Redakteurin/DigitAalen

17.14 Uhr in der Bundeshauptstadt: Die Menschen tummeln sich auf dem Weihnachtsmarkt am S-Bahnhof Friedrichstraße. Der Duft von gebrannten Mandeln und heißem Glühwein zieht durch die schneidend kalte Abendluft. Unbeirrt vom Trubel fährt eine Radfahrerin an dem Platz vorbei. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich die schlanke Frau als Margit Stumpp, Bundestagsabgeordnete der Grünen aus dem Wahlkreis Heidenheim/Aalen.

Die 55-Jährige ist auf dem Weg vom Reichstag zu ihrem außerhalb gelegenen Büro im Haus „Unter den Linden“. Dort wird sie schon von ihren Mitarbeitern erwartet. Zuerst steht ein Videodreh an, später soll sie an einer Diskussionsrunde teilnehmen. Dann wird sie einen 14-Stundentag hinter sich gebracht haben. Der für eine Woche, in der Sitzungen im Bundestag statttfinden, in diesem Ausmaß aber nicht außergewöhnlich für Stumpp ist.

Als sie jetzt in ihrem Büro ankommt, dreht sie mit ihrem Mitarbeiter das Video, das sie auf ihrer Homepage veröffentlichen will. Passend zu ihrem Thema „Digitalisierung“ hat sie das Video als Kommunikationsmittel zu ihren Wählern entdeckt. „Die Videos sind der Renner“, sagt Stumpp nach dem Dreh. Jetzt gibt es erst mal Tee.

Kein Tag wie jeder andere

Heute ist kein Tag wie jeder andere für die Politikerin aus Königsbronn. Denn im Reichstag drehte sich viel um eine geplante Grundgesetzänderung, die Stumpp unterstützt. Die soll das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern in der Bildung lockern. Dadurch könnte der Bund die Länder mit Mitteln für eine bessere IT-Ausstattung an Schulen unterstützen. Für Stumpp ist es der „erste große Meilenstein in Berlin.“

Ein paar Stunden vorher hatte Stumpp über das Thema im Bildungsausschuss berichtet. Am Nachmittag geht sie über den Gang des Paul-Löbe-Hauses. „Ich war schon einmal da“, meldet sie sich bei einer Saaldienerin an, die sie nicht sofort auf der Anmeldeliste findet. „Nein, nicht bei der AfD“, sagt sie mit einem Lachen und zeigt auf die Unterschrift hinter ihrem Namen auf der Liste. Dann betritt sie den Raum und setzt sich an ihren Platz an dem großen runden Tisch.

„Es ist wichtig, dass die Finanzmittel verlässlich sind“, erklärt sie ihren Kollegen. „Wir arbeiten alle daran, dass auch die Länder zustimmen.“ Leider seien die Ministerien aber zurückhaltend. „Auch mein Landesvater Kretschmann wird wohl nicht zustimmen, was ich sehr bedauere“, schließt Stumpp ihren Bericht und zählt damit zur Minderheit in der Runde, weil sie etwa eine halbe Minute vor Ablauf ihrer vierminütigen Redezeit endet. Die wird als Countdown auf einem großen Monitor in der Mitte des Raumes angezeigt. Während ihre Kollegen reden, macht sie sich Notizen, dreht eine Haarsträhne im Nacken und nickt ab und zu zustimmend.

Wie sich eine Woche später herausstellen wird, deutet sie mit ihrem letzten Satz schon das vorläufige Aus der Gesetzesänderung an. Die Länder stoppen den Entwurf, noch bevor es überhaupt zur Abstimmung im Bundestag kommt.

Keine Zeit für Pausen

Noch ist Stumpp aber am Kämpfen. Nach der Ausschusssitzung im Paul-Löbe-Haus ruft sie erst einmal die Redakteurin einer Zeitung in ihrem Wahlkreis an. Sie spricht ihr auf die Mailbox, was ihre Themen der Woche sind, wobei die Grundgesetzänderung eine wichtige Rolle spielt. Dann setzt sie sich auf die Lederbank einer Sitzgruppe, die vor den Ausschussräumen des futuristischen Gebäudes stehen. Aus ihrem schwarzen Rucksack holt sie einen Joghurt und eine Vesperdose, Vollkornbrot mit Käse hat sie dabei. „Zum Essen gehen – so viel Zeit hab´ ich oft nicht.“ Manche Kollegen essen auch während der Ausschussitzungen – das mag sie nicht. „Ich brauch da ein paar Minuten Ruhe.“

Viel davon hat sie davon tagsüber tatsächlich nicht. In ihrem Terminkalender überschneiden sich Termine ständig, die Anwesenheit im Plenum des Bundestages schiebt sie ein. „In manchen Wochen ballt es sich“, sagt Stumpp. Heute nimmt sie an zwei Ausschüssen teil, die gleichzeitig abgehalten werden. Heißt für sie: organisieren, zwischen den Räumen hin und her wechseln und abwägen, wann sie ihre Redezeit nutzen muss.

Am Abend geht es für sie weiter zu einer Diskussionsrunde. Beim Medienpädagogischen Küchentalk geht es um die DSGVO. „Ich finde es furchtbar, wenn Eltern essen gehen, und ihre zweijährigen Kinder vor Tablets setzen. Da stehen mir die Haare zu Berge. Das sieht man an meiner Frisur zwar nicht. Aber ich bin gewillt die Eltern zu fragen, ob sie nicht wissen, was sie ihrem Kind damit antun?“

Nach dem Abendtermin steigt sie - heute zum letzten Mal – auf ihr Rad und fährt nach Hause. Als sie vor gut einem Jahr neu nach Berlin gekommen war, habe sie von Kollegen den Ratschlag bekommen, dass sie jetzt auf ihr Gewicht achten müsse. Man denke allein an die parlamentarischen Abende, bei denen es immer Snacks gebe. Stumpp, die viel Rad fährt und tagsüber kaum zum Essen Zeit findet, hat damit aber keine Probleme. Mittlerweile sei das Leben in der Landeshauptstadt schon ein bisschen Alltag. „Du fühlst dich sicherer, und wenn du morgens in deinen Kalender schaust und die vielen Termine siehst, denkst du nicht mehr, wie man das alles steuern kann.“

Erhabenes Gefühl bleibt

Das erhabene Gefühl, das einen beim Betreten des Reichtages überkommt, habe sie aber nach wie vor. „Das Umfeld ist schon ein ganz besonderes. Manchmal schüttle ich mich und sag mir, dass ich jetzt da dazugehöre.“ Am Anfang habe sie die Erfahrung gemacht, dass die Leute, die sie aus dem Fernsehen kannte, ganz normale Menschen sind. „Ich bin zum Glück niemand, der sich vorher bestimmte Bilder macht“, sagt sie über ihre Erwartungen an den Job in Berlin.

Sie erzählt eine Anekdote aus ihrer Anfangszeit: Als sie ihre Notebooks holte, ging sie in Richtung EDV-Abteilung. „Da hab ich ein Geräusch gehört, dass ich seit 20 Jahren nicht mehr gehört habe – eine elektrische Schreibmaschine.“ Damit seien die Schlüssel verwaltet worden. „Ab da wusste ich, dass hier auch nur mit Wasser gekocht wird.“ Ein Ritus, der zum Beginn gehört, ist auch die erste Rede, die im Bundestag gehalten wird. Sie wird angekündigt, es werden keine Zwischenfragen gestellt – „und hinterher wird man von den Kollegen gefeiert“, sagt Stumpp. Beim ersten Mal habe man einen kleinen Mann auf der Schulter, der einem sagt: ,Schau auch mal ins Publikum.“ Es sei jetzt zum Glück nicht mehr so aufregend wie damals. Eine Unsicherheit des Anfangs war die Frage, wer zur AfD gehört. „Eine Zurückhaltung, die sehr angebracht war, wie die Zeit gezeigt hat.“ Die Partei entpuppe sich immer mehr als stramm rechts mit Nazis in ihren Reihen.

Ein anderes Leben

Das Leben ist jetzt anders als früher als Lehrerin – klar. Aber nicht unbedingt komplizierter. „Ich war engagiert in meinem Beruf und war nebenher in der Kommunalpolitik“, sagt die Oberstudienrätin. Jetzt habe sie nur noch einen Job – die Politik. Aus dem Ehrenamt ist ein Hauptamt geworden. Und sie begegne jetzt anderen Menschen als früher, letztens habe einer der letzten Überlebenden des 9. Novembers einen Vortrag im Bundestag gehalten. „Meine Lieblingstermine sind aber immer noch die in den Schulen im Wahlkreis. Der Austausch mit den Schülern ist immer direkt und klar, herzerfrischend.“

Außerdem arbeiten ihr hier ihre Mitarbeiter zu, das sei früher auch anders gewesen. Ihre Mitarbeiter stehen hinter ihr. Sie ist keine Abgeordnete, die abends um 22 Uhr anruft, auch nicht am Sonntag, sagt ihre Büromitarbeiterin Alexandra Benzko. Sie achte darauf, dass niemand länger als zehn Stunden arbeite.

Ob sie sich vorstellen kann, jemals wieder an der Schule zu arbeiten? Sie kann. „Ich weiß, ich kann jederzeit wieder zurück. Ich halte das für wichtig, dass man weiß, dass ich von dem Job nicht abhängig bin.“

Mittwoch ist Französisch

Stumpp wohnt in der sogenannten Bundesschlange, einem rund 500 Meter langem Gebäude in der Joachim-Karnatz-Allee an der Spree in der Nähe des Schlosses Bellevue. Der Bund hatte das Gebäude Ende der 90er bauen lassen, als die Regierung von Berlin umzog. Dort sollten Wohnungen für Abgeordnete und Mitarbeiter entstehen. Heute ist es eine bunte Mischung, die dort wohnt, sagt Stumpp. „Es liegt schön und man hat kurze Wege.“

In Sitzungswochen beginnt ihr Mittwoch mit einem Französischkurs. „Immer wieder komme ich mit Menschen zusammen, die nur Französisch reden.“ Wenn das Gespräch über den oberflächlichen Smalltalk hinaus gehen solle, müsse sie ihr etwas eingerostetes Schulfranzösisch aufpolieren. Es ist ein Angebot des Bundestags, das sie wahrnimmt. Sport gibt es auch – „aber in einer normalen Sitzungswoche komm´ ich nicht einmal zum Joggen“, sagt Stumpp.

Vom Land in die Großstadt

Auch mit dem Stadtleben kommt sie jetzt zurecht. In der inneren Landkarte werden immer mehr weiße Flecken erkundet, manchmal kommt ihr Mann am Wochenende zu ihr nach Berlin und sie gehen gemeinsam in die Oper oder das Theater. Nicht auf den Weihnachtsmarkt. „Diese großen Weihnachtsmärkte – da zieht´s mich nicht hin. Das ist reiner Kommerz.“ Der in Königsbronn habe viel mehr Charme. Überhaupt: „Daheim ist daheim – klar. Da bin ich auch verwurzelt.“

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