Der Ningel ist ein Schlingel

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30 Jahre jung, verpackt Matthias Ningel Scharfsinniges in flotte Lieder.
30 Jahre jung, verpackt Matthias Ningel Scharfsinniges in flotte Lieder. (Foto: Petra Rapp-Neumann)
Schwäbische Zeitung
Petra Rapp-Neumann

Mit „Jugenddämmerung“ hat Musikkabarettist Matthias Ningel im Atelier von Rudolf Kurz fast eine Privatvorstellung gegeben. Dem lauen Abend geschuldet, war’s nicht so gut besucht wie gewohnt. Das störte weder Künstler noch Publikum. Wer da war, erlebte einen alles andere als „lauen“ Kleinkunstabend mit dem smarten Sunnboy. 30 Jahre jung, verpackt der kreative Lockenkopf Scharfsinniges in flotte Lieder und spielt sensationell Klavier. Singen kann er auch.

Er ist – das Wortspiel sei erlaubt – ein Schlingel, der Ningel. Wie er da auf Socken die Bühne entert und an den Flügel stürmt, das hat was liebenswert Lausbübisches. Auf wohlfeile Gags kann er verzichten. Ningels „Jugenddämmerung“ hat Geist und Tiefgang. „Neofluxus“ nennt er das in Anlehnung an jene Kunstrichtung, die vom Kunstwerk im herkömmlichen Sinn wenig hielt. Auf Neudeutsch, meint Ningel, seien das „Performance Arts“. Das ist, wenn einer Erdnussbutter auf sein Smartphone schmiert, statt Fettecken à la Beuys zu produzieren. „Kann man davon leben?“, zweifelt Ningel. Vermutlich nicht. Also lässt man sich zu Hause von der Eltern-„App“ versorgen. Die „jungen Milden“ von heute chillen in Kinderzimmern mit Donald-Duck-Bettwäsche, schwelgen in Sitcoms wie „Big Bang Theory“ und ziehen sich TV-Serien der Neunziger wie „Als die Tiere den Wald verließen“ rein. Flugs fühlt Ningel der Titelmelodie der Serie am Klavier auf den Zahn und entdeckt fatale Ähnlichkeit mit dem unheilschwangeren Soundtrack des Hitchcock-Thrillers „Psycho“.

Knick-Knack-Blubb

Mit Finsterling Norman Bates hat der Held der Stunde glücklicherweise keine Ähnlichkeit. Elegant praktiziert er „Body Transformation“ am Klavierschemel und führt Kitsch-Strichlisten. Dafür hat er das lustige Spiel „Knick-Knack-Blubb“ erfunden. Herzen werden geknickt, Liebesschlösser auf der Kölner Hohenzollernbrücke geknackt. Blubbernd versinken sie im Rhein. Das ist kitschig und rührend. So wie der vor zehn Jahren geschriebene Brief an sich selbst, den Jugendliebe Ilona ihm schickt. Ach Ilona. Schmachtend besingt er sie, die damals schon den senffarbenen Pullover kannte, den Ningel „textilmonogam“ zum Entsetzen der Eltern-„App“ immer noch trägt. Das alles ist gescheit und frech, quicklebendig und musikalisch vom Feinsten. Zum Finale summten alle beglückt Beethovens Ode an die Freude und baten lautstark um eine Zugabe. Die gab’s aus dem neuen Programm, mit dem Matthias Ningel diese Woche Premiere hat. Er hat’s drauf, der Sunnyboy.

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