Wie Kevin Kühnert auf Hasskommentare im Netz reagiert

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Redakteurin/DigitAalen

Aalen ist nicht Berlin – das hat der Juso-Chef Kevin Kühnert zu spüren bekommen, als er sich in der Aula der Aalener Hochschule auf die abendliche Veranstaltung vorbereitete. „Eine halbe Stunde vorher war es noch relativ leer, Punkt 19 Uhr kamen die Besucher dann alle um die Ecke“, erzählte Kühnert, der zum ersten Mal in der Stadt war. Fast niemand hätte den Saal zu spät betreten – in Berlin hätte das anders ausgesehen.

Kühnert hat mit der SPD-Bundestagsabgeordneten Leni Breymaier die Hochschule besucht. Das Konzept war kurzweilig: Zwei junge Poetry-Slamer trugen Texte vor, deren thematischen Inhalte die beiden Politiker hinterher besprachen. Dabei ging es unter anderem um Vielfalt. „Für mich ist das, was ich jeden Tag in Berlin auf der Straße sehe“, sagte Kühnert. Vielfalt werde von Menschen gemacht, als Beispiel nannte er die Ehe für alle. „Manchmal ist man Teil der Mehrheit, manchmal Teil der Minderheit.“ In diesen Fall sei die Ehe für alle vor allem für die Betroffenen wichtig - er selbst sei im vergangenen Jahr auf drei Hochzeiten gewesen, die so vor der Gesetzesänderung nicht statt gefunden hätten.

Unterschiedliche Meinung zur Groko und Humor auf Facebook

Nicht einer Meinung waren sich die beiden Politiker bei der Frage um die große Koalition. „Ich hab mich gefragt, wo kommen die Mehrheiten her für meine Inhalte, wenn wir in die Opposition gehen und ein rechtskonservatives Parlament haben“, sagte Breymaier. Kühnert dagegen spricht von einer Zwangsehe. In die „No-Groko“-Kampagne sei er aber mehr oder weniger hinein geschlittert.

Ein weitere Punkt, in dem sich die Politiker unterschieden, ist ihr Umgang mit Hass-Kommentaren. „Ich finde, dass Ironie oder Humor manchmal angebracht ist“, sagt Kühnert, der seit neun Jahren ein Facebook-Profil hat. Er wolle sich nicht auf dasselbe Niveau von Trollen herab lassen und auf Beleidigungen nicht mit Beleidigungen reagieren. „Ich schaue mir ganz oft das Profil der Leute an“, erzählt er. Hat der User vier Freunde und liked nur rechte Seiten, lösche er die Kommentare. „Ich hab keine Lust, denen die Reichweite zu schenken, die ich mir online erarbeitet hab´.“

„Jeder, der nur einmal in einer Talkshow sitzt, bekommt sofort mitgeteilt, was für eine daube Schell´ er ist.“

Mit spaßigen Antworten hat Breymaier keine guten Erfahrungen gemacht, sie schickt einen standardisierten Text zurück. Allerdings mache sie sich oft ein persönliches Späßchen daraus, die User grundsätzlich als „sehr geehrte Frau“ zu antworten, auch wenn es offensichtlich Männer seien. Der Hass berühre einen aber schon: „Das bleibt ja nicht in den Kleidern hängen“, sagt die SPD-Frau. Das Netz sei so unmittelbar. „Jeder, der nur einmal in einer Talkshow sitzt, bekommt sofort mitgeteilt, was für eine daube Schell´ er ist.“ Das Gekübel gehe so schnell, daher fordere sie auf, auch Positives zu schreiben und online zu loben.

„Was mich nervt, ist, dass die Leute im Netz ständig aneinander vorbei reden“, sagt Kühnert. Egal, was er schreibe, jemand kommentiere grundsätzlich einen Text darunter, der mit dem genannten Thema gar nichts zu tun habe. Aber über die Medienkompetenz der breiten Masse ließe sich auch streiten.

Ganz anders sei es, wenn man mit den Menschen in persönlichem Kontakt stehe, sagt Kühnert. Da fielen die Reaktionen komplett anders aus, weil die Anonymisierung des Netzes nicht mehr da sei. „In den vergangenen zehn Monaten ist es genau zwei Mal vorgekommen, dass Leute mich auf der Straße beschimpft haben.“

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