Der Streit um die Erdverkabelung

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Selten sind sich eine Stadt, der Landkreis und praktisch alle Parteien mit Bürgerinitiativen einig. Doch bei der Erdverkabelung von Hochspannungsleitungen ist es so. „Niemand will unter einer Starkstromleitung wohnen“, sagte zum Beispiel die SPD-Bundestagsabgeordnete Leni Breymaier im April bei der Gründung des Ellwanger Bündnisses für Erdverkabelung. Ihr CDU-Kollege Roderich Kiesewetter ergänzt, er setze sich schon seit Jahren für dieses Anliegen ein.

Das Thema hat an Brisanz gewonnen, seit der Netzbetreiber Netze BW den Ausbau der Leitungen in der Region plant. Dazu zählen die 110-Kilovolt-Leitungen 0412 von Goldshöfe nach Ellwangen und 0401 von Ellwangen nach Nördlingen. Die Leitung 0412 soll neu gebaut werden. In Ellwangen führt sie über die Berliner und die Burgundstraße an mehreren Schulen vorbei. Die Linie 0401 nach Nördlingen soll mit einem zweiten Stromkreis verstärkt werden. Sie verläuft durch den Mittelhof und Neunheim und passiert die Mittelhofschule und den Kindergarten Sankt Canisius. In Neunheim liegen der Kindergarten und die Grundschule in der Nähe.

Ziel des Bündnisses ist es, die Leitungen in bewohnten Gebieten unter die Erde zu verlegen, um Schäden für die Gesundheit der Anwohner abzuwenden. Die Große Koalition will zwar das Energiewirtschaftsgesetz ändern. Offen ist, ob die Änderung kommt, bevor der Netzbetreiber Fakten schafft: Das Planfeststellungsverfahren läuft. Sollte sich die Gesetzeslage während des Verfahrens ändern, will Netze BW die Fakten prüfen und „in Abstimmung mit der Stadt Ellwangen“ auch umsetzen, so Pressesprecher Jörg Busse.

Es geht um viel Geld

Es geht um viel Geld: Erdkabel in Mittelhof und Neunheim würden laut Netze BW 5,2 Millionen Euro mehr kosten als die geplante Verstärkung der bestehenden Leitung. Zudem ist strittig, ob elektromagnetische Felder die Gesundheit schädigen können. Netze BW betont, dass die Freileitungen die gesetzlichen Vorgaben einhalten und sogar unterschreiten. Das garantiere, „dass keine nachteiligen Wirkungen auf Menschen und Tiere ausgehen“, so Pressesprecher Busse. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) sieht derzeit keinen Beweis für die Gesundheitsgefährdung durch Freileitungen, rät aber dazu, sich elektromagnetischen Feldern so wenig wie möglich auszusetzen.

Dr. Barbara Haas, Sprecherin der Pro-Erdkabel-Initiativen Neunheim und Mittelhof, hält dagegen: Entlang der Leitung in Neunheim seien viele Krebsfälle aufgetreten, dazu Fälle von Alzheimer, Kreislaufbeschwerden sowie eine erhöhte Häufigkeit von Herzinfarkten: „Wir haben viele Alzhei-merfälle in der Gegend, viele Frauen mit Brustkrebs und Hodenkrebs bei Männern.“

Sie verweist auch auf eine Studie des Zoologieprofessors Hynek Burda von der Universität Duisburg-Essen. Er fand heraus, dass niederfrequente elektromagnetische Felder im Winter die Ausschüttung von Melatonin bei Kälbern behindern. Melatonin ist ein Schlafhormon, das Krebs ausbremst. Dies deutet einen Zusammenhang zwischen Elektromagnetismus und höherem Krebsrisiko an.

Einen Teilerfolg gab es bereits: In der Berliner Straße und der Burgundstraße wird erdverkabelt. Das ist einem Vertrag mit dem Vorgänger der Netze BW aus dem Jahr 1926 zu verdanken. Am 19. Juni will das Bündnis mit einer Demonstration bei der Mittelhofschule weiter auf sein Anliegen aufmerksam machen.

Oben drüber oder unten drunter? Der Konflikt um die Hochspannungsleitungen geht weiter
Das Regierungspräsidium Stuttgart hat die Planung für die Netzverstärkung im Ostalbkreis eingeleitet. Mit diesem Programm plant Netzbetreiber Netze BW Aus- und Neubau von Hochspannungsleitungen. Betroffen ist dabei die Region um Ellwangen.
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