Zauber von Prosa und Poesie

Lesedauer: 4 Min

Michael Kausch und Anne Klöcker bei der szenischen Lesung aus Ray Bradburys Roman „Fahrenheit 451“.
Michael Kausch und Anne Klöcker bei der szenischen Lesung aus Ray Bradburys Roman „Fahrenheit 451“. (Foto: Schlipf)
Gerhard Krehlik

Die fünfte Veranstaltung in der Reihe „Im Bann der Bücher“ des Theaters der Stadt Aalen hat am Donnerstagabend in der Bibliothek von Schloss Fachsenfeld Premiere gefeiert. Dort im einmaligen Ambiente der Schlossbibliothek sind die Plätze für Menschen begrenzt. Es ist ein Platz für Bücher. Aus diesem Grund war die Anzahl des Premierenpublikums auf etwa 40 Personen begrenzt, und es gab Blickkontakt zu den beiden Akteuren.

Einen besseren Platz für die szenische Lesung aus Ray Bradburys Roman „Fahrenheit 451“ als diese Bibliothek hätte sich Kerstin Bell vom Aalener Theater – sie hat die szenische Lesung eingerichtet – nicht aussuchen können, denn auch in Bradburys düsterem Roman geht es bekanntlich um Bücher. Um Bücher, die in einer utopischen Gesellschaft ausnahmslos verboten sind und die von der „Feuerwehr“ aufgespürt und verbrannt werden. Und wenn dabei der Besitzer der Bücher gleich mit verbrennt, so ist dies auch nicht weiter tragisch. Der Feuer(wehr)mann Guy Montag (Michael Kausch) bekommt allerdings nach seinem letzten Einsatz, bei dem er mit seiner Kerosinspritze neben vielen Büchern auch eine alte Frau verbrannt hat, Gewissensbisse und beginnt, an seinem Beruf und seinem Leben zunehmend zu (ver)zweifeln. Denn er hat heimlich immer wieder Bücher vor dem Verbrennen gerettet und mit nach Hause genommen. Dort gerät er in den Bann der Bücher und erliegt dem Zauber von Prosa und Poesie.

Michael Kausch spielt den zweifelnden Guy Montag sehr überzeugend und eindringlich als unsicheres und ängstliches Mitglied einer gleichgeschalteten, diktatorisch beherrschten Gesellschaft, in der das Individuum durch banale Fernsehunterhaltung und allgegenwärtige Vergnügungsparks vom eigenen Denken abgehalten werden soll. Ähnlichkeiten mit aktuellen Entwicklungen sind reiner Zufall.

Den Gegenpol zum verunsicherten Guy Montag übernimmt die Schauspielerin Anne Klöcker gleich in mehreren Rollen. Sie spielt den, vom System überzeugten, großspurigen Feuer(wehr)kommandanten Captain Beatty mit seinem nervigen Megaphon genauso glaubwürdig wie Montags Frau Mildred, die ihr stupides Dasein auf Partys und vor dem Fernseher genießt oder auch den pensionierten Literaturprofessor Faber. Klöcker spielt diese wechselnden Rollen mit Lust und extrovertierter Überzeugung, wechselt geschmeidig zwischen den verschiedenen Charakteren und versorgt das Premierenpublikum bei der Party mit ihren fiktiven Freundinnen auch mal großzügig mit Chips aus der Tüte. Happy End gibt’s natürlich keines. Am Schluss wird Feuer(wehr)mann Guy Montag gezwungen, sein eigenes Haus und seine Bücher abzufackeln, dann wird es kurz dunkel in der Bibliothek, ehe Michael Kausch, Anne Klöcker und Kerstin Pell den verdienten Beifall der Premierenbesucher entgegennehmen dürfen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen