Erstes Moot Court: Schüler üben sich in fiktivem Prozess als Anwälte

Lesedauer: 7 Min
 Zum ersten Mal hat ein Moot Court am Landgericht Ellwangen stattgefunden. Für die Gewinner gab’s einen Pokal.
Zum ersten Mal hat ein Moot Court am Landgericht Ellwangen stattgefunden. Für die Gewinner gab’s einen Pokal. (Foto: Möcklin)

„Am Anfang war ich schon aufgeregt“, sagt Freya Dittmer mit roten Wangen. Als Zehntklässlerin in die schwarze Robe einer Anwältin zu schlüpfen, sich mit „vielen Dank, hohes Gericht“ in einem echten Gerichtssaal an drei ebenso echte Richter zu wenden und in einer fiktiven Zivilsache so realitätsnah wie möglich für einen Mandanten zu argumentieren, das ist nicht Ohne. So geschehen am Donnerstag beim ersten sogenannten „Moot Court“ im Großen Sitzungssaal des Landgerichts Ellwangen.

„Willkommen in der guten Stube des Landgerichts“, hatte dessen Hausherr, Landgerichtspräsident Friedrich Unkel, Freya Dittmer und mit ihr eine große Schar weiterer Schüler des Kopernikus-Gymnasiums Wasseralfingen (KGW) und des Hariolf-Gymnasiums Ellwangen (HG) am Morgen begrüßt. Am Nachmittag sollten sich Schüler von Sankt Gertrudis und Peutinger-Gymnasium unter den Kronleuchtern des altehrwürdigen Saals versammeln.

Normalerweise werden hier Strafsachen verhandelt. Doch zum 200. Geburtstag der drei Landgerichte Ellwangen, Tübingen und Ulm dient der Ort an diesem Tag einem anderen Zweck. Um junge Leute ins Jubiläum einzubeziehen, haben dessen Organisatoren eine Erfindung aus den USA nach Ellwangen geholt: das Moot Court.

Wir haben das Geld nicht bekommen. Ein fiktiver Fall wird durchgespielt

Das Verb „to moot“ bedeutet im Englischen „erwägen“ oder „erörtern“, sagt Unkel, „court“ ist das Gericht. Ein Moot Court ist demnach ein fiktives „Erörterungsgericht“, an dem Jurastudenten in der Praxis ausprobieren, was sie in der Theorie gelernt haben. „Die zeigen dort, was sie auf dem Kasten haben“, schmunzelt Unkel. Erstmals holte vor rund zwei Jahren das Oberlandesgericht Stuttgart die Idee aus den USA ins Ländle. „Wir sind die Zweiten“, so Unkel. Möglicherweise sollen die Moot Courts künftig in den Gerichtsbezirken weiter „ausgerollt“ werden.

Am Donnerstagmorgen erhalten die Klasse 10b des KGW sowie die Klasse 10a, ein Teil der Klasse 10b und einige Elftklässler des HG Einblick in die tägliche Arbeit am Landgericht. Angenommen wird eine Zivilsache, um, so Unkel, „den Blick auf etwas zu richten, was unser tägliches Brot ist, aber nicht im Zentrum des Interesses steht wie die Strafverfahren“. Zur Veranschaulichung nennt er Zahlen: 40 bis 50 Strafsachen pro Jahr vor der Strafkammer des Landgerichts stehen 1600 bis 1900 erstinstanzliche Zivilsachen an den Zivilkammern gegenüber.

Schadenersatz in Höhe von 5150 Euro

Die für die Schüler erfundene ist folgende: Die 15-jährige Martina Klein hat ihren Freund Anton Maier mit ihrem frisierten Motorroller zuhause abgeholt. Auf dem Weg nach Aalen stürzen sie. Dabei gehen Antons Notebook, Helm, Smartphone und Brille kaputt. Jetzt will Anton Schadenersatz in Höhe von 5150 Euro von Martina. Die will nicht zahlen. „Wir haben das Geld nicht bekommen“, erklärt Freya Dittmer als Anwältin des Klägers vor Gericht, „deshalb stehen wir jetzt hier.“

Zu diesem Zeitpunkt haben die Schüler schon mehr als zwei Stunden Arbeit hinter sich. Am Morgen haben sie ausgelost, dass das Kopernikus-Gymnasium den Kläger und das Hariolf-Gymnasium die Beklagte vertreten wird. Zusammen mit den Rechtsreferendaren – also den Auszubildenden des Landgerichts – haben sie ausgetüftelt, welche Argumente und Gegenargumente es jeweils geben könnte. Alles betreut von der juristischen Fakultät Tübingen, die den Fall zur Verfügung stellte und sowohl Referendare als auch Richter coachte: Thomas Baßmann, Heike Frick und Doreen Bühler.

Zweimal zwei Sprecher gewählt

Als die Drei den Gerichtssaal betraten, hatten sich alle Schüler erhoben – ganz wie im richtigen Leben. Nun hören sich die Richter an, was die „Anwälte“ zu sagen haben. Vom HG als Sprecher gewählt worden sind dafür David Plänker und Dominik Stoll, vom KGW neben Freya Dittmer noch Jan Strümpfel.

„Es ist beeindruckend, wie alle Vier in freier Rede in angemessener Sprache den Sachverhalt dargelegt und die rechtlichen Argumente genannt haben“, wird der Vorsitzende Richter Baßmann sie am Ende loben. Wie sie die für ihren Mandanten günstigen Punkte betont und die ungünstigen „geschickt verschwiegen“ hätten – zum Beispiel, als es um die Drosselung am Motorroller ging. Die fehlte, was Martina wusste. Anton hatte sie entfernt.

Moot-Court-Pokal fürs Kopernikus-Gymnasium

Am Ende fällen die Richter ihr Urteil. Nicht über die Sache, sondern über die Redner: Sie sehen die Klägerseite „leicht vorn“, folglich erhält das Kopernikus-Gymnasium Wasseralfingen unter Applaus den Moot-Court-Pokal des Landgerichts Ellwangen 2019. Baßmann drückt ihn der strahlenden Freya Dittner in die Hand.

Von den vielen Fragen, die im Anschluss noch gestellt werden dürfen, stellt Ursula Grimm-Hunke die entscheidende: Wie hätte die Kammer den Fall im Ernstfall entschieden, will die Ausbildungsleiterin, Vorsitzende Richterin und Pressesprecherin am Landgericht wissen.

„Wir hätten das Verschulden je zur Hälfte bei beiden Beteiligten gesehen“, antwortet Baßmann. Anton und Martina hätten also jeder die Hälfte des Schadens zahlen müssen. „Aber wie die Richter beim zweiten Durchgang heute Nachmittag entscheiden werden, ist offen“, fügt Baßmann hinzu. „Denn auf manche Frage gibt es nicht die eine richtige Antwort.“ Auch nicht vor Gericht.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen