„Spazierfahrt“ endet im Jugendgefängnis

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Während des gesamten Prozesses hat der Mann unbeteiligt gewirkt. Nur eine Regung zeigte er – nach dem Urteilsspruch.
Während des gesamten Prozesses hat der Mann unbeteiligt gewirkt. Nur eine Regung zeigte er – nach dem Urteilsspruch. (Foto: dpa)

Irgendwie unbeteiligt und verschlossen wirkt der 20-jährige Angeklagte während des gesamten Prozesses vor dem Ellwanger Amtsgericht. Selbst, als er zu zwei Jahren und neun Monaten Haft in einer Jugendanstalt verurteilt wird. Dann doch eine kurze Reaktion: Er gräbt das Gesicht in seine Hände – allerdings nur kurz. Das Gericht ist davon überzeugt, dass der junge Mann nur so in ein geregeltes Leben finden kann.

Verurteilt wird der Angeklagte für mehrere Diebstähle und Einbrüche, Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, Fahren ohne Erlaubnis und unerlaubtes Entfernen von einem Unfallort. Was in der Sprache der Justiz trocken klingt, entwickelt sich während der Verhandlung zu einer filmreifen Geschichte.

Tresor ausgeräumt: 7000 Euro Beute

Mit zwei unbekannten Mittätern sei der 20-Jährige in eine Metallverarbeitungsfabrik eingebrochen. Unter anderem hatten sie einen Tresor ausgeräumt. Die Beute: 7000 Euro. Öffnen konnten sie ihn mithilfe eines Schlüssels, den sie in einer Schublade fanden. Ob es dafür einen Tipp gegeben hatte, konnte das Gericht nicht abschließend klären. Der junge Mann gestand zwar alle Taten ein, machte aber nur wenig gewinnbringende Angaben.

Der Angeklagte spricht so leise und abgehackt, dass im Zuschauerraum beinahe nichts zu verstehen ist. Die folgende Geschichte ließ dennoch aufhorchen. In einer anderen Nacht stieg der Mann mit einer weiteren Person in eine Werkstatt ein. Dort stehlen sie Fahrzeugbriefe und Autoschlüssel. „Warum stiehlt man denn so etwas?“, will Jugendrichter Malte Becker wissen. „Weiß ich nicht“, antwortet der 20-Jährige leise. Er sei betrunken gewesen.

Spazierfahrt mit Sportwagen

Dann wird es noch kurioser: In der darauffolgenden Nacht kehrt der Mann – beeinflusst von Amphetamin – in die Werkstatt zurück. Mit einem der Schlüssel öffnet er einen 140 000 Euro teuren Sportwagen, bricht das Garagentor auf – und begibt sich, wie er sagt, auf eine „Spazierfahrt“.

Diese Fahrt führt nach Ulm, Aalen, Heilbronn, Würzburg, Nürnberg, Fürth und zu guter Letzt nach Ellwangen. Die Zeitspanne der Fahrt ist dem Staatsanwalt zu lang. „Was haben Sie da gemacht?“ In Nürnberg beispielsweise sei er durch die Stadt spaziert. Und in der Nähe – in Stein bei Nürnberg – konnte die Polizei das gestohlene Auto das erste Mal orten.

„Wir haben ihn dann immer wieder verloren“, sagt ein als Zeuge geladener Polizist aus. Doch dann tauchte das Signal wieder auf – an einer Tankstelle in Ellwangen. Zweimal hatte der 20-Jährige getankt – und fuhr ohne zu bezahlen davon. Die Polizei zieht die Streifen zusammen, fahndet nach dem Sportwagen. Er geht einem Streifenwagen ins Netz, die Beamten wenden und klemmen sich hinter den damals 19-Jährigen.

Verfolgungsjagd und Hubschrauberfahndung

Eine wilde Verfolgungsjagd beginnt, wie ein weiterer Polizist aussagt. „Wir haben ihn immer wieder aus den Augen verloren“, so der Mann. Am Ende lag der Sportwagen im Graben – mit einem Schaden von rund 70 000 Euro. Von dem Fahrer keine Spur. Ein Hubschrauber wird eingesetzt. Schlussendlich wird der Mann auf einer Wiese gestellt und festgenommen.

Bei der Irrfahrt wurde niemand verletzt.

„Sie können von Glück reden, dass Sie niemanden tot gefahren haben“,

sagt der Richter in Richtung Anklagebank – in ein teilnahmsloses Gesicht. Aufgrund seiner Entwicklung sei er als Jugendlicher einzustufen. Daher auch die Strafe.

Kein Schulabschluss, keine Berufsausbildung, mehrere Vorstrafen und ein Drogenproblem. Die Staatsanwaltschaft und Richter Becker hoffen mit der Haftstrafe erzieherisch auf den jungen Mann einwirken zu können. „Nur so bekommen Sie einen geregelten Tagesablauf und können einen Abschluss machen“, begründet Becker sein Urteil.

Betretene Gesichter im Saal

In Freiheit werde er nichts auf die Reihe bekommen, so der Richter. Zu kaputt sei sein Umfeld und das Elternhaus. Denn auch beim Vater des 20-Jährigen seien Drogen sichergestellt worden, als die Polizei die Wohnung durchsuchte. Während Becker das sagt, beobachten ihn viele betretene Gesichter. Der Gerichtssaal ist an diesem Montagvormittag gut besucht. Viele Freunde und Familienangehörige verfolgen den Prozess.

Und auf deren Umarmungen und Küsse, wie sie der Mann vor Beginn des Prozesses und in den Verhandlungspausen erhält, wird er in Zukunft erst einmal verzichten müssen.

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