Schwäbisch als lebendige Alltagssprache

Lesedauer: 4 Min
Schwäbische Zeitung
Petra Rapp-Neumann

Wer der zahlreichen Zuhörer, die sich im Speratushaus zum Vortrag „Schwäbisch als Wissenschaft“ des Dialektforschers und Deutschlehrers am Peutinger-Gymnasium Professor Dr. Hubert Klausmann drängten, hätte gedacht, dass Sprachwissenschaft so vergnüglich sein kann. In ihrer Begrüßung lobten Landrat Klaus Pavel und Oberbürgermeister Karl Hilsenbek die von CDU-Politiker Winfried Mack und dem Förderverein Schwäbischer Dialekt initiierte Idee, Dialekten des Ostalbkreises wissenschaftlich fundiert auf den Grund zu gehen.

Der Oberbürgermeister sprach allen aus der Seele, als er befand, dass man sich nicht schämen müsse, Schwäbisch zu sprechen. Und Schwäbisch, ein alemannischer Dialekt und nicht etwa „falsches Hochdeutsch“, so Klausmann, wird als West-, Zentral- oder Ostschwäbisch von Ellwangen bis Reutte in Tirol und von Augsburg bis kurz vor Karlsruhe gesprochen. Das von ihm am Ludwig-Uhland-Institut der Tübinger Universität verantwortete Projekt „Sprachalltag in Nord-Baden-Württemberg“ erfasst und kartiert lokale Grundmundarten zwischen Karlsruhe und Ulm, Mannheim und Würzburg. Der Süden ist bereits erforscht. In 141 Orten und 18 Städten wurden in drei Jahren 550 ältere Einheimische aus Handwerk und Landwirtschaft zu 1500 bekannten Wörtern und kurzen Sätzen wie „Im Stall muss man Kühe… anbinden, füttern, melken“ befragt und die Antworten sofort erfasst. Dialekte sind, so Klausmann, eine natürliche Fortsetzung des Mittelhochdeutschen. So wurde „Hûs“ im Fränkischen zu „Haus“, im Alemannischen zu „Hüüs“ und im Schwäbischen zu „Hous“, die Maus zu „Müüs“ und „Mous“. Eine Ziege heißt überall im Ostalbkreis „Goiß“, nur in Bühlerzell und Stimpfach „Gaaß“. Stimpfach, erklärte Klausmann dem erstaunten Auditorium, ist „der nordöstlichste Vorposten des Schwäbischen. Hier wird das Fränkische abgewehrt“. In Stimpfach türmt sich mit der größten Sprachgrenze Süddeutschlands also ein „sprachlicher Himalaya“, so der Forscher, der im Übrigen schlüssig erläuterte, warum Crailsheimer „nichts gegen Ellwangen haben, aber eben nicht hingehen“: es ist eine klassische psychologische Grenze.

Hierzulande wird mit Standardsprache (Hochdeutsch), regionaler Standardsprache, großräumiger Umgangssprache, Regionalsprache und Ortsmundart so variantenreich wie sonst nirgends gesprochen. So kann aus „Ich musste dort hinüber zur Arbeit“ werden: „I han do nom missa zom schaffa“ oder auch „I hao miassa sält na ge schaffa“. Immer aber wandelt sich im Schwäbischen ein i vor einem n zu e: aus Kind wird „Keed“. Aber nur im ostschwäbischen Ellwangen wird aus Fisch schon mal „Fuusch“. Um Dialekte als solche ist Hubert Klausmann nicht bange: sie werden trotz des Verschwindens der alten landwirtschaftlichen Welt nach seiner Überzeugung wieder modern – ein beruhigendes Fazit des spannenden Vortrags, der manche erstaunliche Erkenntnis zutage förderte.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen