Drei Hengste aus Marbach freuen sich in Rindelbach auf Damenbesuch

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 Drei Hengste warten in der Servicestation Rindelbach auf Stuten. Now or Never gehört mit seinen Erfolgen im Springsport bis heu
Drei Hengste warten in der Servicestation Rindelbach auf Stuten. Now or Never gehört mit seinen Erfolgen im Springsport bis heute zu zu den fünf Prozent der besten Vererber. Isabel Schmid und Pferdewirtschaftsmeister Florian Niederstraßer kümmern sich um ihn. Besucht haben sie Landoberstallmeisterin Astrid von Velsen-Zerweck, Kämmerer Joachim Koch, Josef Mayer, Vorsitzender des Pferdezuchtvereins, und OB Karl Hilsenbek. (Foto: gr)
Redakteurin Ellwangen/stellv. Redaktionsleitung

Now or Never schnaubt ein bisschen. So viele Menschen. Dabei ist er doch wegen der Stuten da. Die stehen – für ihn noch unerreichbar – in den Pferdeboxen nebenan. Jetzt geht’s aber nicht ums Decken, der Hengst soll sich in seiner ganzen Pracht präsentieren. Damit möglichst viele Züchter zur Servicestation des Haupt- und Landgestüts Marbach kommen, um hier ihre Stuten decken zu lassen.

Now or Never weiß, was von ihm erwartet wird. Mit der Abgeklärtheit seiner 24 Jahre, einem beeindruckenden Stammbaum als niederländisches Warmblut und seiner Statur entspricht er ganz dem Zuchtziel eines Sportpferds fürs Springen. „Ein Traumhengst, wir sind froh, dass wir ihn haben“, sagt Astrid von Velsen-Zerweck, Landesoberstallmeisterin in Marbach. Now or Never gehört bei der Zuchtwertschätzung unter die besten fünf Prozent bei den Springpferden für Deutschland. Seit fünf Jahren ist er in Ellwangen.

Als zweites Warmblut ist Demetrius in Ellwangen. Er bleibt aber nicht die volle Saison. Sein Nachfolger steht schon fest. Johny Johnson heißt er, der Vater Johnson holte 2015 bei der Europameisterschaft im Springen Mannschaftsgold und Bronze im Einzel. Drei Jahre ist Johny alt, gekört, sprich zur Zucht zugelassen, und macht gerade die Leistungsprüfung in München. Das ist das Pferdeabitur. Ein Pferd soll nämlich nicht nur gut gebaut sein, sondern sich gut reiten lassen und sich benehmen können. Schließlich gehen 90 Prozent der Pferde in den Amateurbereich.

Tradition aus dem 16. Jahrhundert

Benimm hat schon immer zu den Zuchtzielen gehört, sagt von Velsen-Zerweck. Schließlich waren Pferde früher lebensnotwendig, ob in der Landwirtschaft, in der Forstwirtschaft, beim Transport oder im Verkehr. Ein Pferd, das beim Pflügen immer auf dem Fuß des Bauern steht oder bei jedem aufsteigenden Vogel scheut, ist keine große Hilfe. Weshalb in Württemberg schon im 16. Jahrhundert Hengste in die Regionen geschickt wurden, damit auch die Bauern von den Zuchterfolgen profitieren konnten.

Auf diese Tradition geht auch die Servicestation in Rindelbach zurück. Viele solcher Stationen gibt es nicht mehr. Schließlich gibt es auch nicht mehr so viele Pferde. Fünf sind es außerhalb von Marbach noch, Öhringen wird wohl demnächst geschlossen. Gefährdet ist Rindelbach nicht, versichert von Velsen-Zerweck, auch wenn es nicht immer leicht sei, das Personal dafür freizustellen. Ziel ist, dass auf jede Station rund 50 Stuten pro Saison kommen. 53 waren es im vergangenen Jahr in Rindelbach, weiß Josef Mayer vom Pferdezuchtverein Aalen-Ellwangen, 65 im Jahr davor. Bei 170 Mitgliedern, von denen zwischen zehn und 15 Prozent jedes Jahr decken, müsste das zu schaffen sein.

Die Züchter sollen sich austauschen können, sagt von Velsen-Zerweck. Deshalb halte das Landgestüt die Deckstationen noch. Allein wegen der Hengste wäre das nicht mehr nötig. Der Samen ist heute weltweit unterwegs, kann per Katalog ausgesucht und selbst aus Amerika geschickt werden.

Trotzdem, ein Besuch kann sich lohnen. Der dreijährige Hengst Chubakko, in Jagstzell gezüchtet, war auch schon in Rindelbach. Inzwischen steht er im Stall von Ludger Beerbaum und sein Nachwuchs gibt zu den schönsten Hoffnugen Anlass.

Die Saison in Rindelbach ist kurz. Rossig sind Stuten im Frühjahr und Frühsommer, deshalb kehren die Hengste mit ihren Betreuern, Pferdewirtschaftsmeister Florian Niederstraßer und der Auszubildenden Isabel Schmid, nach vier Monaten zurück nach Marbach.

Rund-um-Paket inklusive Beratung und Tierarzt

Niederstraßer betreut die Hengste und Stuten nicht nur vor und nach dem Decken. Er berät die Züchter vom Futter bis zu Zuchtfragen. Er und der Tierarzt, der dreimal in der Woche kommt, besamen auch. Nicht nur mit Sperma von Marbacher Hengsten, sondern auch von anderen Besamungsstationen. Gynäkologische Untersuchungen, Follikelkontrolle und Trächtigkeitskontrolle, auch das ist möglich. Nur für Embryonen-Transfer fehlen in Rindelbach die Voraussetzungen.

Von der Trächtigkeitskontrolle hängt der Preis ab. Der Samen von Now or Never zum Beispiel kostet 300 Euro. Ist die Stute trächtig, werden weitere 250 Euro fällig. 300 Euro kostet auch der Samen von Demetrius, dem Hannoveraner auf der Deckstation,. Er hat eine Abstammungstafel mit besten Dressurleistungen, wie von Velsen-Zerweck sagt.

Mit 280 Euro ist der Samen von Rubinrot günstiger. Rubinrot ist ein Schwarzwälder Kaltblut, klein und wendig, genau richtig für die steilen Hänge und dichten Wälder. Die Rasse war nach dem Zweiten Weltkrieg fast ausgerottet. Marbach hat wieder eine Herde aufgebaut. In Rindelbach ist Platz für maximal vier Hengste und acht Stuten. Es gibt Koppeln und einen Rundlauf, damit die Tiere an die frische Luft kommen. Allerdings immer streng nach Geschlechtern getrennt. Sonst könnte das Temperament mit den Hengsten durchgehen.

Die Servicestation sei der Stadt ein Herzensanliegen, sagte Oberbürgermeister Karl Hilsenbek. Ellwangen stellt Gelände und Gebäude und ist schon als pferdefreundliche Stadt ausgezeichnet worden. Dieses Image ließe sich doch weiter pflegen, regt von Velsen-Zerweck an. Pferde ließen sich noch immer im Alltag einsetzen, bei langsamen Arbeiten wie dem Bewässern von Blumenkübeln oder dem Reinigen von Leitpfosten. Dafür gebe es inzwischen Anhänger und Maschinen, die von Pferden gezogen werden können. Eine touristische reizvolle Sache wäre das außerdem. In Frankreich werde das in einigen Städten schon gemacht.

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