Schlechtes Versteck: Amphetamin steckt in Kaugummidose

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Kontrolle im Akkord, während die Sonne auf den Parkplatz der Arena Ilshofen (Landkreis Schwäbisch Hall) sticht. Während Schäferhund Quanto jault und sich durch den Inhalt eines Kleinbusses wühlt, muss ein Mann auf einer Linie entlanggehen. Linker Fuß mit der Hacke an die Spitze des rechten Fußes – und so weiter. Dazwischen durchsuchen Polizisten mehrere Fahrzeuge. Da rollt schon das nächste Auto in die improvisierte Kontrollstelle.

Doch auch ohne den fünfjährigen Drogenspürhund finden die Beamten in einem anderen Camper, wonach sie vermeintlich suchen. Eine Polizistin öffnet eine Kaugummidose. Darin steckt ein kleines Tütchen mit Pulver. Für eine Anzeige reichen die 0,05 Gramm Amphetamin aus. Der junge Mann, der den Bus fuhr, wirkt nervös, sein Gesicht ist wie versteinert – erwischt, mit weitreichenden Folgen.

„An anderen Tagen wäre uns der sicher durchgeflutscht“, sagt einer der Beamten, während er mit Einweghandschuhen eine Matratze aus dem Kleinbus räumt. Doch nicht an diesem Nachmittag. Das Polizeipräsidium Aalen kontrolliert das gesamte Wochenende an zwei Stellen zwischen Crailsheim und Schwäbisch Hall Besucher des Jungle-Beat-Festivals und deren Autos.

Großkontrolle soll sich herumsprechen

Bereits zum sechsten Mal feiern rund 4500 Elektromusikfans bei Crailsheim. „In den vergangenen Jahren hatten wir deswegen Probleme mit Drogen im Straßenverkehr“, sagt Polizeioberkommissar Alexander Feindt. Die Großkontrollen über das gesamte Festivalwochenende sei eine Präventivaufgabe. „Wir wollen für Sicherheit sorgen. Die Leute sollen erst gar nicht zugedröhnt fahren“, sagt er weiter. Sie erhoffen sich rege Mund-zu-Mund-Propaganda.

Um das festzustellen, müssen verhaltensauffällige Fahrer erstmal in die Ilshofener Arena – um Wasser zu lassen. Ein Schnelltest gibt einen ersten Anhaltspunkt. „Das ist freiwillig“, erklärt Feindt. Aber: Wer verweigert, muss nach Kirchberg zum Revier. Dort wartet ein Arzt für die schnelle Blutentnahme. Dieser komme auch dann zum Einsatz, wenn der Schnelltest einen positiven Wert ausspuckt. Und da Pipi nicht so weh tut, weil man dafür für gewöhnlich keine Nadel braucht, gehen meist gut gelaunte Fahrer mit den Beamten in Richtung Halle. Schlechte Stimmung will größtenteils nicht aufkommen – die meisten sind bereits im Wochenend- und Festivalmodus.

In dem wäre sicherlich auch der Besitzer der Kaugummidose gern. Doch sein Tütchen mit dem Amphetamin ist weg – ihm bleibt nur die Standpauke eines Polizisten, der nebenbei mit seinen Kollegen den gesamten Bus ausräumt. Die Zeit, seinen Ärger auszudrücken, nimmt er sich. Vor allem, nachdem der Mann seinen Beruf erwähnt: Erzieher. „Das geht überhaupt nicht. Und so jemand betreut unsere Kinder“, schimpft er. „Ich sage nichts dazu“, erwidert der Mann, sein Gesicht bleibt ausdruckslos.

Fahrer werden auf Drogenkonsum getestet

Genauso wie sein Schnelldrogentest. Der Erzieher ist sauber und kann weiter. „Wir kontrollieren nur die Fahrer. Der Konsum ist in Deutschland nicht verboten, nur der Besitz“, so Polizeioberkommissar Feindt. Und natürlich das Fahren unter Einfluss von Drogen oder Alkohol. Beifahrer bleiben von Urinkontrolle oder Blutentnahme verschont. Doch auch ein negativer Test muss nicht folgenlos bleiben. Drei Führerscheine wurden direkt eingezogen. 82 Anzeigen gehen raus, davon 45 wegen Besitzes von Betäubungsmitteln. 31 Fahrer werden zudem angezeigt, weil sie unter Drogeneinfluss Auto gefahren sind.

Auf den Erzieher wartet ebenfalls eine Strafanzeige. „Er könnte sogar ein Berufsverbot bekommen“, sagt Polizeiobermeister Hannes Schwab. Das allerdings entscheide die Staatsanwaltschaft. In seinem Fall gehe es darum, dass er mit Kindern und Jugendlichen arbeite. Im Fall einer Gruppe aus England kommt ein anderer Umstand zum Tragen.

Polizei sucht bei Festivalbesuchern nach Drogen
Die Polizei sucht nach allen möglichen Drogen bei den Festivalbesuchern. Im Fokus stehen vor allem die Fahrer.

Eigentlich sogar mehrere. Zum einen riecht der gesamte tiefer gelegte Kleinbus nach Marihuana. Zum anderen haben die Insassen keinen Wohnsitz in Deutschland. Es soll ihr Glück sein. Rund fünf Gramm Cannabis finden die Beamten – allerdings mit Hilfe. Zwar nehmen die Polizisten den gesamten Bus auseinander, das Mariuhana händigt ihnen einer aus der Gruppe aber freiwillig aus. Und mit ihm zwei sogenannte Crusher: Mühlen, um die Blüten zu zerkleinern.

Dann ist der ungestüme Schäferhund Quanto nochmal dran. Er springt durch die offene Luke des Busses – raus, rein, hin und her. Der Hundeführer muss ihn immer wieder an noch zu beschnüffelnde Stellen führen. Vor dem Fahrzeug haben die Polizeibeamten allen Inhalt großzügig ausgebreitet. Da darf Quanto jetzt auch noch durch. Mit seiner in einem Maulkorb steckenden Schnauze wühlt er sich durch Taschen und Klamotten. Dann schlägt er Alarm.

Bekiffte Gruppe beobachtet Durchsuchung entspannt

„Durchsuch’ den Rucksack lieber nochmals gründlich“, sagt einer der Polizisten zu einem Kollegen. „Sicher ist sicher.“ Doch drin ist nichts mehr – zumindest nichts von Interesse. Seine Nase, sie hat den Spürhund nicht betrogen. Im Rucksack waren die Blüten, die bereits einen Bus weitergewandert sind. „Die Drogen kommen zum Landeskriminalamt nach Stuttgart“, erzählt Schwab. Zur zentralen Rauschgiftlagerung.

Entspannt beobachten die Engländer im Kreis sitzend ihren Bus, die verstreuten Sachen und den sich hindurchpflügenden Quanto. Der Fahrer ist nüchtern. Die Gruppe kann einräumen. „Der Staatsanwalt muss jetzt entscheiden, was hier noch passiert“, sagt Schwab. Dieser könne sofort eine Geldstrafe verhängen – weil die Insassen keine deutsche Adresse haben – oder einstellen. Letzteres sei eher wahrscheinlich. „Das ist zumindest die Erfahrung“, so der Polizist. Ärgerlich? „Die Entscheidung trifft die Justiz.“ Schlimmer wäre es, wie er sagt, wenn einer von ihnen gefahren wäre.

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