Ist die Rechtschreibung noch zu retten?

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Die Rechtschreibung lässt manches Mal sehr zu wünschen übrig.
Die Rechtschreibung lässt manches Mal sehr zu wünschen übrig. (Foto: Daniel Reinhardt)
Sylvia Möcklin

„Vür Mama“, steht auf der Karte. Die weiß nicht, ob sie sich freuen soll. Wieso macht das Kind noch mit neun Jahren solche Fehler? Überhaupt: Haben nicht immer mehr Schüler Probleme mit der Rechtschreibung? Und wenn, warum? Bei näherem Hinschauen zeigt sich: Einfache Wahrheiten gibt es nicht.

Das beginnt schon bei der Frage, ob überhaupt ein Problem besteht. Zum einen sind da Eltern und Lehrer mit ihren Beobachtungen. „Das subjektive Empfinden ist, dass das Niveau bei der Rechtschreibung abgesunken ist“, sagt etwa Martin Ries, der Schulleiter des Hariolf-Gymnasiums (HG). „Das Empfinden, dass die Rechtschreibung schlechter wird, haben wir auch“, stimmt Andrea Sachs-Dreher, die Rektorin der Kastellschule Pfahlheim, zu. Michael Stock, Fachleiter an der Mittelhofschule, stellt fest: „Das Ziel, dass die Schüler in Klasse fünf die Rechtschreibung beherrschen, ist so nicht gegeben. Einen Text richtig und lesbar abzuschreiben gelingt vielen nicht.“ Dabei haben die Schulen ihre Ansprüche schon heruntergeschraubt. „Die Schüler dürfen heute mehr Fehler machen, um so gut zu sein wie der Durchschnitt“, so Stock. Bei zehn Prozent Fehlern in einem Diktat von 130 Wörtern habe es früher eine Sechs gegeben. „Das dürfte heute nicht mehr so sein.“ Selbst der stellvertretende Leiter des Staatlichen Schulamts Göppingen, Rainer Kollmer, gibt zu: „Das ist ein Riesenproblem.“

Auf der anderen Seite erkennt das Kultusministerium keines und versichert, dass „die Rechtschreibung einen hohen Stellenwert beibehalten“ werde. Pressereferentin Christine Sattler verweist außerdem auf die Sachkenntnis von Erika Brinkmann, Professorin für deutsche Sprache, Literatur und Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd. Tatsächlich betont die in Abtsgmünd beheimatete Brinkmann, die subjektive Beobachtung von Eltern und Schulleitern lasse sich in der Forschung so nicht bestätigen.

„Rapunzel las dein Har Her runtehr“

Also doch kein Problem? Wäre da nicht die Erinnerung an den Elternabend in der ersten Klasse, als die Lehrerin bat, Fehler keinesfalls zu verbessern, sondern das Kind für seine Leistung zu loben, selbst wenn es gerade geschrieben hat: „Rapunzel las dein Har Her runtehr.“ Die Methoden, auf denen die Bitte beruht, erlauben das Schreiben nach Gehör, haben sich seit den 90er Jahren zumindest teilweise in einem Mix an vielen Grundschulen durchgesetzt und sind heiß umstritten. Einen Eindruck von der Diskussion liefern unter anderem die Ellwanger Grundschulen. So sagt einerseits Lehrerin Susanne Horn von der Grundschule Neunheim: „Ich finde diese Methode toll, weil die Kinder sich dann trauen zu schreiben.“ Wogegen Andrea Sachs-Dreher, die Rektorin der Kastellschule Pfahlheim, das „subjektive Empfinden“ hat, „dass die Kinder dabei lernen, sie dürfen ja irgendwie schreiben, man kann’s ja schon irgendwie lesen“. Und nachdem sich die falsche Art zu schreiben eingeprägt hat, gewöhnen sie sich die Fehler nur schwer wieder ab.

Trotzdem möchten die Leiter von weiterführenden Schulen nicht die Grundschulen für das – natürlich nur subjektiv gefühlte – gesunkene Rechtschreibniveau verantwortlich machen. Wenn der Förderbedarf wegen Lese-Rechtschreibschwäche an der Eugen-Bolz-Realschule auch deutlich zunehme, so etwa Rektor Gerd Bäuerle, sei das ein „gesamtgesellschaftliches Problem“. HG-Schulleiter Martin Ries führt unter anderem die größere Heterogenität bei den Schülern an: „Vor rund 30 Jahren gingen 17 Prozent eines Jahrgangs aufs Gymnasium, heute sind es in Ellwangen 40 bis 50 Prozent. Die Menschen sind aber in 30 Jahren nicht intelligenter geworden.“ Außerdem gebe es heute viel mehr Ablenkungen durch Smartphones und Computer, Kinder lesen in ihrer Freizeit deutlich weniger. „Die Lesekompetenz hat aber direkte Auswirkungen auf die Rechtschreibkompetenz“, so Ries. Und schließlich hätten die Grundschulen heute nun einmal 20 Prozent weniger Zeit, um Lesen, Schreiben und Rechnen einzuüben. „Das hat Auswirkungen, da bin ich mir sicher“, sagt der HG-Schulleiter.

Zu wenig Übung

Was die befragten Grundschulvertreter ähnlich sehen. „Ursache ist zu wenig üben“, stellt Kastellschulrektorin Andrea Sachs-Dreher fest. Diktate zum Beispiel würden heute viel weniger geschrieben. Damals gab es in Klasse vier 15 bis 20 Diktate, sekundiert ihr Mittelhofschul-Fachleiter Michael Stock, heute seien es etwa sechs. Auch Renate Sandmaier von der Buchenbergschule weiß: „Es wird nicht mehr so gepaukt wie früher“, und macht mehr diese fehlende Übung als Schreiben nach Gehör für das Sprießen kleiner Rechtschreib-anarchisten verantwortlich. Susanne Horn aus Neunheim nimmt dabei auch das Elternhaus in die Pflicht. Heute seien viele Mütter berufstätig. „Früher hatten sie mehr Zeit mit ihren Kindern zu üben.“ Eltern trauten sich auch nicht mehr Druck auszuüben, ergänzt Andrea Sachs-Dreher: „Sie sagen nicht mehr, du musst das lernen. Sie diskutieren, und am Ende wird nicht geübt.“

Einig sind sich alle, dass der Stellenwert der Rechtschreibung gesunken sei. Einerseits haben an den Grundschulen andere Kompetenzen an Stellenwert gewonnen und an der Übungszeit für Deutsch und auch Mathematik geknabbert: Englischunterricht zum Beispiel, Präsentationen bereits ab Klasse 2, Mind Maps und Clusters. Andererseits wachse in der Gesellschaft als Ganzes die Gleichgültigkeit gegenüber der Rechtschreibung, beobachtet Rainer Kollmer vom Staatlichen Schulamt. Was spiele in Zeiten von SMS und What’s App zum Beispiel die Groß- und Kleinschreibung noch für eine Rolle?

Aber seien Inhalte nicht wichtiger? Über die Antwort lässt sich streiten.

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