50 Jahre bei der „Ipf- und Jagst-Zeitung/Aalener Nachrichten“: Johannes Müller

Leiter der Redaktionen Aalen und Ellwangen

Über treue Mitarbeiter freut sich jedes Unternehmen. In der sich gefühlt immer schneller drehenden (Arbeits-)Welt gehören Jobwechsel jedoch immer mehr zum persönlichen Karriereweg. Es gibt aber immer noch andere Karrieren, beispielsweise die von Johannes Müller. Stolze 50 Jahre arbeitet er bei der Schwäbischen Zeitung. Früher als Redakteur und noch heute, 87-jährig, als Freier Mitarbeiter bei der Ipf- und Jagst-Zeitung/Aalener Nachrichten.

Lieber Ministrant als aktiv in der Hitlerjugend

Am 7. Juli 1934 ist Müller in Ludwigsburg geboren, hat die letzten zwei bis drei Jahre des Zweiten Weltkriegs hautnah miterleben müssen. „Es gab nicht selten Bombenalarm im Großraum Stuttgart, wir waren nicht selten im Luftschutzkeller“, erinnert sich Müller noch genau. Schon damals zeigte sich sein selbstbewusstes Wesen, was auch später in Ellwangen noch einmal durchbrechen sollte. Seine Ministrantentätigkeit kollidierte mit den Aktivitäten der Hitlerjugend, die meistens am Wochenende stattfanden. In der HJ war er nicht freiwillig, darauf legt er Wert. „Da wurde man in eine Uniform, braunes Hemd und schwarze Hose, gezwängt und war dabei. Fertig. Ich hatte aber schon damals das Kirchliche vorgezogen“, so Müller. So kollidierten seine Tätigkeiten als Ministrant häufig mit denen der HJ. „Da war ich nicht so angesehen bei der HJ. Heute kann ich stolz sagen: zum Glück.“

Bedenkzeit wegen des Zölibats

Nach dem Kriegsende blieb er der Kirche treu, war in der katholischen Jugend aktiv. Nach seinem Abitur 1955 studierte er Theologie und Philosophie in Tübingen und München, 1959 ging es ins Priesterseminar, ehe er 1960 zum Priester geweiht wurde. Wegen des Zölibats aber erbat er sich Bedenkzeit. „Das ging damals vielen so, viele waren sich nicht sicher, ob sie wirklich ein Leben lang auf die Familie verzichten wollten“, erinnert sich Müller. Während dieser Bedenkzeit dann erfuhr er, dass ein Volontär beim Konradsblatt gesucht werde, eine seit 1917 erscheinende Bistumszeitung des Erzbistums Freiburg. Zuvor schon sammelte Müller, dem das Schreiben schon immer lag, erste Erfahrungen beim Katholischen Kirchenblatt. Imponiert hatte ihm damals Oskar Neisinger, Chefredakteur des Konradsblatts. „Er hat das Blatt in Richtung einer Illustrierten entwickelt, hatte mich auch recht schnell eingestellt“, sagt Müller. Stilistisch sei er sehr von Neisinger geprägt worden.

Zunächst in der Schweiz aktiv

Der Journalismus machte Müller glücklich und obwohl er schon wusste, dass er vermutlich eher als Journalist denn als Priester arbeiten würde, erbat er sich eine Verlängerung der Bedenkzeit – schlug dann aber letztlich die Laufbahn des Journalisten ein. Er erinnert sich noch an ein Gespräch mit dem damaligen Bischof Georg Moser, seines Zeichens Medienbischof in der Bischofskonferenz. „Er hat meinen Entschluss verstanden und scherzhaft gemeint: wenn schon nicht Priester, dann wenigstens Journalist. Wir bräuchten christliche Schreiber.“ Im Anschluss an seine Freiburger Zeit zog es ihn nach Luzern. Dort heuerte er bei der Tageszeitung „Das Vaterland“ an. Anschließend arbeitete er noch zwei Jahre als Lektor beim Theiss-Verlag in Stuttgart und Aalen.

Erst bei der Aalener Volkszeitung, dann die Ipf

1970 schließlich hatte er mitbekommen, dass beim Schwabenverlag in Stuttgart eine Redakteursstelle in Aalen und Ellwangen frei sei. Müller rief an, wurde schnell zum Vorstellungsgespräch eingeladen „und dann bin ich quasi vom Fleck weg eingestellt worden“. 1971 dann wurde er redaktionsintern fix nach Ellwangen transferiert. „Das war für mich sehr gut, schließlich hatte und hat die katholische Kirche eine starke Position in Ellwangen“, so Müller. Neben den Kirchenthemen standen für ihn die Kommunalpolitik und die Bundeswehr auf dem Programm. Ein Jahr zuvor lernte er seine Frau Ingeberga kennen, beim gemeinsamen Essen im „Alten Löwen“ in Aalen. Da ging man damals einfach hin, sagt Müller grinsend. Noch im selben Jahr heirateten die beiden und sind heute noch zusammen. Mit Ingeberga bekam er zwei Töchter, Ulrike (1971) und Daniela (1972).

Bundeswehr ist damals ein echtes Thema

In Ellwangen waren damals noch viele Soldaten, hauptsächlich Panzergrenadiere und Heeresflieger, stationiert und damit auch Thema für die Zeitung. Schließlich wurde damals der Verlag angefragt, ob nicht ein Redakteur mit nach Texas fliegen wolle, um von dort vor Ort eine Reportage über die Raketen- und Pilotenausbildung zu schreiben. „Die Wahl fiel auf mich und es war ein absolutes Highlight. Ich durfte damals sogar mitfliegen. Am Ende ist daraus eine wirklich tolle Geschichte geworden“, erinnert sich Müller noch genau. 1982 wurde Stefan Schultes zum Oberbürgermeister in Ellwangen (bis 1995) gewählt. Ein ziemlich forscher Charakter, wie ihn Müller rückblickend diplomatisch beschreibt. Schultes wollte damals das Rathaus erweitern, was aber die Schließung des Heilig-Geist-Spitals, ein Alten- und Pflegeheim, bedeutet hätte. „Die 70 bis 80 Bewohner und deren Angehörige waren unsere Leser und regelmäßig habe ich in meinen Kommentaren gegen den Bau geschrieben. Das brachte mir eine Menge Freunde in der Bürgerschaft ein, Schultes aber war ich natürlich ein Dorn im Auge“, erklärt Müller. Dieser Dorn saß sogar so tief, dass sich der damalige OB an den Verlag wandte und bat, von dieser Schreiberei rund um dieses Thema abzusehen. Dies wurde ihm tatsächlich nahegelegt, doch lachend fügt er an: „Ich habe dann meine Berichte stilistisch etwas angepasst, so dass der geneigte Leser schon gemerkt hatte, dass ich nicht eingeknickt war.“ Auch hier zeigte sich wieder seine innere Überzeugung, sein starker Wille, sein Selbstbewusstsein. Am Ende setzte sich Schultes jedoch durch, das Rathaus wurde erweitert.

Landeszentrale kauft Müller ein

Die Landeszentrale für politische Bildung bekam Wind von der Schreiberei Müllers und so wurde er angefragt, ob er nicht Seminare für junge Journalisten halten wolle, ein weiterer Baustein auf seinem Weg. „Für die jungen Journalisten war es schon spannend zu hören, dass man als Journalist auch gegen etwas sein und dies durchaus auch kommunizieren konnte“, sagt Müller schmunzelnd.

1989 wurde er vom damaligen Chefredakteur der Schwäbischen Zeitung, Hans Funk, angerufen und gefragt, ob er nicht ein Ein-Mann-Büro in Schwäbisch Gmünd beziehen und fortan als Korrespondent für den Ostalbkreis, für Heidenheim, Schwäbisch Hall und Göppingen tätig sein wolle. So wurde Müller Bezirksredakteur im Bestreben, die Schwäbische Zeitung weiter zu verbreiten. Ein stressiger Job. „Ich musste täglich rund acht Zeitungen durchlesen und nach den Themen forschen. Wenn etwas in den Kreisen anstand, bin ich dorthin gefahren und habe meine Geschichten geschrieben“, sagt Müller. Dieser Stress blieb nicht ohne Folgen. 1998 erlitt Müller einen Herzinfarkt. Dadurch ist er schließlich mit 64 Jahren in Rente gegangen, ein Jahr früher als geplant.

Von wegen Rente: zweite Karriere als Dozent

Zu Beginn des Ruhestands bekam er noch die Anfrage von der Fachhochschule Aalen, ob er nicht einen ausgefallenen Professor für ein Semester in Medienkunde vertreten könne. „Aus einem Semester wurden sechs, für die ich einen Lehrauftrag erhielt. Das hat sehr viel Spaß gemacht“, so Müller. Ein Vierteljahr nach seinem Infarkt kehrte er bereits zurück zur Zeitung – als Freier Mitarbeiter, bis heute.

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