Der Spender der Bibel Gerhard Roese (rechts) im Gespräch mit Michael Freiherr von Thannhausen (Zweiter von rechts), Landrat Kla
Der Spender der Bibel Gerhard Roese (rechts) im Gespräch mit Michael Freiherr von Thannhausen (Zweiter von rechts), Landrat Klaus Pavel (Mitte.), Hedwig Stempfle (Zweite von links) und Marlies Anders (links). In der Hand hält er ein Portrait von Ernestine und Eduard Leiter, den letzten bekannten Besitzern der prachtvollen Doré-Bibel, die in der Virtrine liegend zu sehen ist. (Foto: Jürgen Blankenhorn)
Jürgen Blankenhorn

29 Jahre nach ihrer Wiederentdeckung endet die Odyssee einer Prachtbibel mit Illustrationen des französischen Grafikers Gustave Doré. Sie hatte den jüdischen Eheleuten Ernestine und Eduard Leiter gehört, die 1942 deportiert und im Lager Treblinka ermordet wurden. Gerhard Roese, der die Bibel vor zwei Jahren bei einer Online-Auktion ersteigerte, hat sie nun dem Trägerverein der ehemaligen Synagoge Oberdorf geschenkt.

In einer ergreifenden Rede erzählte Gerhard Roese die Geschichte der Familie Leiter und ihrer Familienbibel. Mit Eintritt in den Ruhestand war die Metzgersfamilie Leiter im Jahr 1931 von Stuttgart nach Ulm gekommen, wo bereits ihr Sohn Sally lebte. Ihm gelang es, 1939 in die USA auszuwandern. Versuche, seine Eltern nachzuholen, scheiterten. 1938 wurden Ernestine und Eduard Leiter gezwungen, nach Oberdorf, den Geburtsort von Ernestine, geborene Neumetzger, umzuziehen.

Fortan bestimmten Schikanen ihr Leben. Sie gipfelten in der Enteignung der Familie am 21. August 1942, einem Tag vor der Deportation. Am 29. September 1942 wurden Ernestine (72) und Eduard Leiter (77) vom Amtsgericht Neresheim für tot erklärt. Sie waren vermutlich direkt nach ihrer Ankunft in Treblinka durch Motorenabgase vergiftet worden.

Bibel wurde 1990 hinter einer doppelten Wand entdeckt

1990 stießen dann die Besitzer des Hauses Ellwanger Straße 35 bei Renovierungsarbeiten auf eine doppelte Wand, hinter der sich eine Truhe mit Briefen, Schmuck, Geld und der Prachtbibel befand. Nachdem Benjamin Schmitt, der Sohn der Besitzer, aus Zeitmangel die Restauration nicht umsetzen konnte, entschied er sich, den prächtigen Folianten bei einer Online-Auktion zu verkaufen, wo ihn Roese 2017 für 65 Euro ersteigerte. Auf dem Postweg verschwand die Bibel abermals. Sie fand aber den Weg zurück zum Verkäufer, der sie Gerhard Roese nochmals anbot.

Als der die Bibel dann erstmals in den Händen hielt, sei ihm schnell ihre Bedeutung klar geworden. Dieses emotionale Erlebnis sei für ihn auch der Grund, weshalb er die Bibel noch nie geöffnet habe. „Dieses Objekt war überhaupt nichts, das ich legitim besitzen konnte! Es war verfolgungsbedingt aufgegebenes jüdisches Eigentum! Dass es sich in meinem oder anderem Besitz befindet, war von den legitimen Eigentümern nie intendiert. Es war etwas, das ich nur besitzen darf, bis ich es den legitimen Eigentümern zurück geben kann!“, versuchte Schenker Gerhard Roese seinen inneren Zwiespalt, aber auch seine Freude und die Verantwortung zu beschreiben, die er mit dem Erwerb des Erbstückes mit seiner bis dato für ihn unbekannten Familiengeschichte übernommen hatte.

Fotoaktion führt Menschen aller Glaubensrichtungen zusammen

Im Zuge einer Fotoaktion für das Projekt „Heilige Schrift der Israeliten“, das die Restaurierung des Prachtbandes begleitete. fand einer der Porträtierten beim Durchblättern des Bandes eine an Eduard Leiter in Söflingen adressierte Postkarte. Darin hatte die Deutsche Verlagsanstalt mitgeteilt, dass es für die Bibel keine Einbanddecken mehr gebe. Also sollte die Bibel schon damals restauriert werden.

Die Recherchen führten Roese relativ schnell nach Oberdorf. Da seine Suche nach den rechtmäßigen Erben bisher erfolglos geblieben war, entschloss er sich, die Bibel dem Trägerverein zu schenken und so alle an der Restaurierung Beteiligten und Interessierten zu Erben der Prachtbibel der Familie Leiter zu machen.

„Die Bilder zeigen Menschen aller Hautfarben, Nationalitäten und Konfessionen. Und alle wurden von dem Projekt zusammengeführt“, freut sich Roese über die Wirkung der begleitenden Fotoaktion. Musikalisch umrahmt wurde die Schenkungszeremonie und Eröffnung der Ausstellung von Danielle Amerein und Milos Szabo am Klavier sowie Ida Chu an der Violine.

Zuvor hatte Michael Freiherr von Thannhausen, Vorsitzender des Trägervereins die zahlreich erschienenen Gäste und Landrat Klaus Pavel begrüßt. Sein besonderer Dank galt neben der Restaurtorin Andrea Alt vor allem den Sponsoren des Projektes, Katrin Höhmann und Michael Alt, ohne deren Unterstützung eine solch umfangreiche Restaurierung nicht möglich gewesen wäre.

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