Bewegende Aufführung von Herzogenbergs „Passion“

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 Der Ellwanger Oratorienchor hat in der Stadtkirche den ersten Teil der Passion von Herzogenberg aufgeführt und ein beeindrucken
Der Ellwanger Oratorienchor hat in der Stadtkirche den ersten Teil der Passion von Herzogenberg aufgeführt und ein beeindruckendes und ergreifendes Konzert gegeben. (Foto: afi)

Ellwangen - Ein hervorragend einstudierter Chor, exzellente Solisten, ein inspiriert agierendes Ensemble Musica viva Stuttgart, an der Orgel souverän Reinhard Krämer und Mirjam Scheider als künstlerische Leiterin: Die Zuhörer haben in der nahezu ausverkauften evangelischen Stadtkirche eine berührende Aufführung des ersten Teils der „Passion“ von Heinrich von Herzogenberg erlebt. Der Oratorienchor Ellwangen hat damit die von Willibald Bezler begründete, anspruchsvolle Konzertreihe „In paradisum“ fortgesetzt.

Heinrich von Herzogenberg wurde 1843 in Graz geboren. Als Leiter des 1875 in Leipzig gegründeten Bach-Vereins tauchte Herzogenberg tief in Bachs geistliche und musikalische Welt ein. 1894 erhielt er von seinem Freund, dem Theologen Friedrich Spitta, den Text für eine Passion und machte sich sofort ans Werk. Herzogenbergs Kirchenoratorium „Die Passion“ ist in zwei Teile gegliedert. Der jetzt aufgeführte erste Teil gilt dem Geschehen am Gründonnerstag, der zweite widmet sich dem Karfreitag.

Ganz im Sinne des lutherischen Verständnisses, dass auch die Gemeinde für den Gottesdienst verantwortlich ist, ging Herzogenberg neue Wege. Dazu gehört der Dialog zwischen Chor und Gemeinde, die zum Mitsingen aufgefordert wird. Das schafft eine innere Verbundenheit und lässt die Zuhörer am Geschehen des Leidenswegs Jesu teilhaben. Der Einladung, die Choräle „Halt im Gedächtnis Jesum Christ“, „Schmücke dich, o liebe Seele“ und „Mein Lebetage will ich dich aus meinem Sinn nicht lassen“ mitzusingen, kamen viele in der Stadtkirche nach.

Solistisch brillierte Christian Wilms als Evangelist. Sein wunderbarer, strahlender Tenor erfüllte die Stadtkirche bis in den letzten Winkel und machte die Arie „Bleibet in mir“ zum nachwirkenden Erlebnis. Dem stand Daniel Raschinsky, der den Part des Jesus sang, in nichts nach. In Ellwangen hat man ihn zuletzt bei der Aufführung von Mendelssohns Fronleichnamsmesse gehört. Sein geschmeidiger Bariton bleibt in Erinnerung. Als Petrus war Felix Meybier zu hören, Rudi Fleischmann sang den Johannes.

Höchst konzentriert, in reflektierter und expressiver Ruhe folgte der Oratorienchor seiner jungen Dirigentin und beeindruckte mit intensivem Vortrag und stimmlichem Volumen bei Passagen wie „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir“. Mirjam Scheider entfaltete Dramaturgie und Spiritualität von Herzogenbergs Werk in feinfühliger Dichte und gab der religiösen Ansprache an die Gemeinde ebenso viel Raum wie der anrührenden Schönheit der Musik. Die Zuhörer dankten mit minutenlangem, herzlichem Beifall.

Zu Beginn stimmten Mitglieder des Streicherensembles Musica viva unter Leitung von Konzertmeisterin Sabine Kraut mit dem „Geistlichen Quartett“ des Stettiner Kantors und Komponisten Carl Loewe auf die Passion ein.

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