Stolpersteine sollen an Holocaust-Opfer erinnern

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 Wie schon in vielen anderen Städten sollen auch in Elleangen künftig Stolpersteine an die Opfer des Holocaust erinnern.
Wie schon in vielen anderen Städten sollen auch in Elleangen künftig Stolpersteine an die Opfer des Holocaust erinnern. (Foto: Archiv- Roland Rasemann)

Das nächste Treffen findet am Freitag, 12. April, um 19.30 Uhr bei den Comboni-Missionaren in der Rotenbacher Straße 8 statt. Wer Anregungen, Vorschläge oder Namen zu den Ellwanger Stolpersteinen hat, kann sich an Christoph Remmele, Telefon 07961 / 84302, E-Mail Christoph.Remmele@ellwangen.de wenden.

Die Zeit von 1933 bis 1945 ist ein dunkles Kapitel der Ellwanger Stadtgeschichte. In der Priestergasse war das Gestapo-Gefängnis. Vom Sommer 1943 bis März 1945 gab es in Ellwangen ein Außenkommando des Konzentrationslagers Natzweiler im Elsass. Die Häftlinge wurden zum Arbeitseinsatz im Straßen-, Bunker-, Wohnungs- und Kasernenbau eingeteilt. Frauen und Männer aus Ellwangen wurden während der NS-Herrschaft verfolgt, vertrieben und ermordet. Jetzt hat sich eine Initiative gegründet, die an sie erinnern möchte. Dazu sollen „Stolpersteine“ verlegt werden.

Geschichte mitten unter uns

Geschaffen hat diese besondere Form der Erinnerungskultur der Berliner Künstler Gunter Demnig. Rund 70 000 Stolpersteine hat der jetzt 71-Jährige unermüdlich überall dort verlegt, wo SS, Gestapo und Wehrmacht gewütet haben. In die Messingoberfläche der schlichten Betonquader sind Name, Geburts- und Sterbedaten des Opfers eingraviert. Der Stein wird vor dem letzten, frei gewählten Wohnhaus in den Bürgersteig eingelassen. Man soll gedanklich darüber „stolpern“: „Das Stolpern findet im Kopf statt“, sagt Peter Maile vom Friedensforum, der zusammen mit Kulturamtsleiter Anselm Grupp und Stadtarchivar Christoph Remmele zum ersten Treffen eingeladen hatte. Sie wollen Mitstreiter finden, die sie bei der aufwendigen Recherche unterstützen. Stolpersteine sollen die Erinnerung an die Opfer wachhalten. Nicht in Museen oder auf Gedenktafeln, sondern dort, wo die Menschen gelebt haben: mitten unter uns.

„Würdelos“ findet das Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Jüdische Mitbürger würden erneut mit Füßen getreten. SPD-Stadtrat Herbert Hieber sieht das anders: „Es ist eine Art Verbeugung vor dem Schicksal der Menschen.“ Der Gemeinderat hatte sich dem Antrag von SPD und Grünen angeschlossen und einstimmig für Stolpersteine votiert. Im Haushalt wurden dafür 3000 Euro eingestellt. Ein Stein kostet 120 Euro, die Verlegung dauert etwa 20 Minuten. Im November hätte Gunter Demnig einen Termin frei für Ellwangen.

Wichtige Erinnerung für junge Menschen

Frank Keller vom Werkgymnasium Heidenheim und Barbara Drasch von der Eugen-Bolz-Realschule betonten die Bedeutung dieser Art der Erinnerung für junge Menschen: „Es braucht kein Museum, keine Flyer. Stolpersteine sind über Apps bei Google Play katalogisiert. So werden Schüler von einem zum anderen geleitet und entdecken die Geschichte dahinter“, sagte Keller.

Es soll nicht nur jüdischer Opfer gedacht werden, sondern auch an Menschen erinnert werden, die wegen ihrer politischen oder religiösen Überzeugung verfolgt wurden, an Sinti und Roma, Wehrmachtsdeserteure und Behinderte, die von den Nationalsozialisten systematisch umgebracht worden sind. In Ellwangen könnten Stolpersteine an Kirchenmaler Max Reeb erinnern, einen Katholiken, der 1940 Zweifel am „Endsieg“ äußerte und drei Jahre später im KZ Dachau ermordet wurde. An Hans Kolb aus Neuler, der zuletzt in der Hirtengasse 7 wohnte und dem seine Homosexualität zum Verhängnis wurde. An die achtköpfige Familie Levy, die 1938 emigrierte. Erich Levy war der letzte jüdische Schüler am Peutinger-Gymnasium. Auch der Rabenhof-Euthanasieopfer soll gedacht werden.

Remmele hat jetzt die Aufgabe, die Geschichte hinter den Namen herauszufinden. Das braucht Zeit. Meldedaten und Familienbücher müssen durchforstet werden. Die Alliierten, so Remmele, hätten dem Stadtarchiv umfangreiche Unterlagen entnommen und nie zurückgegeben. So fehlten zum Beispiel Akten über Zwangsarbeiter. Das Archiv des International Tracing Service in Bad Arolsen beherbergt die wohl größten Bestände zur Inhaftierung in Konzentrationslagern und Gestapo-Gefängnissen. Hier, in der zentralen Datenbank der Gedenkstätte Yad Vashem, in Zeitungs- und Kirchenarchiven kann man fündig werden. Die Entscheidung liegt dann beim Gemeinderat.

Das nächste Treffen findet am Freitag, 12. April, um 19.30 Uhr bei den Comboni-Missionaren in der Rotenbacher Straße 8 statt. Wer Anregungen, Vorschläge oder Namen zu den Ellwanger Stolpersteinen hat, kann sich an Christoph Remmele, Telefon 07961 / 84302, E-Mail Christoph.Remmele@ellwangen.de wenden.

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