Mario May shoppt beim Singles´ Day in China plötzlich kräftig gegen die Einsamkeit

Kurz nach meiner Ankunft im Studentenwohnheim der Universität Nanjing sah ich mich gleich mit einem ersten besonderen Tag im chinesischen Jahr konfrontiert. Am 11. November wird in China der Singles’ Day begangen und ganz China ist im Kaufrausch.

Tradition unter männlichen Studenten entstanden

Die Tradition des Singles’ Days entstand unter einigen männlichen Studenten in einem der vielen Wohnheime der Universität Nanjing, also da, wo ich mich gerade befinde. Als Antwort auf den Valentinstag feierten ab den 1990er Jahren alleinstehende Studenten gemeinsam das Single-Dasein. Das Datum dafür ist nicht ohne Grund gewählt, denn der 11. November symbolisiert mit gleich vier Einsen den Solo-Studenten optimal. Nach und nach wurden an einigen Universitäten an diesem Tag Blind-Dates ins Leben gerufen, um den Junggesellen eine Partnerin zu vermitteln, oder auch Initiativen zur Stärkung der Akzeptanz des eigenen Single-Daseins. Über die Jahre hinweg wurde das Event schließlich in ganz China in allen Altersgruppen und bei allen Geschlechtern populär.

Der 11. November war zunächst ein Feiertag für die Alleinstehnden

Zwar war der 11. November ursprünglich als Festtag für Alleinstehende gedacht, für viele junge Chinesen, die sich lieber in festen Händen sähen, ist der Tag aber inzwischen zu einem Einkaufsevent geworden. Denn wie könnte man sich besser über das Alleinsein hinwegtrösten als mit einem exzessiven Kaufrausch – so die Logik. In sämtlichen Geschäften in ganz China gibt es rund um den 11. November Rabattaktionen und auch auf den großen Online-Einkaufsportalen wird mit billigen Preisen gelockt. Vor allem auf Taobao – dem chinesischen Amazon – wird kräftig eingekauft. Alleinstehend muss man heute selbstverständlich nicht mehr sein, um in den allgemeinen Kaufrausch zu verfallen.

Verpflichtung für Mario May, selbst zu shoppen

Als Student der Universität Nanjing sehe ich mich verpflichtet, den Singles’ Day auch selbst gebührend zu begehen. Wie die meisten Chinesen beginne ich mit meinen Vorbereitungen auf den Singles’ Day schon einige Tage vorher. Auf Taobao lege ich eine Wunschliste an und das Alipay-Konto wird mit genügend Geld gefüllt. Am Abend vor dem 11. November beginnen dann die Rabattaktionen. Jetzt heißt es, schnell die Bestellungen aufgeben und hoffen, dass der Server aufgrund von Millionen von Menschen, die jetzt gleichzeitig shoppen, was das Zeug hält, nicht überlastet ist und der Wunschartikel nicht schon ausverkauft ist.

Alles wird gekauft, was man gebrauchen kann

Am Singles’ Day selbst nutze ich dann die Läden auf dem Campus und besorge alles, was ich noch brauche oder auch nicht brauche. Wenige Tage später treffen dann nach und nach meine Pakete in der Poststation auf dem Universitätscampus ein – und nicht nur meine: Offensichtlich konnte sich manch einer noch weniger zurückhalten als ich und so platzte die Poststation vor lauter Paketen aus allen Nähten. Der Singles’ Day ist der weltweit größte Onlineshopping-Tag. Allein auf Taobao wird an diesem Tag ein Umsatz im mittleren zweistelligen Milliardenbereich gemacht. Da kann weder Thanksgiving noch Black Friday oder Cyber Monday auch nur im Entferntesten mithalten.

Da, wo alles vor vielen Jahren begann, war auch ich in diesem Jahr einer der vielen Singles, die auf Taobao gegen die Einsamkeit shoppten.

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