300 Jahre Eisenhandel in der Ellwanger Schmiedstraße

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Wer die kurze Ellwanger Schmiedstraße entlang geht, ahnt nicht, dass hier einmal die Schmiedehämmer den Ton angegeben haben. Tatsächlich hat es hier bis zu sieben Schmieden und metallverarbeitende Betriebe gegeben. Auf die 300-jährige Tradition des Gewerbes mit Eisen und Hausrat in der Schmiedstraße blickt das Ellwanger Unternehmen Kicherer zurück: Im Jahr 1718 wurde das dortige Stammhaus der Firma als Nagelschmiede von Hans Schuester erstmals urkundlich erwähnt.

Die Besitzrechte des Hauses haben sich im 18. Jahrhundert in der Nagelschmiedfamilie Schuester vererbt. Eine neue Entwicklung begann, als 1759 der Nagelschmied Christoph Sutor das gesamte Haus Schmiedstraße 7 übernahm. Sein Sohn gleichen Namens kaufte 1825 das Gebäude Schmiedstraße 5 hinzu und schuf den bis heute bestehenden Durchbruch zwischen den Häusern.

Bis in die 80er Jahre des 19. Jahrhunderts blieb die Nagelschmiede in der Hand der Familie Sutor. Da er sich aus dem Geschäft zurückziehen wollte, verkaufte Joseph Sutor im Jahr 1884 schließlich das zweistöckige Wohnhaus in der Schmiedstraße 7 an den Kaufmann Friedrich Kicherer aus Kirchheim an der Teck und räumte ihm ein Vorkaufsrecht für das Gebäude in der Schmiedstraße 5 ein. Zehn Jahre später veräußerte Sutors Witwe Antonie das Haus Schmiedstraße 5 sowie einen Garten am Mühlgraben an Kicherer.

Zwei Schwestern führen die Geschäfte

Wie sich aus den erhaltenen Büchern schließen lässt, hatte Friedrich Kicherer eine glückliche Hand bei der Führung der Geschäfte. Darüber hinaus war er ehrenamtlich in der Stadt Ellwangen tätig. Das Schicksal schlug zu, als sein Sohn Friedrich, das jüngste seiner drei Kinder, mit erst 21 Jahren im Mai 1915 im Ersten Weltkrieg fiel. Die beiden älteren Geschwister Auguste (1885 bis 1967) und Maria (1888 bis 1953) unterstützten ihren Vater bereits während des Krieges bei der Führung des Geschäfts. Nach seinem Tod 1934 führten die beiden Frauen das Unternehmen weiter. Ein schlimmer Rückschlag war der Beschuss des Hauses in der Schmiedstraße in den letzten Kriegstagen 1945. Von dem Wohn- und Geschäftshaus blieb praktisch nur eine Ruine übrig. Doch die Schwestern Auguste und Maria brachten den Mut und auch den Fleiß zum Weitermachen auf.

Neben Eisenwaren und Hausrat bildeten landwirtschaftliche Artikel wie Pflüge, Pflugscharen, Mistgabeln, Wannen oder Kippdämpfer einen wichtigen Teil des Sortiments. Darüber hinaus besaß die Firma schon einen Stahlbereich. Eberhard Frick, der heutige persönlich haftende Gesellschafter des Unternehmens, erinnert sich, dass es noch bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts üblich war, den Stahl mit dem Milchauto auszuliefern. Der Milchlaster diente eigentlich dazu, die Milch aus den Dörfern des Umlands in die Molkerei nach Ellwangen zu bringen. Der Milchwagen transportierte frühmorgens den Stahl in die Dörfer wie Röhlingen, Pfahlheim, Tannhausen oder Walxheim, wo es jeweils ein sogenanntes Milchhäusle gab. Dort wartete dann schon der Dorfschmied auf seine Waren, holte sie ab und brachte sie in die Schmiede. „Just in Time“, scherzt Eberhard Frick: „Wir haben heute noch Kunden, die wir damals so beliefert haben.“ Einige dieser Kundenbeziehungen reichten sogar bis in die Zeit des Vorgängers von Friedrich Kicherer zurück: „Diese Tradition ist uns wichtig“, betont Frick.

Die Weichen für die Moderne werden gestellt

1954 bekam das Unternehmen den ersten eigenen Lastwagen. Zu diesem Zeitpunkt war Ernst Frick (1923 bis 1991), der Vater der heutigen Firmeninhaber, bereits als Geschäftsführer und stiller Teilhaber ins Unternehmen eingestiegen. Die Schwestern Auguste und Marie Kicherer waren beide ledig und kinderlos und hatten nach einem Mitarbeiter gesucht, der den Betrieb weiterführen würde. Frick brachte Erfahrung aus dem Eisenhandel mit und stellte dem Unternehmen auch Kapital zur Verfügung. Unter seiner Ägide verlegte sich der Schwerpunkt des Geschäfts auf den Stahlgroßhandel. Damit stellte er die Weichen für den modernen Betrieb, der unter anderem die Bauindustrie, den Stahlbau, Automobilzulieferer sowie Maschinenfabriken beliefert. Seine Frau Gertrud leitete den Einzelhandel und erweiterte das Sortiment um Haushaltswaren und Porzellan.

Seit dem Tod von Auguste Kicherer ist die Familie Frick der alleinige Inhaber des Betriebs. „Für uns ist es wichtig, dass das Unternehmen weiter Kicherer heißt“, sagt Eberhard Frick, dem es angesichts der Lebensleistung von Friedrich Kicherer und seinen Töchtern eine „Verpflichtung ist, den Namen beizubehalten“.

Als eines der ersten Unternehmen investierte der Betrieb im Jahr 1980 im damals neuen Industriegebiet Neunstadt. Trotzdem verlor die Firma ihr Stammhaus nie aus dem Blick. Das Haus in der Schmiedstraße und der dortige Einzelhandel werde immer beibehalten und gepflegt werden, betont Gesellschafter Eberhard Frick: „Wir wissen, woher wir kommen, und deshalb bleibt das auch erhalten.“

Tradition und Kundenbeziehungen verpflichten. Dass dies keine Einbahnstraße ist, zeigte sich beim Bau des neuen Stahlcenters im Industriegebiet Neunstadt. Unter den Grundstückseigentümern, die ihr Land an die Firma verkauften, seien einige Landwirte gewesen, die schon lange Kunden des Betriebs sind, erzählt Eberhard Frick.

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