Archivieren ist die Kunst des Wiederfindens

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Stadtarchivar Professor Immo Eberl geht mit 68 Jahren in Ruhestand. Am Freitag ist sein letzter Arbeitstag.
Stadtarchivar Professor Immo Eberl geht mit 68 Jahren in Ruhestand. Am Freitag ist sein letzter Arbeitstag. (Foto: gr)
Schwäbische Zeitung
Redakteurin Ellwangen/stellv. Redaktionsleitung

Immo Eberl räumt auf. Der Countdown läuft. Am Freitag ist sein letzter Arbeitstag. 26 Jahre ist der Professor Stadtarchivar in Ellwangen gewesen. In dieser Zeit hat sich in seinem Büro einiges aufgetürmt.

Die Kunst des Archivierens ist die Kunst des Wiederfindens. Das weiß jeder, der schon mal verzweifelt nach alten Rechnungen oder Urlaubsfotos gesucht hat. Die Kunst des Archivierens ist aber auch die der Entscheidung. Man muss wissen, was morgen für die Stadtgeschichte noch bedeutsam sein könnte, sagt Eberl. Alles aufbewahren geht nicht. Übrig bleibt rund ein Viertel der Verwaltungsvorgänge, schätzt er.

Akten aufbewahren, aufbereiten, aussortieren und auswerten

Drei Räume umfasst das Ellwanger Stadtarchiv. Dazu kommen irgendwann die Akten, die erst 5 Jahre bei den Sachbearbeitern aufbewahrt werden, von dort für 10, 15 Jahre ins Zwischenarchiv gehen und dann noch einmal gesichtet werden, bevor sie ins endgültige Archiv wandern – oder eben nicht.

Ablagesystem hin oder her, wer forscht und sucht, muss sich immer auch am Verwaltungsaufbau der Behörde orientieren. Dann, sagt Eberl aus eigener Erfahrung, findet sich in manchem Regal eine archäologische Überraschung. So hat er die komplette Liste verwandschaftlicher Verbindungen einer Adelsfamilie gefunden, die in einem anderen Archiv in den Akten überhaupt nicht auftauchte und deshalb auch in einer Forschungsarbeit fehlte.

Akten zu bewahren, aufzubereiten und wegzuwerfen waren Eberls Aufgaben. Aber auch das Auswerten. Sprich, die Erforschung der Stadtgeschichte. Dass dafür immer weniger Zeit geblieben ist, bedauert er. Extra deshalb hatte er sich 1989 nach Ellwangen beworben. Eberl hatte zuvor Geschichte studiert mit Nebenfach Landesgeschichte und war Archivpfleger im Kirchenbezirk Blaubeu-ren, seiner Heimatstadt.

Sein Interesse für die Stadtgeschichte ist in viele Aufsätze in den Ellwanger Jahrbüchern eingeflossen. Er hat Bücher verfasst und als Mitglied der Kommission für geschichtliche Landeskunde die Herausgabe des ersten Ellwanger Urbars von 1337 angeregt. Dank dieser Mischung aus Grundbuch und Steuerverzeichnis wissen wir heute, wie der Alltag der Menschen im 14. Jahrhundert ausgesehen hat. So wie ein Haushaltsbuch von 2015 in 150 Jahren vielleicht einmal für die Forscher interessant wird, um zu erfahren, wofür wir denn eigentlich unser Geld ausgegeben haben.

Stadtarchivare sind eine Wunderwaffe, die auch bei allen Kulturaufgaben mit tätig sind, findet Eberl. Für ihn trifft es zu. Die Organisation von Methodiustag, nationalem Gedenktag und Universitätstag gehörte zu Eberls Aufgaben. Lange Jahre war er auch Leiter der Volkshochschule. Sein Amt hat dem Stadtoberarchivrat so viel Freude gemacht, dass er über die Altersgrenze von 65 hinaus verlängert hat. Außerdem habe er etwas für die Jugend tun wollen: „Wenn man das Endalter 100 anstrebt, muss man die Jungen bei den Rentenzahlungen entlasten.“

Jetzt, mit 68 Jahren, geht Eberl in den Ruhestand. Projekte warten genug auf ihn. Bis Jahresende soll die Chronik des Klosters Blaubeuren fertig sein. Dann will er sich mit der Ellwanger Stadtgeschichte im 19. Jahrhundert befassen. Er will ein bisschen mehr auf seine Gesundheit achten und sieben statt fünf Stunden schlafen. Ab und zu möchte er mit seiner Frau nach Italien fahren, wo es ihm gut gefällt. Und er will weiter in Tübingen im Sommersemester seine zwei Stunden mittelalterliche Geschichte lehren, unentgeltlich, wie von Anfang an. „Das bleibt mir bis zum Tode.“

Mit einem Problem der Archivierung muss sich nun Eberls Nachfolger herumschlagen. Immer mehr Daten gibt es nur noch digital. Doch die Jugend von heute weiß schon nicht mehr, was eine Diskette ist. Laufwerke gibt es nicht mehr. Und die aktuelle Version des Textverarbeitungsprogramms kann die alte Datei nicht mehr lesen. Aber eins bleibt so wie heute: Am Ende muss einer sitzen, der aussortiert und löscht.

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