Der Geldscheißer als Türöffner galt nicht als Favorit - obwohl er ein Handschmeichler war

Quintus B. Scheble

Auf die städtische Haushaltlage, dies ist selbst nach langjähriger Beobachtung zu resümieren, hatte er leider keinerlei positiven Effekt, jener Geldscheißer, den es im Ellwanger Rathaus tatsächlich einmal gab. Allerdings nur für eine kurze Weile. Und unter außergewöhnlichen Umständen.

Aber der Reihe nach. Ein Geldinstitut, nämlich die ehedem in der Oberamtsstraße ansässige Ellwanger Volksbank, wollte ihre gläsernen Eingangsportale prätentiöserweise nicht mit handelsüblichen Türgriffen ausstatten. Vielmehr kam es zu einem künstlerischen Wettbewerb.

Hierüber zu urteilen, wurde einem Gremium überlassen, das – aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen – im Rathaus tagte. Mein Vater, Bildhauer von Beruf, hatte ein Holzmodell eingereicht, das nach erhoffter Zustimmung in Bronze gegossen werden sollte.

Der Geldscheißer, ein Handschmeichler

Und was stellte dieses figurale Objekt dar? Einen halbnackten Geldscheißer, zweckgemäß, trotz aller plastisch erforderlichen Ecken, Kanten und Kurven, durchaus ein Handschmeichler. Allein, Künstlerpech. Der Entwurf wurde abgelehnt. Mit welchen Argumenten, das wissen außer den Göttern nur die Beteiligten.

Man kann im Nachhinein lediglich vermuten: War er für eine seriöse pekuniäre Einrichtung zu ungedeckt, zu blanko? Oder gar zu obszön?

Nachdem die Entscheidung endgültig getroffen war und die Stadt den Geldscheißer weder behalten wollte noch konnte, musste das gute Stück wieder abgeholt werden. Eine Aufgabe, die mir, einem damals noch keine zehn Jahre alten Jungen, mein Vater auftrug.

Mein allererster Kontakt mit dem früheren Rathaus, dem Gebäude also, in dem sich längst die Musikschule befindet! An der Pforte harrte ein Inbegriff von Respektsmensch. Ich kannte ihn ein bisschen, weil er in der Stiftskirche aushilfsweise Mesnerdienste versah, streng, aufrecht, unnahbar.

Er öffnete die in Mannshöhe befindliche Sprechluke und fragte zu mir herabblickend, fern jeglicher pädagogischen Empathie: „Kerle, was willsch?“

Jetzt nahm ich allen Mut zusammen und stammelte: „Ich möcht‘ für meinen Vater den Geldscheißer holen.“ Mit diesem Anliegen hatte ich es bei dem Zerberus sofort abgrundtief verscherzt. Obwohl, ja obwohl er selbst mit einem Scherz antwortete. Den kapierte ich allerdings nicht.

Den Geldscheißer gibt’s in der Oberen Apotheke.

Rathausportier

„Den Geldscheißer“, sagte er bärbeißig im Brustton eines behördlichen Bescheids, „den Geldscheißer gibt’s in der Oberen Apotheke“. Sprach’s und schloss indigniert sowie endgültig das dienstliche Bullauge. Dass er mit seiner Auskunft auf den Umstand angespielt hatte, wonach Inhaber eines Offizins – zumindest nach Volksmeinung – nicht gerade zu den Ärmsten im Land zählen, wurde mir erst später, viel später klar.

Jedenfalls stieg ich verunsichert, geradezu verstört, die Rathaustreppen hinunter. Sollte ich wirklich in die nur wenige Schritte entfernte Obere Apotheke gehen? Da kriegte man doch nichts, wenn man, wie ich, kein Rezept hatte. Nein, diese Adresse kam mir ziemlich spanisch vor, wenngleich ich seinerzeit noch keine einzige Fremdsprache beherrschte. Ich zog den klärenden Rückzug vor.

Missmutig und schlecht gelaunt landete ich zu Hause. Dort war bereits ein Telefonanruf des Rathauses eingegangen. Man hatte Bedauern zum Ausdruck gebracht, Entschuldigung, Wiedergutmachung. Letztere bestand zu meiner echten Freude darin, dass nun höchstpersönlich ein Amtsbote den Geldscheißer expedieren musste.

Für die Türgriffe in der Volksbank kam in der Folge ein zweiter Entwurf meines Vaters zur Ausführung, bronzene Geldsäckel. Ebenfalls griffig. Aber weniger pfiffig.

Der Geldscheißer indes, der existiert noch. Sollte ihn sich die Stadt in Anbetracht der Kosten für EATA, Konversion, Landesgartenschau et cetera doch noch auf Dauer zulegen wollen, als Maskottchen etwa?

Darüber ließe sich verhandeln. Wahrscheinlicher ist, dass er inzwischen sogar überflüssig wäre, weil seine Funktion anderweitig übernommen wird. Man denke nur an den jüngst vom Rat beschlossenen Kauf einer semistationären, kommunalen Blitzeranlage.

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