Multiresistente Keime entstehen immer wieder neu

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Desinfektion ist bei der Hygiene im Krankenhaus das A und O.
Desinfektion ist bei der Hygiene im Krankenhaus das A und O. (Foto: gr)
Redakteurin Ellwangen/stellv. Redaktionsleitung

Ob Schlaganfall, Herzinfarkt, Beinbruch oder Blinddarmentzündung, wenn Patienten ins Krankenhaus kommen, möchten sie natürlich, dass ihnen dort geholfen wird. Doch bei manchen, vor allem älteren, wächst auch die Angst, sich mit multiresistenten Keimen zu infizieren. Also Keimen, die sich kaum noch mit Antibiotika bekämpfen lassen. 32 Patienten mit multiresistenten Keimen sind im vergangenen Jahr in der Ellwanger Klinik registriert worden. Keiner hatte sich im Krankenhaus infiziert.

Das Desinfektionsgerät am Eingang der Ellwanger Klinik blinkt grün. Als wollte es sagen: „Hier bin ich, benutz’ mich.“ Das sollten die Besucher auch tun. Nicht nur, wenn sie gehen, sondern vor allem, wenn sie die Klinik betreten.

Denn jeder trägt alle möglichen Keime auf und in sich, sagt der ärztliche Direktor der Sankt-Anna-Virngrund-Klinik, PD Dr. Andreas Prengel. Bei gesunden Menschen ist das nicht schlimm. Sind die Patienten aber geschwächt wie Schwerkranke in der Intensivstation oder Frühchen, schädigen die Keime sie zusätzlich. Sind die Keime multirestitent, taucht ein weiteres Problem auf: Sie lassen sich mit normalen Antibiotika nicht mehr bekämpfen. Noch gibt es Reserveantibiotika. Prengel befürchtet aber, dass auch sie irgendwann nicht mehr helfen werden.

Das Infektionsrisiko so gering wie möglich halten

Für die Klinik heißt das, an vielen Fronten dafür zu sorgen, dass das Infektionsrisiko für die Patienten so gering wie möglich ist. Eine absolut keimfreie Umgebung zu schaffen, ist aber nicht möglich. Das funktioniert praktisch nur in Reinräumen, wie sie zum Beispiel in der Computer-Chip-Produktion gebraucht werden. Also geht es darum, den Blick für Infektionsrisiken zu schärfen, Standards zu setzen, zu kontrollieren und immer wieder nachzubessern.

In Ellwangen trifft sich dreimal im Jahr eine Hygienekommission, in der Ärzte aus verschiedenen Abteilungen, Pflegekräfte, Techniker, Mitarbeiter aus Küche und Wäscherei und Angelika Merz als ausgebildete Hygienefachkraft zusammenarbeiten. Sie legt fest, wie und mit welchen Mitteln welche Bereiche desinfiziert werden, regelmäßig werden in der Küche, an Wasserhähnen, an Wänden und Wäsche Proben entnommen und geprüft, ob die Mittel helfen oder vielleicht durch andere ersetzt werden müssen. „Es ist ein fortwährender Prozess“, sagt Merz.

Keime sind überall. Jeder hat sie Zuhause, am Kühlschrank, der Türklinke, auf dem Putzlappen, dem Smartphone oder der Computertastatur. Sie machen einem gesunden Menschen normalerweise nichts aus. Mit den eigenen Keimen und denen aus der eigenen Umgebung, an die man gewöhnt ist, kommt man im allgemeinen auch gut klar. Bei fremden Keimen ist das schon anders, das merkt man oft im Urlaub, wo man selbst das Wasser nicht trinken kann ohne krank zu werden, die Einheimischen aber schon.

Multiresistent gegen die meisten Antibiotika werden Keime, wenn beispielsweise ein Patient chronisch krank ist, sich über eine Wunde infiziert und länger mit Antibiotika behandelt werden muss, sagt Prengel. Dann kann es passieren, dass die Keime irgendwann auf das Antibiotikum nicht mehr reagieren. So entstehen immer wieder neue multiresistente Keime.

Die Belastung mit multiresistenten Keimen steigt an Orten wie Pflegeheimen, wo viele Menschen zusammen sind und häufig Antibiotika eingesetzt werden, oder bei chronisch Pflegebedürftigen. Weil dieses Risiko bekannt ist, wird bei solchen Patienten ein Abstrich genommen, wenn sie in die Klinik eingeliefert werden. Spätestens nach 24 Stunden liegt das Ergebnis vor, bewahrheitet sich der Verdacht, werden die Patienten isoliert. So soll verhindert werden, dass andere angesteckt werden. Wenn gleich klar ist, dass eine Infektion vorliegt, wird der Patient sofort isoliert, sagt Eugen Maile, stellvertretender Pflegedirektor.

1797 Patienten sind im vergangenen Jahr gescreent worden, bei 32 wurden multiresistente Keime gefunden. Keiner von ihnen hatte sich im Krankenhaus damit infiziert.

Wobei für Prengel die multiresistenten Keime inzwischen gar nicht mehr das ganz große Thema sind. Sie gehen sogar zurück. Entwarnung heißt das leider nicht. Denn dafür sind die multiresistenten gramnegativen Keime auf dem Vormarsch. Sie befinden sich normalerweise im Darm, teils auch auf der Schleimhaut und gehören zur normalen Darmflora.

Durch den breiten Einsatz von Antibiotika entwickeln auch diese Bakterien immer mehr Resistenzen. Betroffen sind vor allem Landwirte, in deren Ställen viele Antibiotika im Einsatz sind. Auch sie werden wie Patienten aus Pflegeheimen gleich bei der Einlieferung in die Klinik untersucht. Weil sie in einem risikoreichen Umfeld leben. „Das hat nichts mit persönlicher Sauberkeit zu tun“, betont Angelika Merz.

Die wichtigste Maßnahme, um Keime zu bekämpfen, ist Händewaschen. Denn beim Handkontakt werden die meisten Keime übertragen. Deshalb stehen und hängen in der Klinik überall Desinfektionsspender, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden regelmäßig fortgebildet, damit sich keine Nachlässigkeiten einschleichen. „Man muss im Alltag immer wieder wachrütteln“, sagt Merz.

Auch die Klinik selbst wird regelmäßig kontrolliert, ob sie die Hygienestandards einhält. Die Ergebnisse werden mit denen anderer Häuser verglichen. Im Zweifelsfall bekommen die Krankenhäuser Auflagen. Das war in Ellwangen aber noch nie der Fall, sagt Maile.

Antibiotika-resistente Erreger im Krankenhaus: Für Betreiber und Patienten keine schöne Vorstellung. Im Klinikum Friedrichshafen mussten jetzt Teile der inneren Intensivstation wegen einem gegen Antibiotika resistenten Darmkeim geschlossen werden. Immer wieder haben Krankenhäuser mit dem sogenannten VRE-Erreger zu kämpfen. Für abwehrgeschwächte Patienten kann das gefährlich werden.

Im Kampf gegen sogenannte multiresistente Erreger sollen Ärzte zukünftig bewusster mit dem Einsatz von Antibiotika umgehen und dahingehend gezielt geschult werden. Das ist Teil einer Strategie die beim Jahresbericht des Landesgesundheitsamts Baden-Württemberg vorgestellt wurde.

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