in Neunheim ist ein Ort trauriger historischer Ereignisse: Hier mussten nicht nur Häftlinge aus dem Ellwanger KZ-
Der Steinbruch in Neunheim ist ein Ort trauriger historischer Ereignisse: Hier mussten nicht nur Häftlinge aus dem Ellwanger KZ-Außenlager Zwangsarbeit leisten. Hier führte im April 1945 auch der „Hessentaler Todesmarsch“ von Häftlingen aus den beiden evakuierten KZs Kochendorf und Hessental entlang. Ob sich diesem Marsch auch Häftlinge aus Ellwangen anschließen mussten, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Bekannt ist nur: Auf dem Weg zum Steinbruch und im Steinbruch selbst wurden Häftlinge erschossen. (Foto: Rimkus)
Schwäbische Zeitung
Redakteurin Virngrund

Es ist ein dunkles Kapitel in der Stadtgeschichte, an das man sich in Ellwangen lange Jahre nicht erinnern wollte und das bis heute auch nur lückenhaft erschlossen ist: In den Kriegsjahren beheimatete Ellwangen zwei Konzentrationsaußenlager. Jetzt soll zumindest die Geschichte eines dieser beiden Lager wissenschaftlich sauber aufgearbeitet werden – vom baden-württembergischen Landesamt für Denkmalpflege.

Zwischen 1941 und 1945 gab es in Ellwangen zwei sogenannte KZ-Außenlager, befehligt von der SS. Das erste Lager existierte von Juli 1941 bis Oktober 1942 und war ein Nebenlager des Konzentrationslagers Dachau. Das zweite Lager wurde 1943 als Außenkommando des KZs Natzweiler errichtet und hatte bis kurz vor Kriegsende in Ellwangen Bestand. Dessen Geschichte soll nun vom baden-württembergischen Landesamt für Denkmalpflege recherchiert werden.

Systematische Erfassung von Lager-Relikten

Hintergrund ist ein neues Projekt, das jetzt vom Land gestartet worden ist. Es sieht die systematische Erfassung von vorhandenen Relikten an ehemaligen KZ-Standorten in Baden-Württemberg vor. Sie sollen vor „unsensibler Behandlung oder gedankenloser Beseitigung“ geschützt werden, heißt es dazu in einer Pressemitteilung des Regierungspräsidiums Stuttgart. Im Zentrum stünden dabei zunächst die 35 Außenlager des KZ-Komplexes Natzweiler, darunter eben auch jenes Außenlager in Ellwangen.

Dort, wo sich heute die Goldrainsiedlung befindet, standen zwischen 1943 und 1945 mit Stacheldraht eingezäunte Holzbaracken. Hier waren rund 100 Häftlinge, mehrheitlich Juden, untergebracht. Sie wurden vor allem im Straßen-, Bunker- und Wohnungsbau als Zwangsarbeiter eingesetzt, aber auch im Steinbruch Neunheim und an den Holzkohlemeilern bei Schwabsberg mussten diese Menschen – bei dürftiger Verpflegung – schwerste körperliche Arbeit verrichten. Nicht alle überlebten diese Torturen.

Im April 1945 erfolgte angesichts vorrückender amerikanischer Streitkräfte schließlich die Auflösung des Lagers; die Häftlinge wurden per Bahn und zu Fuß ins KZ Dachau gebracht.

Das Friedensforum stieß die Debatte an

Das Wissen um die Ereignisse von damals ist recht dürftig. Das Wenige, was bekannt ist, haben vor allem die Mitglieder des Ellwanger Friedensforums zusammengetragen. 1987 brachten die Friedensaktivisten eine 120 Seiten starke Dokumentation mit dem Titel „Vernichtung und Gewalt – Die KZ-Außenlager Ellwangens“ heraus. Mitautor war damals Josef Baumann, der sich noch gut an die Aufregung erinnern kann, die diese Publikation seinerzeit in der Stadt ausgelöst hatte. „Es wurde damals ernsthaft darüber diskutiert, ob man ein KZ-Außenkommando überhaupt als KZ bezeichnen darf“, sagt Baumann. Weshalb dem Friedensforum seinerzeit von der Ellwanger Stadtverwaltung übrigens auch das Aufstellen eines schlichten Holzkreuzes am Goldrainwald zum Gedenken an die Opfer des Ellwanger KZs kurzerhand untersagt wurde. Das Kreuz durfte nur eine Woche dort stehen und musste dann auf Anweisung der Stadt wieder abgebaut werden, weil es „nach bisherigen fundierten Kenntnissen in Ellwangen nie ein Konzentrationslager gegeben hat“, so die Begründung der Stadtverwaltung damals. Es wurde betont, dass dass das Ellwanger Lager schließlich „nur“ ein Arbeitslager und kein KZ-Vernichtungslager gewesen sei. Auch die „Ipf-und-Jagst-Zeitung“ mischte in der öffentlichen Diskussion mit und titelte am 4. Januar 1986: „Gab es Konzentrationslager in Ellwangen?“.

„Uns hat das damals motiviert, weiterzumachen. Wir wollten, dass diese historische Tragödie endlich als Faktum anerkannt wird. Die Geschehnisse sollten in der Stadt nicht länger verharmlost werden, indem man zwischen KZ-Außenlager und KZ unterscheidet. Auch in den Ellwanger Lagern sind schließlich Menschen gestorben. Es war Vernichtung durch Arbeit“, sagt Baumann. Deshalb sei es schlussendlich zu der Veröffentlichung des Buches und – einige Jahre später – auch noch zu der Aufstellung eines Gedenksteins am alten Jüdischen Friedhof gekommen. Wobei das Friedensforum auch für die Errichtung dieses Gedenksteins im Jahre 1991 noch „sehr viel Druck“ und die Unterstützung des damaligen Landesrabbiners Joel Berger brauchte, wie Baumann erzählt.

Komplett überbaut

Mittlerweile ist die Erinnerungskultur eine andere. OB Karl Hilsenbek hat die Arbeit des Friedensforums im vergangenen Jahr zu dessen 30. Jubiläum ausdrücklich gewürdigt und das Land will sich nun um Aufarbeitung der Geschichte des Ellwanger KZ-Außenlagers im Goldrain verdient machen.

Dass die Denkmalschützer in Ellwangen allerdings noch irgendwelche Überreste von diesem Lager finden, ist so gut wie ausgeschlossen. Das Areal ist längst überbaut. Die KZ-Baracken, die nach dem Krieg zunächst noch als Notunterkünfte für Vertriebene gedient hatten, wurde Ende der 50er-Jahre abgerissen; danach zog die Baugenossenschaft an dieser Stelle neue Wohnhäuser hoch.

Suche mit Georadar und Geomagnetik

Für Christian Bollacher vom Landesamt für Denkmalpflege ist das aber kein Grund, zu verzagen. Schließlich sollen im Rahmen des Projektes auch jene Orte mit in den Blick genommen werden, an denen die Inhaftierten zur Zwangsarbeit herangezogen wurden, betont Bollacher. Das könnten in Ellwangen zum Beispiel der Steinbruch in Neunheim sein, alte Bunkeranlagen, unterirdische Stollen oder andere Bauten. „Das Projekt läuft vier Jahre. Wir stehen aktuell noch ganz am Anfang. Es wird uns zunächst vor allem um Grundlagenforschung gehen. Dafür werden sich unsere Mitarbeiter durch die Archive, vor allem in Berlin und Ludwigsburg, arbeiten müssen“, sagt Bollacher. Auch Luftbilder der Alliierten sollen ausgewertet werden und moderne archäologische Verfahren, wie Georadar und Geomagnetik, zum Einsatz kommen, mit denen sich unterirdische Barackenfundamente erkennen lassen, auch wenn oberflächlich keine baulichen Spuren mehr zu erkennen sind.

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