Kinder sexuell belästigt: Gericht verhängt Bewährungsstrafe

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Das Gericht glaubte verschiedene Versionen des Mannes nicht.
Das Gericht glaubte verschiedene Versionen des Mannes nicht. (Foto: dpa)
Redakteur Digitales

Das Jugendschöffengericht Ellwangen hat unter dem Vorsitz von Richter Malte Becker einen 53-jährigen Taxifahrer zu zehn Monaten Haft verurteilt. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. Die Staatsanwaltschaft warf dem Mann sexuelle Belästigung in 25 Fällen und den Besitz kinderpornografischer Schriften vor. 23 Fälle sah das Gericht als erwiesen an. Die Bewährungszeit beträgt drei Jahre.

Der Angeklagte soll mehrere Mädchen im Alter zwischen elf und 13 Jahren sexuell belästigt haben. Wie die als Zeugen geladenen Schülerinnen vor Gericht aussagten, soll er sie dabei auf die Wange geküsst, sie umarmt und ihnen durchs Haar gestrichen haben.

Außerdem habe der Mann ihnen Geld gegeben – einfach so oder für die Küsse. Zum Teil habe er ihnen auch Zigaretten gegeben oder sie umsonst mit dem Taxi zur Schule oder zum Bahnhof gefahren. Außerdem sei er den Mädchen nachgefahren, wenn er sie vorbeigehen sah, um sie anzusprechen.

Die Mädchen kamen zu mir, haben mich verfolgt. Der Angeklagte

Zu Beginn der Verhandlung war der 53-jährige Angeklagte aufgebracht. Sprach laut mit seiner Dolmetscherin. Auch seine Verteidigerin konnte ihn nicht beruhigen. Erst nach einer kurzen Unterbrechung, um die die Rechtsanwältin bat, hat sich der Mann wieder gefangen. Doch zum Ende des Prozesses brach es erneut aus ihm heraus: „Die Mädchen kamen zu mir, haben mich verfolgt“, so der Mann.

Nach Hause gefolgt sei er ihnen nie. „Sie sind paranoid geworden, darauf bestehe ich“, sagte er weiter. Sie hätten ihn auch zu allem ermuntert – seien schließlich immer wieder gekommen. Die Küsse und Annäherungen gab er schlussendlich zu. „Ich habe sie aber immer als Kinder angesehen.“

Angeklagter hat Mädchen mit Geld manipuliert

Auch diese Version glaubte das Gericht nicht. „Damit die Mädchen wiederkommen und eine positive Erinnerung an Sie haben, gaben Sie ihnen Geld. Sie haben die Kinder manipuliert“, so der Richter. Zum Teil seien die Kinder auch verängstigt gewesen. Bei einer der jungen Zeuginnen wurde das am Verhandlungstag spürbar. Sie sprach überhaupt nicht mit Richter Becker. „Keine Angst“, sagte noch ihre Mutter, die bei ihr saß. Keine Chance. Richter Becker schloss daraufhin die Öffentlichkeit und den Angeklagten für kurze Zeit vom Prozess aus. Dabei habe sie ebenfalls von einem Kuss auf die Wange erzählt.

Für die meisten der Mädchen war der Gang zum Zeugenstand belastend. Richter Becker zeigte viel Einfühlungsvermögen, um den Zeuginnen die sichtliche Nervosität zu nehmen. „Hast du denn gesagt, dass du das nicht möchtest?“, stellte er jeder von ihnen die Frage zu den Küssen und Annäherungen. Getraut habe sich keine. „Nein“, die immer erwiderte Antwort. Weggedreht oder aus dem Weg gegangen, seien ihm aber fast alle. „Eine der Zeuginnen hat es vermutlich auch etwas ausgenutzt, dass sie vom Angeklagten Zigaretten und Fahrten umsonst bekam“, so die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer. 23 der 25 angeklagten Fälle sehe sie aber als erwiesen an.

53-Jähriger soll Kinderpornografie auf Handy gehabt haben

Auch die 39 Fotos und ein Video mit sexuellem Inhalt von Jugendlichen, die durch Polizeibeamte auf dem Mobiltelefon des 53-jährigen Mannes sichergestellt worden waren, flossen schlussendlich ins Urteil ein. Während der Verhandlung hatte der Taxifahrer behauptet, sein Handy sei von zwei dunkelhäutigen Männern am Bahnhof ausgeliehen worden – dabei hätten sie die Dateien vermutlich heruntergeladen. „Das glauben wir Ihnen nicht“, begründete Becker das Urteil. Zu durchschaubar sei dieser Vorwurf gewesen.

Zugute käme dem Angeklagten, dass er keine Vorstrafen habe, so Becker. Auch eine sogenannte Gefährderansprache durch die Stadt habe Erfolg gezeigt. Seit dieser und der Anzeige habe es keine Vorfälle mehr gegeben. Becker: „Wir glauben auch, dass nichts mehr vorfällt. Das ist ein Vertrauensvorschuss in Sie.“

Der 53-Jährige trägt die Kosten des Verfahrens und muss 1500 Euro an das Ellwanger Kinderhilfswerk spenden. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der erste Prozesstag am 17. September wurde nach 15 Minuten abgebrochen, weil der Angeklagte damals alles abstritt. Das Gericht lud deshalb die Mädchen als Zeugen.

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