Wirte beißen in den sauren Apfel

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Sie lassen sich die gute Laune nicht vermiesen: die Inhaberin des Quattro, Carolin Aprrich (links), und die Geschäftsführerin de (Foto: Schlipf)
Schwäbische Zeitung
Redakteurin/DigitAalen

Musikende um 23.30 Uhr, Ausschankende um 0.30 Uhr. Am Sonntag muss sogar um 20 Uhr die Musik abgestellt werden. Die Stadt hält auch in diesem Jahr an ihren Auflagen für die Reichsstädter Tage fest. Ihretwegen haben im vergangenen Jahr die Betreiber des Wunderlich, Reichsstädter Cafés, Dannenmann und Rambazamba ihre Kneipen geschlossen. Die damit verbundene Hoffnung, dass die Stadt dadurch wachgerüttelt wird, ihre Auflagen überdenkt und Dinge nicht mehr im Alleingang beschließt, hat sich nicht erfüllt. In diesem Jahr haben alle Kneipen geöffnet – trotz des Schankschlusses und den damit verbundenen Kontrollen. Die Gastronomen beugen sich den Vorschriften. Manche allerdings nur zähneknirschend.

„Die Forderung, dass ab 0.30 Uhr niemand mehr mit einem Glas vor der Türe stehen darf, lässt sich so gut wie nicht kontrollieren.“ Dies war für Edwin Mahler, Inhaber des Wunderlich, ein Grund, sein Lokal im vergangenen Jahr zuzulassen. Ausschlaggebend sei auch das „Riesentheater“ gewesen, das er vor einigen Jahren mit Polizisten der Bereitschaftspolizei gehabt habe. Nicht zuletzt hätten ihn die von der Polizei vor zwei Jahren veranlassten Testkäufe zu diesem Schritt bewegt. Dieses Mal ist er jedoch wieder mit im Boot. Das Wunderlich selbst bleibt allerdings zu. Nach Schankschluss wird auch die Außenbar geschlossen, um keine Schwierigkeiten zu bekommen. „Ich will mal schauen, wie es dieses Jahr läuft“, sagt Mahler. Sofern es allerdings Probleme gebe, werde er sich am nächsten Stadtfest nicht wieder beteiligen. „Viele haben schon gar keine Lust mehr, auf die Reichsstädter Tage zu gehen“, sagt Mahler und führt dies auf die Auflagen zurück. Darüber hinaus verlange die Stadt von ihm für drei Tage 500 Euro. Diese müssten erst einmal erwirtschaftet werden.

Lokale werden zugebaut

Als eine Protestaktion möchte Martin Dannenmann, Inhaber der gleichnamigen Kneipe und des Rambazamba, die Schließung seiner Lokale im vergangenen Jahr nicht verstanden wissen. „Ich bin auch kein Querulant, sondern Gastronom.“ Als solcher müsste er allerdings auch darauf achten, dass er am Ende der drei Tage finanziell gesehen keine Miesen mache. Darüber hinaus würden beide Lokale an den Reichsstädter Tagen so von Ständen zugebaut, dass sie kaum noch zugänglich seien. „Zudem muss ich einen Haufen Geld bezahlen und dann auch noch die Auflagen in Kauf nehmen“ – von den Reinigungskosten für die Toiletten einmal abgesehen, die am Stadtfest stark frequentiert seien, weil die Stadt zu wenig Klowagen aufstellen würde. In diesem Jahr sei es Dannenmann wichtig, stressfrei durch die Reichsstädter Tage zu kommen. Auf hunderte von Leuten aufzupassen, damit diese nicht mit ihrem Getränk ins Freie gehen, sei allerdings schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Die Reichsstädter Tage seien ein Fest der Stadt und nicht des Rambazamba oder Dannenmann. Dann sei diese auch in der Pflicht, dass dies funktioniere.

Umsatz nur in drei Stunden

Um einer Konfrontation mit den Ordnungshütern oder dem Sicherheitsdienst aus dem Weg zu gehen, hat Ebru Kaya, Geschäftsführerin des Hobel, im vergangenen Jahr sogar darauf verzichtet, an der Außenbar Schnäpse auszuschenken. In diesem Jahr hält sie daran allerdings nicht fest – auch wenn damit stärkere Ausweiskontrollen verbunden sind. Bei den letzten Reichsstädter Tagen habe der Aufwand in keiner Relation zu dem Umsatz gestanden, der an drei Stunden gemacht werden konnte. Der Hobel selbst bleibt am Stadtfest komplett geschlossen. „Ich will mir die anschließenden Renovierungskosten ersparen“, sagt sie. Auf diese Weise müsste sie auch nicht darauf achten, ob jemand noch nach Schankschluss mit einem Getränk nach draußen geht. „Wenn die Stadt mir zwei Security-Mitarbeiter zur Verfügung stellt, dann kann ich auch drinnen aufmachen.“

Die Inhaberin des Quattro, Carolin Apprich, steht an den Reichsstädter Tagen selbst an der Tür und wird darauf achten, dass die Gäste nach Schankschluss im Lokal bleiben. Mit den Auflagen kann auch sie sich nicht anfreunden, „aber letztlich bleibt ja nichts anderes übrig, als diese zu akzeptieren“. „Die Reichsstädter Tage finden ein Mal im Jahr statt und sind ein Selbstläufer“, sagt Apprich. Insofern kann sie es nicht nachvollziehen, dass ein solches Fest kaputt gemacht werde. „Viele bleiben diesem mittlerweile fern“ – das hört sie nicht nur von Stammgästen, sondern auch von Auswärtigen.

Nicht anders als im vergangenen Jahr wird es in der Havanna Bar ablaufen. Neben Alterskontrollen sollen Türsteher dafür sorgen, dass alles ordnungsgemäß abläuft, sagt Joachim Klutz, einer der drei Besitzer. Mit den Auflagen sei den Wirten eine riesige Verantwortung aufgehalst worden, die eigentlich die Stadt übernehmen müsste. „Somit sind nun wir eine Art Ping-Pong-Ball zwischen dem Gast und Bürger und der Stadt“, sagt Klutz.

Mit den Auflagen weniger Probleme hat die Inhaberin des Café Podium, Stefanie Winter. Sie habe das Gefühl, dass die Stadt mit Blick auf das Schankende auch sehr kulant sei. Allerdings gibt sie zu, dass es sich vor allem bei schönem Wetter nur schwer realisieren lasse, Gäste daran zu hindern, mit ihrem Getränk nach draußen zu gehen. Ihr Problem seien eher Randerscheinungen wie überfüllte Toiletten.

Gar nicht zu dem Thema äußern wollten sich die Inhaberin des BB, Kati Witzke, und der Chef des Reichssstädter Cafés, Markus Schäffler. Beide Gastronomen sind allerdings auch wieder mit von der Partie.

Die Auflagen der Stadt

Am Freitag und Samstag ist um 23.30 Uhr Musikende, Ausschankende im Freien um 0.30 Uhr, das heißt im Außenbereich dürfen danach keine Getränke mehr konsumiert werden. Am Sonntag endet die Musik um 20 Uhr, das Ausschankende ist auf 20.30 Uhr terminiert. Die Ausgabe von branntweinhaltigen Getränken von und an Minderjährige unter 18 Jahren ist verboten. Die Abgabe und der Verzehr anderer alkoholischer Getränke (zum Beispiel Bier und Wein) an Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren ist nicht gestattet. Bei Verstößen handelt es sich in beiden Fällen nach dem Jugendschutzgesetz um eine Ordnungswidrigkeit, die mit einer Geldbuße von bis zu 50 000 Euro geahndet werden kann. An erkennbar Betrunkene darf kein Alkohol mehr ausgegeben werden. Wer sich nicht daran hält, verstößt gegen das Gaststättengesetz und muss eine Geldbuße von bis zu 5000 Euro zahlen. Das Alter muss kontrolliert werden, es sei denn es ist bekannt oder eindeutig bestimmbar.

Wer gravierend überzieht, muss mit Konsequenzen rechnen

Als Buhmann möchte Bürgermeister Wolf-Dietrich Fehrenbacher mit Blick auf die Auflagen der Stadt nicht dargestellt werden. Seine Aufgabe sei es, widerstreitende Interessen auszutarieren. Die Gastronomie soll zu ihrem Recht kommen, aber auch die Anwohner, die seiner Ansicht nach tolerant genug seien. Als er in Aalen sein Amt als Bürgermeister angetreten habe, sei das Festende auf 24 Uhr begrenzt gewesen. Jetzt dürfen die Wirte eine halbe Stunde länger ausschenken, gefeiert werden darf bis 1 Uhr. Ein Fest, das an zwei Tagen bis drei Uhr morgens geht, kenne er nicht. „Wer länger feiern will, kann das bei Zimmerlautstärke in den Lokalen oder in den verschiedenen Diskotheken“, sagt Fehrenbacher.

Die Reichsstädter Tage seien nicht als Party gedacht, die bis in die Nacht hinein andauert und in der sich die Menschen vollaufen lassen. Das Fest habe eine andere Intention. Hier sollen Bürger zusammenkommen und gemeinsam Freude haben – auch tagsüber. In anderen Städten seien die Auflagen noch restriktiver und es funktioniere trotzdem. Darüber hinaus schränke die Stadt die Gastronomie das ganze Jahr über nicht ein. Nirgends werde die Außenbewirtung so liberal gehandhabt wie in Aalen. An den Reichsstädter Tagen gebe es aber nicht nur die Nachtschwärmer, sondern auch Anwohner, die irgendwann ihre Ruhe haben und schlafen wollen.

„Wir appellieren an die Wirte, sich an die Ausschankzeit zu halten und daran, dass um 1 Uhr Ruhe einkehrt.“ Polizei und Sicherheitsleute werden unterwegs sein und die Auflagen kontrollieren. Dabei werde nicht jeder sofort abgestraft, sagt Fehrenbacher. Er sei der Ansicht, dass man sich in den meisten Fällen gütlich einigen könnte. Wer allerdings Alkohol an Minderjährige ausgebe oder die Zeiten gravierend überzieht, müsse im nächsten Jahr mit Konsequenzen rechnen. Die meisten Gastronomen seien, so Fehrenbacher, einsichtig. Im vergangenen Jahr habe es nur kleinere Probleme gegeben, und das Fest sei insgesamt wunderbar verlaufen.

Skusa: Kompromisse müssen geschlossen werden

Die Auflagen der Stadt Aalen zu den Reichsstädter Tagen sieht der Citymanager Reinhard Skusa differenziert. Er freue sich über die „sensationelle Gastronomie“ in der Innenstadt. Diese genieße allerdings nicht zuletzt dank des Einsatzes des Innenstadtvereins Aalen City aktiv viele Freiräume – sowohl mit Blick auf die Außenbewirtung und die Flächen, die dafür genutzt werden dürfen, als auch die abendlichen Schließzeiten. Das werde in anderen Städten strenger gehandhabt. Bei den Reichsstädter Tagen müssten einfach Kompromisse geschlossen werden. „Dann sind alle zufrieden – Anwohner, Ordnungsamt und Gastronomen.“

Dafür zu sorgen, dass die Gäste nach Schankschluss nicht mehr rausgehen, könnte man den Gastronomen schon zumuten. Diesbezüglich müssten diese einfach ein wachsames Auge haben. Im Gespräch könne man viel klären, sagt Skusa. Und wenn an die Vernunft der Gäste appelliert wird, dürfte es auch zu keinen Problemen kommen. Die Ausschankzeit eine Stunde nach hinten zu verschieben, nur weil die Partyleute später weggehen, bringe nichts. Dies sei seiner Ansicht nach nur eine Umverteilung.

„Wir haben uns mit den Reichsstädter Tagen abgefunden“

Dass die Reichsstädter Tage und das damit verbundene Festende immer an den Beschwerden von Anwohnern festgemacht werden, kann Ruth Groß nicht verstehen. Seit 64 Jahren wohnt sie in ihrem Elternhaus in der Helferstraße über dem Hobel. Beklagt hat sie sich wegen des Stadtfestes noch nie. Außer ihr und zwei jungen Leuten im Gebäude des Quattro lebt kein Anwohner in der Helferstraße, ihrer Ansicht nach die „Partymeile“ schlechthin. „Das Stadtfest wird langsam kaputt gemacht. Wir reden hier von zwei Tagen, an denen Halligalli ist“, sagt Groß. Wenn sie der Lärm störe, schließe sie einfach ihre mit Isolierglas ausgestatteten Fenster. Damit, dass die Leute bis 2 Uhr morgens draußen sitzen und feiern, habe sie kein Problem. Dass die Musik allerdings früher abgestellt werden muss, findet Groß gut.

„Mit den Reichsstädter Tagen haben wir uns abgefunden, die paar Tage überleben wir“, sagt Wilhelm Böhringer, der am Marktplatz wohnt. An anderen Tagen würde er auf die Barrikaden gehen, dieser Veranstaltung wolle er jedoch keine Steine in den Weg legen. Er könnte sich auch damit abfinden, wenn erst um 0.30 Uhr die Musik ausgestellt wird. So ist es allerdings angenehmer. Auch ein Festende gegen 1 Uhr findet er in Ordnung. „So haben auch wir noch etwas von unserer Nacht.“ Noch gerne erinnert sich der 88-Jährige an die Reichsstädter Tage, an denen er bereits im Bett gelegen und ein Trompeter nach Festende das Stück „Il Silenzio“ gespielt habe.

Gegen die Reichsstädter Tage kämpft auch Dr. Heike Hoch nicht an, die mit ihrer Familie an der Stadtkirche lebt. Allerdings gibt sie zu, dass es schon sehr laut zugehe. Das Stadtfest sei allen gegönnt, die Umsatz machen wollen. „Wir entgehen dem Ganzen aber und fahren immer zu dem Termin in den Urlaub oder verbringen die Tage in unserem Garten.“

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