„Einsamkeit ist der Killer Nummer eins“

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 Der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer stellte in der Buchhandlung Rupprecht sein neues Buch vor und signierte es.
Der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer stellte in der Buchhandlung Rupprecht sein neues Buch vor und signierte es. (Foto: Schneider)

Der Ulmer Hirnforscher Professor Manfred Spitzer hat am Montagabend in der Buchhandlung Rupprecht vor rund 200 Zuhörern sein neuestes Buch mit dem Titel „Einsamkeit, die unerkannte Krankheit“ vorgestellt. Einsamkeit sei der Killer Nummer eins, sagte der Professor für Psychiatrie und Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm. Er sprach von akuter und von chronischer Einsamkeit.

In Bezug auf die Zunahme von Einsamkeit nannte Manfred Spitzer drei große, weltweite Trends. Da sei zum einen die Verstädterung. „Wir leben immer mehr in Städten“, sagte der Professor. Je größer die Stadt sei, desto mehr sei man „mit Unbekannten unterwegs“. Denn man habe etwa 150 gute Bekannte, nicht 5000. Sehr gute Freunde, bei denen man nachts um drei noch klingeln und auf der Couch pennen könne, habe man in der Regel nur zwei bis drei.

Als zweiten Grund nannte Spitzer den Trend zur Singularisierung, zum Alleinsein. Es gebe längst mehr Single- als Mehrpersonenhaushalte: „Wir haben mehr Ich und weniger Wir.“ Selfies habe es vor 50 Jahren noch nicht gegeben, berichtete er von seinem ersten Fotoapparat und von dem aktuellen Narzissmus mit Ich-AG, ipad und iphone. Gleichzeitig sprach der Psychiater damit auch die soziale Isolation an. Soziale Isolation könne aber nicht anstecken, denn das sei wie auf einer Isolierstation. Es gebe aber Menschen, die den ganzen Tag unter Leuten seien und sich trotzdem einsam fühlten, so Spitzer.

Als Drittes berichtete Spitzer vom Trend zur Medialisierung, sprich dem Trend zu sozialen Medien wie Facebook, Instagram, Twitter, Snapchat und Whatsapp.

Spitzer: „Einsamkeit ist ansteckend“

Soziale Medien seien so etwas wie ein verheirateter Junggeselle: „Das gibt es nicht.“ Mädchen seien bei der vermehrten Nutzung sozialer Medien besonders gefährdet, depressiv und einsam zu sein, weil sie sozialer als Jungs seien. Und wenn es dann mit der Gruppe, mit der Peergroup infolge von Mobbing und Zickenkrieg nicht klappe, seien sie am Boden zerstört. Spitzer berichtete von einer Verdoppelung der Selbstmordrate von Mädchen in Amerika innerhalb von sieben Jahren.

Die Leute würden immer empathieloser, hätten weniger Mitgefühl, könnten keinen Perspektivenwechsel vollziehen, könnten sich in andere nicht hineinversetzen, beklagte der Mediziner. Und: „Falschheit verbreitet sich viel schneller als Wahrheit.“ Dabei kritisierte er den „Youtube-Empfehlungs-Algorithmus“, bei dem es ganz schnell in die radikale Richtung gehe. Das sei kein Spaß, die Welt werde durch einen Algorithmus radikalisiert.

Spitzer warnte davor, Einsamkeit mit Schmerzmitteln zu bekämpfen, und plädierte für Prävention. „Familie ist schmerzlindernd.“

Spitzer stellte auch einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes, Infektionskrankheiten und Krebserkrankung her. Freunde von Einsamen hätten eine um 50 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, ebenfalls einsam zu werden: „Einsamkeit ist ansteckend, sogar über drei Ecken.“

Positive Gemeinschaftserlebnisse und das „Gebrauchtwerden“ seien wichtig, riet Spitzer zu Aktivitäten in Sport-, Musik-, Gesangverein, beim Theaterspielen und im Ehrenamt. So könne man bei Kindern schon vorbeugen, dass sie im Alter nicht einsam werden. Dazu gehöre auch der Gang in die Natur, in den Wald. Denn die Menschen würden in der Natur zu besseren Menschen.

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