Die Ellwanger machen das Beste aus dem abgesagten Kalten Markt

Lesedauer: 9 Min
 Eleganz auf vier Beinen: Staatsprämienstute Kasalida G hat schon viele Preise gewonnen – und jetzt das digitale Pferde-Voting v
Eleganz auf vier Beinen: Staatsprämienstute Kasalida G hat schon viele Preise gewonnen – und jetzt das digitale Pferde-Voting von „Ipf- und Jagst-Zeitung / Aalener Nachrichten“. (Foto: Bjoern Schroeder)
Stellv. Redaktionsleiter / Redakteur

Der Kalte Markt ist ausgefallen. Die Ellwangerinnen und Ellwanger haben aber das Beste daraus gemacht. Das findet OB Michael Dambacher. Denn: Kutteln gab es trotzdem satt und viele Menschen in der Stadt waren äußerst kreativ, was das Stadtoberhaupt freut.

Videos wurden produziert und ins Internet gestellt. Etwa das der Hinteren Ledergasse zum Kalter-Markt-Lied, das Andreas und Tim Hunke vertont haben. Einer hat den Reiterumzug mit Playmobil-Figuren nachgestellt und gefilmt – eine nette Idee zum Kalten Markt, wie Rathaussprecher Anselm Grupp findet.

Die Gastronomie wartete ebenfalls mit Ideen auf. Kutteln im Straßenverkauf gab es quasi an allen Ecken. Zum Beispiel im Roten Ochsen mit Bratkartoffeln und einer Flasche Bier, wie Grupp weiß. Er lobt auch das Engagement der Kanne, dem Stadtcafé Höll und anderen.

Die Bauernkundgebung fand im Internet statt. Am Dienstag diskutierten gut 90 Teilnehmer mit CDU-Politikern. Am Donnerstag wird der Kreisbauernverband in einer digitalen Pressekonferenz über die Situation auf dem Fleisch-, Milch- und Getreidemarkt informieren.

Die Stadt hat allerlei Wissenswertes rund um den Kalten Markt zusammengestellt. Das Rathaus war bis Mittwoch beflaggt. Grupp dankt der Firma Expert Schlagenhauf für ihre Benefizaktion. 1000 Dosen saure Kutteln wurden für den guten Zweck verkauft. Das sei schon ein Wort, sagt der Rathaussprecher.

500 Dosen wurden allein aus Abbiategrasso geordert. Grupp fand das „bemerkenswert“. Er kennt auch den Hintergrund: Die Bestellung aus Italien sei ein kleines Dankeschön für die Ellwanger Spenden auf dem Höhepunkt der Corona-Krise im vergangenen Frühjahr. „Das spricht auch für die Partnerschaft.“

Zur Erinnerung: In Ellwangen wurden 27 000 Euro gesammelt. Von dem Geld wurden Desinfektionsmittel und Schutzausrüstung gekauft und in Abbiategrasso verteilt. In der Lombardei und im benachbarten Piemont waren die Infektionszahlen viel höher als in Deutschland.

Auch die „Ipf- und Jagst-Zeitung“ war kreativ. Sie präsentierte ihren Leserinnen und Lesern unter anderem ein Quiz zum Kalten Markt und ein Sammlung der besten Pferdewitze. Außerdem holte sie die Pferdeprämierung ins Internet. Die Userinnen und User von „Schwäbische.de“ haben inzwischen das schönste Pferd gekürt – Kasalida G von Züchter Eugen Gantner aus Wört.

Theresia Gantner freute sich am Mittwochabend am Telefon riesig – „ja, super“. Und den Preis – einen Wandsattelhalter – könne man gut gebrauchen. Denn auf dem gesamten Pferdehof Gantner gibt es noch keinen einzigen.

Das Stadtcafé Höll wird noch bis Freitag Kutteln „to go“ verkaufen. Gisela Höll war, wie sie erzählt, skeptisch, ob es funktionieren würde. Aber die Kinder haben nicht locker gelassen. Und jetzt ist sie zufrieden. „Es ist wirklich gut gelaufen.“

Also gab es im Stadtcafé Höll Kutteln mit Brot und „süßer Stute“ – ein Stück Torte zum Nachtisch. Wer wollte, konnte die Kutteln auch mit „Crazy Horse“ bestellen – eine Flasche Bier von der Rotochsenbrauerei mit vom Stadtcafé Höll bereits zur Jahrtausendwende entworfenen Etikett. Damals hatte die Konditorei auch erstmals „Rossäpfel“ gemacht.

Gisela Höll erzählt: Am Wochenende kam eine befreundete Familie mit Shetlandponys angeritten, die Reiter in Norwegerpullis wie beim Umzug. Dann gab es „Rossäpfel“ für alle – „eine richtig schöne Geschichte“. Die Begegnungen am Kalten Markt hat Gisela Höll vermisst, den Stress und die Hektik weniger.

Wie erging es den Züchtern? Eddy Schuster fand die vergangenen Tage „ziemlich ruhig – im Vergleich zu sonst“. Aber: „Die Kutteln waren gleich gut.“ Fünfmal kamen sie die Tage über auf den Tisch, wie der Rindelbacher schätzt. Am Kalten Markt mag er die Tradition. Ein Pferd sei nicht plötzlich das Dreifache wert, nur weil es bei der Prämierung einen Preis bekommen habe.

Coronabedingt fanden die meisten Auktionen 2020 online statt. Das nächste Großereignis – nach dem Kalten Markt – ist die süddeutsche Körung in München. Die Züchter dürfen nicht dabei sein. Nur der Vorführer ist zugelassen, wie Schuster weiß. Normalerweise seien ein paar Tausend Zuschauer in der Olympiahalle, sagt er. Schuster ist seit Oktober Vorsitzender des baden-württembergischen Pferdezuchtverbands und somit akkreditiert.

Der Reitsport ist über Monate ausgefallen, im Frühjahr gab es keine Turniere. Der erste Lockdown sei schwierig gewesen, sagt Schuster. Reithallen galten als Sportstätten und wurden geschlossen. Aber: Pferde brauchen Bewegung. „Im zweiten Lockdown läuft es besser.“ Die Pferde dürfen geritten und bewegt werden – nur nicht „turniersportlich“.

In der Videokonferenz mit den Ostalb-Bauern am Dienstag hat OB Dambacher bedauert, dass der Kalte Markt als Stimmungsbarometer für die Wirtschaft diesmal leider fehlt. Was sagen die Unternehmen?

Für die EnBW ODR gibt es drei wichtige Messen – Rieser Verbraucherausstellung, Ipfmesse und die Technikmesse am Kalten Markt. Alle wurden abgesagt, wie Nicole Fritz sagt, Leiterin für Unternehmenskommunikation und Marketing. Der Kalte Markt sei natürlich etwas Besonders – „weil er in Ellwangen ist“.

In den vergangenen Jahren war der Ellwanger Energieversorger täglich mit sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf der Technikmesse vertreten. Die Tochter NetCom hatte ihren eigenen Stand. Diesmal nicht. „Das schmerzt uns schon“, sagt Nicole Fritz. „Wir hoffen auf das nächste Jahr.“

Dass der Kalte Markt ausgefallen ist, „hat schon weh getan“, sagt Zimmerermeister Michael Mayle aus Neuler. Andererseits herrscht nach seinen Worten Hochkonjunktur im Baugewerbe. An Aufträgen fehlt es somit nicht.

In der Vergangenheit hatte der Stand der Zimmerei bei der Technikmesse riesigen Zulauf, wie Mayle erzählt. Die Kunden seien aber nicht plötzlich weg, sondern riefen vermehrt an. „Total“ gefehlt hat Mayle, Freunde und Bekannte zu treffen. Für 2021 lässt er keinen Zweifel aufkommen: „Wir sind wieder dabei.“

„Sehr schmerzlich“ war die Absage für Leonhard Abele. Der Kalte Markt ist für den Chef von Reitsport Abele in Röhlingen ein fester Termin im Jahreskalender, um Kontakte zu pflegen und neue Kunden zu gewinnen. Aber nicht nur aus Händlersicht tat die Absage weh. Abele fühlt auch mit allen, die sich für das Traditionsfest engagieren und den Aufwand in Kauf nehmen, weil der Kalte Markt eben so schön ist.

Früher ist Abele selbst beim Umzug mitgeritten. Das überlässt er inzwischen seinem Sohn Rainer, ein aktiver Springreiter. Für die Abeles hat der Kalte Markt eben Tradition – „und die will man auch bewahren“.

 

Meist gelesen in der Umgebung
Mehr Inhalte zum Dossier
Die Kommentarfunktion ist für Sie aktuell gesperrt. Bitte wenden Sie sich an unseren Kundenservice für weitere Infos.
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen