Friedhofsführung vermittelt interessante Details der jüdischen Geschichte

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Peter Karl Müller (rechts) erläuterte den historischen Zusammenhang der Gräber auf dem jüdischen Friedhof in Oberdorf.
Peter Karl Müller (rechts) erläuterte den historischen Zusammenhang der Gräber auf dem jüdischen Friedhof in Oberdorf. (Foto: Blankenhorn)
Jürgen Blankenhorn

Er hat schon etwas Mystisches und Geheimnisvolles, aber auch Beruhigendes und Besinnliches und regt zum Nachdenken an: der 1823 eingeweihte ehemalige jüdische Friedhof in Oberdorf. In Reih und Glied, sorgsam nach Osten ausgerichtet, stehen die 470 Grabsteine.

Zum Teil von Efeu überwuchert und von der Witterung gezeichnet, sieht man ihnen ihr Alter deutlich an. Aber ihre Inschriften erzählen einen Teil der auch heute noch bewegenden Geschichte der jüdischen Gemeinde, die über Jahrhunderte die Geschichte Oberdorfs und Bopfingens mitgeprägt hat. Das Hauptaugenmerk legte Peter Karl Müller, der kurzfristig für Felix Sutschek als Erklärer einsprang, auf die Symbolik, die viele Grabsteine ziert und vieles über das Leben des Toten aussagt. Symbole wie die Levitenkanne, die segnenden Hände, der Chanukka-Leuchter, der einen Stapel Bücher stützende Löwe, ein gebrochener Baum, Zedaka-Box oder ein Vogelpaar wurden von Peter Karl Müller in vielen Geschichten und Details zu den Gräbern erklärt.

Während die ersten Grabsteine hebräisch beschriftet waren, wurden ab 1845 die Namen der Toten auch auf Deutsch in die Steine gemeißelt. Erst ab 1865 wurde die Westseite der Grabsteine auf Deutsch beschriftet, während die Ostseite weiter hebräisch blieb. Mit der Zeit passte man sich an die deutschen Gewohnheiten an. So lösten Anfang des 19. Jahrhunderts zum Teil sehr prunkvoll gestaltete Grabstätten die ursprünglich gleichförmigen und schlichten Grabsteine ab, die die Gleichheit der Toten verdeutlichen sollen.

Um 1925 wurde der Friedhof nach Westen erweitert. Nach dem Tod des letzten jüdischen Totengräbers 1936 wurde das Haus verkauft, ehe es 1954 endgültig abgerissen wurde. Die letzte Bestattung fand 1948 statt. Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden auch polnische Juden und durch den Krieg Vertriebene hier ihre letzte Ruhestätte.

Der Oberdorfer Friedhof diente auch als Grabstätte für Mitglieder der jüdischen Gemeinde Schwäbisch Gmünd. Laut Peter Karl Müller sind drei Rabbinergräber auf dem Friedhof nachweisbar. So fanden der in Wallerstein geborene Jacob Oberdorfer (1884), der in Frankfurt am Main geborene Gabriel Abler Kohn (1855) und Oberdorfs letzter Rabbiner Dr. Hermann Kohn (1930) hier ihre letzte Ruhestätte. Weitere Persönlichkeiten sind der Fabrikant Veit Weil, dessen Sohn Kommerzienrat Karl Weil sowie der Lehrer und Kantor Heinrich Pappenheim mit seiner Frau Fanny.

Im Laufe der Führung entwickelten sich zudem interessante Gespräche und Dialoge zwischen den Teilnehmern, bei denen man noch viele weitere Details rund um die jüdische Kultur erfahren konnte. Ebenfalls interessante Führungen durch die Synagoge ergänzten das Programm des Trägervereins der ehemaligen Synagoge Oberdorf zum europäischen Gedenktag der jüdischen Kultur.

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