Als Ellwangen noch einen Nachtwächter hatte

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Sechs Nachtwächter hatte Ellwangen im Mittelalter. Sie besetzten die Türme der Stadtmauer und machten Kontrollgänge. (Foto: Steuer)
IPF- UND JAGST-ZEITUNG
Matthias Steuer
Gastbeitrag: Matthias Steuer, der Autor des Texts, ist Museumsleiter im Ellwanger Schloss und in den Akten der Stadt sozusagen „zuhause“.

200 Jahre alt wird die „Ipf- und Jagst-Zeitung“ in diesem Jahr. In dieser Zeit ist in Ellwangen viel passiert und noch mehr hat sich verändert. In einer losen Serie erinnern wir an den Alltag von früher.

Der Beruf eines Nachtwächters ist einer der ältesten in deutschen Städten. Längst ist dieser Dienst der modernen Zeit zum Opfer gefallen. Dabei war die mittelalterliche Stadt ein wohlbehütetes Ganzes und das war für die Bewohner von hoher Wichtigkeit. Der Stadtplan von Ellwangen zeigt dies eindrucksvoll bis heute. Historische Ansichten zeigen Ellwangen mit einer Stadtmauer, wehrhaften Türmen und den drei großen Stadttoren durch die Bürger und Gäste in den geschützten Bereich gelangten.

Zuverlässig, gesund, aufmerksam und treu

Von einem Nachtwächter wurden etliche Eigenschaften verlangt: Zuverlässigkeit, körperliche Gesundheit, Treue zur städtischen Obrigkeit, Aufmerksamkeit. In alter Zeit war bei offenem Fackel- und Kerzenlicht die Feuergefahr erheblich. Zudem hatte die Stadt im Laufe ihres Bestehens immer wieder durch kriegerische Ereignisse Belagerungen und Plünderungen zu beklagen. Deshalb galt die besondere Sorge schon den Fürstpröpsten dem Schutz und der Sicherheit der Residenzstadt und ihrer Bewohner.

Franz Georg von Schönborn erklärt in einer Verordnung aus dem Jahr 1748: „… bey den mehr und mehr gefährlich anscheinenden Zeiten der armen Untertanen die landesobrigkeitliche Sicherheit, Schutz und Vorstand nachdrücklich zu erteilen.“ Aus alten Schriftstücken lässt sich der grobe Verlauf des Kontrollgangs eines Nachtwächters durch die Stadt rekonstruieren: Mit Einbruch der Dunkelheit bezogen insgesamt sechs Wächter auf den kleinen, runden Türmchen in der Stadtmauer ihre Stellung. Nachdem sie dort ihren Dienst begonnen hatten, machte sich einer von ihnen zu einem Kontrollgang auf. Zu seinen Aufgaben gehörte auch das laute Ausrufen der Stunden. Das bekannte Verslein war: „Hört, ihr Leute und lasst euch sagen, unsre Glock hat zwölf geschlagen: Zwölf, das ist das Ziel der Zeit, Mensch bedenk die Ewigkeit.“ Der Wächter war mit einer Hellebarde sowie mit einer großen Laterne ausgerüstet.


 Bopfingen hat noch einen Nachtwächter – für Touristen. Stunden ausrufen muss er heute niemand mehr, bald jeder hat eine Uhr. U
Bopfingen hat noch einen Nachtwächter – für Touristen. Stunden ausrufen muss er heute niemand mehr, bald jeder hat eine Uhr. Und Feuerwacht halten heutzutage die Rauchmelder. (Foto: Archiv- afi)

Vor der Marienkirche begann das Ausrufen der Stunde, bevor der Wächter die Straße An der Mauer entlang ging. Sein Weg führte ihn durch die Adelergergasse über die Marienstraße bis zum Marktplatz. Dort, vor der „Schwanen-Wirtschaft“ (heute Marktplatz 14) rief er wieder die Stunde aus. Auf dem Platz vor der „Alten Post“ (heute Fuchseck) wiederholte er sein Rufen. Nun begab sich der Nachtwächter in die Schmiedstraße vor den Gasthof „Roter Ochsen“. Über die Spitalstraße gelangte er in die Nähe der „Oberen Apotheke“, wo er sein Rufen beendete.

Im Anschluss an den Kontroll- und Stundengang hatte der Nachtwächter weitere Wachpersonen durch Aufruf zu kontrollieren. Zuerst war dies der Wächter auf dem Turm der Stiftskirche, der von seiner Höhe den weitesten Blick ins Land und auf die Stadt hatte. Danach begab sich der Nachtwächter zu den Wachen am Stein-, Schloss- und Jagsttor, die damals die einzigen Zugänge in die Stadt waren. Wenn nun einer der dortigen Torhüter nicht ordnungsgemäß geantwortet hatte, musste der Nachtwächter dies am nächsten Morgen auf dem Rathaus melden. Zweck dieser Kontrolle war es, die wichtigen Wachposten vor dem Einschlafen zu bewahren.

Der Beruf hat ein hohes Ansehen

Trotz seines geringen Verdienstes hatte der Beruf eines Nachtwächters ein hohes Ansehen in der Bevölkerung. In Ellwangen bekam er zu Neujahr für seinen treuen Dienst von den Bürgern ein kleines Geldgeschenk, welches er nicht zu versteuern brauchte. Bis zu 16 Bewerber gab es beispielsweise im Jahr 1882, als die begehrte Arbeitsstelle neu zu vergeben war. Nach erfolgter Wahl durch den Stadtrat wurde der Gewählte vom Bürgermeister auf die Nachtwächterdienstordnung der Stadt Ellwangen verpflichtet.

Josef März war der letzte Nachtwächter Ellwangens, von dem im Archiv sich noch ein altes Passfoto erhalten hat . Er versah seinen Dienst bis zum 30. November 1919. Danach ging der über viele Jahrhunderte ausgeübte Aufgabenbereich des Wächters auf die örtliche Stadtpolizei über.

Gastbeitrag: Matthias Steuer, der Autor des Texts, ist Museumsleiter im Ellwanger Schloss und in den Akten der Stadt sozusagen „zuhause“.
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