Die katholische Kirche steckt im Reformstau

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Kirchenhistoriker Hubert Wolf hat für sein neues Buch „Krypta“ mal wieder tief in der Kirchengeschichte gegraben und dabei Tradi
Kirchenhistoriker Hubert Wolf hat für sein neues Buch „Krypta“ mal wieder tief in der Kirchengeschichte gegraben und dabei Tradi
Petra Rapp-Neumann

Hubert Wolf gilt als herausragender Vertreter der jüngeren Generation von Kirchenhistorikern, die unterdrückten Traditionen der katholischen Kirche nachspüren und zeigen, wie modern diese Kirche einmal war. Wolf ist ein Schüler des emeritierten Kurienkardinals Walter Kasper und lehrt an der Universität Münster. Am Donnerstag hat er bei Rupprecht sein 2015 erschienenes Buch „Krypta“ vorgestellt. Sogar Papst Franziskus hat es gelesen.

Mit der Bemerkung „Reden ist hier nicht so anstrengend wie in Münster, hier kann man anständiges Deutsch schwätze“ war dem in Wört geborenen Wissenschaftler die Sympathie der zahlreichen Zuhörer sicher.

Wolf lässt die Behauptung konservativer Kirchenmänner „Das war schon immer so“ nicht gelten. Wo keine Reform ist, da ist auch keine katholische Kirche, so seine These. Stets habe die Kirche auf Herausforderungen reagiert und sich weiterentwickelt. Die Basis für die Zukunft liege in der Besinnung auf diese Tradition.

Wolf hat gute Argumente für sein Reformplädoyer. Über Jahrhunderte agierten Laien ohne Weihen als Priester, leiteten Bischöfe ohne Weihen eine Diözese und Äbtissinnen ohne Weihen ein Kloster. Wer dorthin zurück wolle, sei kein Umstürzler, sondern Bewahrer uralter kirchlicher Tradition. Auch dass der Papst weltweit Bischöfe ernenne, sei kein gottgegebenes Dogma, sondern eine neuzeitliche Erscheinung. Sie stimme mit dem Wort von Papst Leo dem Großen „Wer allen vorstehen soll, muss auch von allen gewählt werden“ nicht überein. Seit Papst Sixtus V. 1587 die Zahl der Kardinäle von 20 inflationär auf 70 erhöhte, seien die mächtigen Kirchenfürsten „lediglich Statuen in den Nischen des Vatikans.“ Der Papst verfügt über alleiniges Herrschaftswissen. Ruft er es ab, so Wolf, ist es gut, ruft er es nicht ab, ist es auch gut. Auf Schwäbisch: Nur wenn der Chef da ist, wird geschafft.

Wolf hat in der Krypta, in vatikanischen Archiven und reichen Traditionen der katholischen Kirche viele Möglichkeiten entdeckt, die ihr Gesicht verändern könnten.

Ohne Reformen: „Ein fundamentalistischer Laden“

Katholisch sei die Kirche nur, wenn sie sich ändere: „Sonst ist sie ein fundamentalistischer Laden.“ Um Reformstau, ideologische Scheuklappen und dogmatische Prämissen abzubauen, brauche Papst Franziskus Verbündete. Ohne sie, fürchtet Wolf, wird er ein Außenseiter bleiben. Wie Papst Hadrian VI., der 1522 „gräuliche Missbräuche in geistlichen Dingen“ anprangerte und in seinem Reformbemühen scheiterte. Papst Franziskus kennt übrigens Hubert Wolfs neues Buch. Was er davon hält, wollte der Autor nicht verraten. Wohl aber, dass er es dem Papst mit den Worten von Plinius dem Älteren widmete: „Ach, wie viel hängt doch davon ab, in welche Zeit auch des besten Mannes Wirken fällt.“

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