(Foto: Martin Bauch)
Martin Bauch

Es ist, als sei das jüdische Gotteshaus in Oberdorf aus einer langjährigen Starre erwacht und beginne wieder zu atmen. 75 Jahre nach der Reichspogromnacht in Deutschland feiern Bopfinger Christen und amerikanische Juden ihren ersten gemeinsamen Gottesdienst in der ehemaligen Synagoge von Oberdorf.

„Heute ist ein ehrwürdiger Moment“, sagte Dr. Diethelm Winter, ein sichtlich bewegter Vorsitzender des „Trägerverein ehemalige Synagoge Oberdorf“ und früherer Landrat. 1988 besuchte Winter mit einer kleinen Gruppe interessierter Bürger das ehemalige Gotteshaus in Oberdorf, das damals einem Unternehmen als Lagerhalle diente. „Die erste Begegnung mit der ehemaligen Synagoge hat uns alle tief beeindruckt. Wir fühlten uns verpflichtet, alles in unseren Kräften Stehende zu tun, um die ehrwürdige alte Synagoge in Oberdorf wieder herzustellen, sie mit neuem Leben zu füllen und der Nachwelt einen würdevollen Ort der jüdischen Geschichte zu erhalten“, sagte Winter.

Historischer Moment

Heute haben die Mitglieder des 25 Jahre später gegründeten „Trägervereins ehemalige Synagoge Oberdorf“ selbst Geschichte geschrieben. Sie haben aus einem Ort der dunklen Vergangenheit eine Stätte der Begegnung und der Aussöhnung zwischen Christen und Juden gemacht. Einen großen und wichtigen Anteil am Erfolg dieses Versöhnungsprozesses haben die überlebenden Juden aus Oberdorf und ihre Familien. Karl Heimann war damals einer der Oberdorfer Juden, die Deutschland in der Zeit des Naziterrors verlassen mussten, um sein Leben und das seiner Familie zu retten. Nach Ende der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten und des Zweiten Weltkrieges war es Heimann, der den Deutschen die Hand zur Aussöhnung gereicht hat.

Es folgte eine Zeit des Lernens voneinander. Nach dem Tode Heimanns hielt seine Tochter Elisabeth Prial im Sinne ihres Vaters das Andenken der jüdischen Geschichte in Oberdorf am Leben. Es ist vor allem Elisabeth Prials Engagement zu verdanken, dass heute, nach langer Zeit, wieder ein jüdischer Gottesdienst in der ehemaligen Synagoge gefeiert werden durfte.

Den Gottesdienst hielt Rabbi Howard Nacht, der es verstand, den vielen Gästen und Besuchern eine ihnen überwiegend unbekannte Religionskultur einfühlsam näherzubringen. Höhepunkt des Gottesdienstes war die Enthüllung der Thorarolle der Familie Heimann, aus der Rabbi Howard Nacht einige Zeilen auf Hebräisch las. Unter den vielen Gästen befanden sich neben Bürgermeister Dr. Gunter Bühler auch Landrat Klaus Pavel sowie die Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche Bopfingens. Im Anschluss an den Gottesdienst gab es noch einen kleinen Stehempfang in der Synagoge. Begleitet wurden Elisabeth Prial und ihre Familie von Schülern und Studenten der B`nai Torah Schulen in den USA. Schüler des Ostalbgymnasiums in Bopfingen trafen sich zu Gesprächen mit ihren amerikanischen Mitschülern und beschlossen, eine Schulpartnerschaft einzugehen. Als Übersetzer begleitete John Saniter die Besuchergruppe auf ihren Stationen jüdischer Gedenkstätten in Bopfingen.

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